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Korrespondenz: Alfred Escher – Heinrich Schweizer

AES B0548 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#452*

Heinrich Schweizer an Alfred Escher, Rüti (ZH), Donnerstag, 23. März 1848

Schlagwörter: Berufsleben, Bildungswesen, Erziehungsrat ZH, Feiern und Anlässe, Finanzielle Unterstützungen, Krankheiten, Rechtliches, Regierungsrat ZH

Briefe

Mein Lieber!

Wohl findest Du es begreiflich, wenn in besondern Fälle der Unkundigere sich Rath u. Weg leitung sucht, wo er solches finden zu können hofft. Darum wende ich mich denn so gerne an Dich, den Rechts-und Gesetzgelehrten, den Weisen u. Erfahrungsreichen, mit der Bitte, mir od. den hies. Behörden, in deren Competenz die betreffenden Punkte fallen, Deine Ansichten, Räthe, Wegweisungen mittheilen zu wollen. Aber erschrick nicht, wenn ich, fast etwas unbescheiden, mit mehrern Fragen auf einmal an Dich mich wende.

1. Der erste Punkt betrifft Sustentation eines außerehel. Kindes, welches durch ein in Rechtskraft erwachsenes Urtheil des Bezirksgerichtes Hinweil v. 25 Febr. 1847. dem Vater u. dessen Heimatsgemeinde, dem Straßenarbeiter Joh. Triet v. Schwanden zugesprochen worden ist. Ich lege das Urtheil zu gef. Einsicht bei. Nun hat sich die Mutter des Kindes, Barb. Honegger v. Fägschweil, Rüti, zuerst auf Privatwegen, dann durch den hies. Gemeindspräsidenten an die Gemeindsbehörde Schwanden gewandt u. diese um Unter stützung an das Kind angegangen, da Triet, dessen Vater, unbekannt abwesend und von ihm auch sonst weder an die Gerichtskosten, noch an die Entschädigungs- u. jährliche Sustentationssumme nicht das Mindeste erhältlich ist. Die beiden, entschieden ablehnenden Antworten von Schwanden lege ich ebenfalls bei. Nun ist aber die Mutter (Fabrikar beiterinn) ohne alles Vermögen u. sie kann aus ihrem Verdienst, aus dem sie sich immer ausbringen konnte, ohne Nachhülfe ihr Kind nicht erhalten u. gehörig pflegen. Sie wendet sich daher an die Armenpflege Rüti u. verlangt u. hofft von dieser eine Beihülfe zur Bezahlung der Gerichtskosten, für welche e. Bruder u. ein Nachbar, beide ganz dürftig, Bürgschaft geleistet, u. zur Erhaltung des Kindes. Wenn wir nun die erstere glaubten ablehnen zu sollen, so frägt sich nun, ob wir zur Sustentation des Kindes an die Mutter beitragen, also unser Armengut, das doch nur für Gemeindsbür ger bestimmt ist, im Interesse eines Bürgerkindes von Schwanden belästigen dürfen u. müssen? Es will uns scheinen, § 180 und 186 des Matrimonialgesetzes entbinde uns aller Verpflichtungen gegen das einer fremden Gemeinde angehörige Kind; und Schwanden beruft sich auf den citirten Vertrag zwischen Zürich u. Glarus v. 13. IX. 1806. Besteht nicht vielleicht eine neuere Übereinkunft, etwa in d. Sinne, wie diejenige zwischen Zürich u. Thurgau v. 26. XII. 46 u. 15. I. 47. (cf. Amtsblatt 1847. No 14)? Und gibt es kein Mittel, unser sonst schon äußerst mitgenommenes Armengut zu schützen vor Ausgaben, die vielleicht directe wohl der Mutter, indirecte aber einem fremden Kinde zukämen? |

2. Bezüglich der Schulferien setzt unser Schulgesetz das minimum auf 4, das maximum auf 8 Wochen jährlich, natürlich, denke ich, die einzelnen Tage, wie Berchtoldstag, Markttage, u. dgl. inbegriffen. Nun hat ein hies. Lehrer das maximum von 8 Wochen im laufenden Schuljahre schon bedeutend überschritten, so daß mancherlei Äußerungen v. Unzufriedenheit bei vielen Schulgenossen sich kund geben. Der Lehrer beruft sich auf die Conferenztage, an denen, nach dem Gesetze, Ferien seien, u. auf den Umstand, daß er als Ersatzmann der Bezirksschulpflege 4-5 Schulen, nach Vorschrift, jede 2 Mahle währd d. Jahres zu besuchen habe. Diese beiden Arten v. Ferien will er sich nicht in die 8 Wochen einrechnen lassen, selbst besondere Familienverhältnisse, die ihn wiederholt 7-8 Stunden v. Hause u. Schule wegriefen, noch darüber hinaus nehmen. Es wäre nun der Schulpflege sehr erwünscht, von competenter Seite zu vernehmen, ob die 3 letztern Arten v. Ferien zu den 8 Wochen zuzurechnen seien, auch wenn es dann 10, 12 u. noch mehr Wochen Ferien gäbe, oder ob sie theilweise wenigstens in die 8 Wochen einzurechnen seien. Darum das Ansuchen um gef. Mittheilung Deiner Ansichten, da vielleicht solche Fragen auch schon im Erziehgsrathe erörtert worden sein mögen.

3. Nächstens wird im Erziehgsrahte ein Ansuchen um Verlängerung des Vicariates an d. Schule Fägschweil u. um e. Vicariats-Additament für d. Lehrer von Tobel zur Sprache kommen. Schon in unserm letztjährigen Gutachten, auf das wir uns in unserer neuen Eingabe berufen, standen wir u. stehen fortwährend der Ansicht, es liege im Interesse der Schule u. des Lehrers, der durchaus u. entschieden nie mehr auf gedeihliche Weise Schule halten kann, weil Gesicht u. Verstandeskräfte ihn nicht mehr dazu befä higen, u. seit Jahren alle Autorität u. Disciplin gänzlich verschwunden war, wenn derselbe pensionirt werden könnte. Der Lehrer will zwar dafür nicht einkommen, weil er berechnet, daß bei einem fortdauernden Vicariate immer noch neben der freien Wohnung u. den gesetzl. Nutznießungen, auch ohne das Additament, ihm 40-50 Frk. übrig bleiben. Wir möchten dieses dem sonst braven und ökonomisch ganz abhängigen Manne wohl gönnen, wenn nur d. Schule bei einem halbjährigen Vicariatswechsel nicht zu sehr leiden müßte. Wäre es nicht möglich, den Lehrer durch Anbietung einer erklecklichen lebenslänglichen Pension, deren er sehr bedarf, in den Ruhestand zu versetzen? Er hat 20-21 Jahre treue Dienste geleistet, kann das aber bei seinen physischen Umständen auch beim besten Willen nicht mehr. Oder was wäre da zu thun? – Sodann bitte ich Dich sehr, bei Bestimmung e. Vicars f. d. nächsten Curs; da der jetzige, leider, um seine Versetzung eingekommen ist, wo möglich uns für e. tüchtigen Lehrer sorgen zu wollen, der, mit bescheidenen Ansprüchen, in die häusl. Verhältnisse seines Principals passen u. sich schicken würde.|

4. Seit e. Paar Jahren sind 2 heimatlose Kinder eines gewissen Jakob Meier, von etwa 14 u. 15 od. 16 Jahren, ich weiß nicht, ob vom Rathe d. Innern oder v. Polizeirathe Hrn. Honegger im Widacker dahier zur Aufnahme in seine Spinnerei übergeben, beide katholischer Confession. Ich erkundigte mich schon wiederholt, unter welchen Bedingungen sie Hrn. H. übergeben worden seien, u. wie es mit dem Unterricht in Kirche u. Schule ge halten werden solle, konnte aber nie e. Antwort erhalten. Beide Kinder besuchen keine Schule u. kennen nicht einmal d. Buchstaben. Vom kirchl. Unterrichte ist mir als evang. Pfr gar nichts bekannt. Es wäre mir nun sehr lieb, zu erfahren, was die betreffende Behörde mit diesen Kindern vorhabe, u. wie es sich mit d. Schulbesuche verhalten sollte? Die Schulpflege wagt nicht, sie zur Schule zu fordern, aus Furcht, es möchten daraus Consequenzen für das Bürgerrecht hergeleitet werden, wie das schon aus dem Umstande geschehen wollte, daß ihre Mutter, sterbend in e. Scheune a. d. Grenze gebracht, dann in e. Bestallung (mitten im Winter) von Nachbarn in hies. Gemeinde aufgenommen u. da – mit Wissen d. Statthalteramtes – ein Paar Tage bis zu ihrem Tode – geduldet wurde. Vielleicht ist es Dir nach Deinen Beziehungen zum Polizei-Rathe u. zum Rathe des Innern möglich, hierüber auch mir Auskunft zu ertheilen.

5. Endlich – horribile dictu! – komme ich gar noch aufs Tanzen mit Dir zu sprechen! Der Regierungsrath hat nämlich den 2n dießjährigen Tanz-Sonntag auf den 9 April verlegt. Ohne Zweifel geschah dieß mit Hinsicht aufs letzte Jahr, wo der 11 April als Sonntag nach Ostern für diese Herrlichkeiten bestimmt war. Der dießjährige 9 April fällt nun tief in die überall a. d. Lande gefeierte Passionszeit, 8 Tage vor der Charwoche. – Es bedarf wohl nur dieser einfachen Andeutung, um e. Verlegung des 2n Tanzsonntages, wie es früher auch schon einmal geschehen, zu bewirken u. auf Sonntag 30 April als Sonntag nach Ostern (od. vielleicht e. andern Sonntag) zu verlegen. Ich gewärtige nun gerne, was etwa viele der nächsten No des Amtsblattes dießfalls anzeigen werde, od. auch nicht!

Nun nach obigen privatis–publicis einige privatissima! – Leider konnte ich den 22 Februar auch dieses Jahr nicht da feiern, wo ich so sehr gewünscht und mir vorgenommen. Ich lag damals, 2-3 Wochen erkrankt im Bette, war aber im Geiste u. mit meinen herzlichsten Wünschen für Vater u. Sohn auf Belvoir . Mögen dort Deine Lieben sich wohl befinden od. doch der so oft leidenden Mutter Zustand andauernd erträglich sein. Ich sehne mich, Dich u. sie wieder zu sehen, sobald Jahreszeit u. Geschäfte es gestatten. Wir hier hatten einen schweren Winter; meine l. Fr. Pfr ist| meistens stark mitgenommen u. leidet ungleich empfindlicher an ihren Übeln, als im frühern Winter. Nachdem sie 2½ Jahre allen möglichen Anordnungen d. Ärzte sich unter zogen, ist der Geist des Revolutionirens u. Emancipirens auch in sie gefahren, und sie beharret darauf, keine Arzneimittel mehr innerlich gebrauchen zu wollen. Zu äußern Experimenten gibt sie geduldig sich hin. Auch die Kinder, zumal Marie, waren einige Zeit krank; jetzt aber sind sie wieder ganz wohl u. lärmen diesen Augenblick mit e. Sprößling unsers Arztes auf der Laube so, daß ich froh bin, mit diesem Quodlibet an Dich zu Ende gekommen zu sein. Nur noch die Bitte, mich über meine Anfragen bei Deiner sonstigen Geschäftslast freundlich zu entschuldigen, und sodann mich u. meine Theuern Deinen Lieben und Deinem Wohlwollen bestens zu empfehlen.

In herzlicher Liebe u. unveränderlich treuer Anhänglichkeit

Dein

Pfr. Schweizer in Rüti.

Rüti
23 März 1848.

Natürlich erbitte ich mir die mitkommenden 3 Acten wieder zurück.