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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Rüttimann

AES B0554 | ZBZ Ms Z II 308

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 75

Alfred Escher an Johann Jakob Rüttimann, Zürich, Sonntag, 9. April 1848

Schlagwörter: Krankheiten, Regierungsrat ZH, Staatsschreiberstelle (Bund und Kantone), Tagsatzung

Briefe

Zürich, 9 April 1848.

Mein lieber Freund!

Anschließend an das beiliegende offizielle Schreiben1 zeige ich Dir, was zwar eher nothwendig als wichtig ist, an, daß ich dafür sorgen werde, daß auf Donnerstag ein Weibel mit der gehörigen Ausrüstung zu Deiner Disposition sei. –! –

Das Kreisschreiben des Vorortes2 ist auch nach meiner Ansicht mehr als lückenhaft. Indessen scheint es mir doch, es hätte vom Regierungsrath zu einer Instructionsertheilung gerade auch mit Beziehung auf die Frage der Besetzung v. Chablais & Faucigny3 handgeboten werden sollen. Legt auch der Vorort diese Frage nicht schwarz auf weiß vor, so liegt sie in den notorischen Vorgängen in Italien & in den Verträgen.| Eine Gesandtschaft muß in Verlegenheit sein, über diese Frage ohne Instruction eine Stimme abzugeben. Und ist die Tagsatzung nicht im Falle Beschlüsse zu fassen, so ist es dann nicht ganz gerecht, den Vorort zu tadeln, wenn er von sich aus handelt. Zürich scheint mir in vielem etwas zu sehr zu zaudern. Möglich, daß Herr Furrer den RR. mit Hinsicht auf die Instructionsertheilung über die zunächst obschwebenden Fragen zu einer andern Meinung bringt!

Statthltr Guyer4 war gestern in Zürich & wurde, wie auch Herr Brgrmstr Zehnder5 zu einer Sitzung des Finanzrathes, in der die Verhältnisse der östlichen Gegend unseres Cantons berathen wurden, zugezogen. Er soll namentlich auch mit Beziehung auf den Unterhalt der Weiber vorschlagen, daß der Staat auf seine Rechnung, wenn auch mit sehr niedrigen Arbeitslöhnen weben lasse, um die Gewebe dann später unter günstigern Conjuncturen wie| der zu verkaufen. So würden die Leute abgesehen von dem etwelchen darin liegenden Verdienste, doch beschäftigt, was nichts unwesentliches ist. Der Finanzrath soll das Project in Erwägung gezogen haben. Guyer habe berichtet, der Communismus stecke den Leuten in seinem Bezirke mehr im Kopfe als er geglaubt hätte.

Die Verhältnisse des Hauses Rieter (zur Glocke) in Winterthur haben Dich gewiß auch betrübt, die gößte Theilnahme zeigt sich überall.6 Die Creditoren haben vorläufig fortarbeiten zu lassen beschlossen. Die große Schwierigkeit ist das – baare Geld. Baumwolle bekömmt man von den meisten Orten nur gegen Baarschaft & den Spinnern muß Credit gegeben, den Arbeitern der Lohn, ohne daß die Gespinnste gegen baar verkäuflich sind, bezahlt werden. Der RR hat den Finanzrath zur Antragstel| lung betreffend die Frage, ob nicht Maaßregeln getroffen werden sollten, um den deutschen Gulden & Zweiguldenstücken, vielleicht auch den Österr. Zwanzigern den Eintritt in die Schweiz zu erleichtern eingeladen.

Donnerstag Nachmittag fuhr ich schnell nach Winterthur (mein erster Ausflug seit wir in Baltensweil waren) um Herrn Oberst Weiß & RR R. Sulzer zu besuchen. Ich fand beide besser, als ich es erwartet hätte. Dessenungeachtet sollen die Ärzte an der Wiedergenesung von Weiß verzweifeln. Das wäre ein großer, ein sehr großer Verlust für unser Land!7

Ich habe mein Entlassungsbegehren, wie wir uns darüber verständigt, eingereicht.8

Bollier ist leider seit gestern unwohl. Er hat etwas Blut gespieen! Er sollte wieder Eidg. Repräsentant werden, was ihm vortrefflich anschlägt, & ich dächte in Chablais & Faucigny!

Das Papier ist voll! Empfange meine herzlichen Grüße.

Dein

A Escher.

Kommentareinträge

1Beilage nicht ermittelt.

2Gemeint ist das Kreisschreiben des Vororts Bern vom 4. April 1848. Vgl. Abschiede Tagsatzung 1847 III, S. 1.

3Die Gesandtschaft des Kantons Genf beantragte in der Tagsatzungssitzung vom 17. April 1848, dass die nordsavoyischen Provinzen Chablais und Faucigny besetzt werden sollten. Dieses Recht wurde der Eidgenossenschaft auf dem Wiener Kongress zugestanden, um den Schutz der eidgenössischen Neutralität im Kriegsfalle zu gewährleisten. Die Tagsatzung lehnte den Antrag Genfs ab. Vgl. NZZ, 19. April 1848.

4 Heinrich Gujer (1801–1868), Grossrat (ZH) und Statthalter des Bezirks Pfäffikon (ZH).

5 Ulrich Zehnder (1798–1877), Amtsbürgermeister und Grossrat (ZH).

6Im «Haus zur Glocke» an der Marktgasse in Winterthur befand sich der Hauptsitz der Textilmaschinenfirma Johann Jakob Rieter und Compagnie. Das Unternehmen kämpfte 1848 mit dem Konkurs, konnte sich jedoch wieder fangen. Vgl. Ganz, Geschichte Winterthur, S. 58.

7 Sulzer hatte im Herbst 1847 einen Schlaganfall erlitten. Weiss erlag am 20. Juni 1848 seiner Magenkrankheit. Vgl. NZZ, 26. Juni 1848, 27. Juni 1848 (Nekrolog Weiss), 1. Mai 1850 (Nekrolog Sulzer).

8Zwischen Regierungsrat Melchior Esslinger und Escher war es zu einer Auseinandersetzung gekommen, weil Esslinger die «Herrschsucht u. Anmassung des H. Escher» gegenüber dem Regierungsrat für unangebracht hielt und in der Folge seine Demission einreichte. Escher gab am 8. April 1848 seinerseits den Rücktritt als Staatsschreiber bekannt. Furrer vermittelte im Konflikt, so dass Escher schliesslich in seinem Amt verblieb, Esslinger hingegen abtrat. Brief Melchior Esslinger an Johann Jakob Rüttimann, 7. April 1848 (ZBZ Ms Z II 308). Vgl. Keller, Staatsschreiber, S. 26–27; Gagliardi, Escher, S. 93–95.