Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0542 | FA Tschudi

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 71

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Samstag, 19. Februar 1848

Schlagwörter: Kommissionen (eidgenössische), Schweizerische Bundesverfassung, Sonderbund, Tagsatzung

Briefe

Glarus den 19. Febr. 1848.

Mein theurer Freund!

Ich habe mich noch bei Dir darüber zu entschuldigen, daß ich vor acht Tagen in Zürich durchreiste, ohne Dich zu besuchen. Ich reiste mit meinem Freunde Caflisch1; wir langten mit der Post, wegen des schlechten Weges, erst beinahe um 9 Uhr Abends in Zürich an u. waren, nachdem wir seit Morgens 6 Uhr gefahren waren u. unterwegs uns gut unterhalten hatten, ziemlich ermüdet, so daß ich zu fortgesetzter Geselligkeit nicht mehr aufgelegt gewesen wäre; am folgenden Morgen verreisten wir wieder früh um ½ 8 Uhr mit der Churer Post. Was mich vor dem Schlusse der Tagsatzung2 nach Hause trieb, war eine, nach so langer Abwesenheit begreifliche, Sehnsucht nach meiner Frau3, meiner Familie u. meinen gewohnten Geschäften, sowie eine ebenso gerechtfertigte Ungeduld, veranlaßt durch den langweiligen u. unerbaulichen Gang, den die Geschäfte an der Tagsatzung nahmen. Wenn ich um's Neujahr Deinen Vorwürfen gegen dieselbe noch nicht unbedingt beistimmen konnte, so kann ich leider| jetzt, nach den seitherigen Erfahrungen, dieselben weniger bestreiten. Das Präsidium u. die Kommission entwickelten auch gar zu wenig Thätigkeit; wir andern mußten zuwarten, bis es der letztern gefiel, die wichtigern Anträge, z. B. über Landesverrath u. Amnestie, u. über Beantwortung der Kollektivnote, auszuarbeiten, u. uns indessen mit Geldangelegenheiten befassen, die man, wenn die Tagsatzung aus einander gegangen wäre, unbedenklich dem Vororte überlassen hätte, u. deren öffentliche Besprechung vielleicht nicht den besten Eindruck gemacht hat. Die Bundesrevisionskommission hätte man spätestens nach dem Wiedereintritte Zug's in die Tagsatzung versammeln sollen; vorher hätte wenigstens in Privatkonferenzen der Gesandten etwas vorgearbeitet werden können, wovon auch gar nichts geschehen ist. Viel kostbare Zeit wurde eigentlich verschleudert, wie überhaupt das Tagsatzungsleben eine rechte Schule des Müßigganges ist.

An geistiger Anregung fehlte es mir freilich in Bern nicht; auch über die Frage der Bundesrevision habe ich an manchen sehr intressanten Gesprächen Theil genommen, welche, in Verbindung mit dem Nachlesen ältrer Verhandlungen, meine Ideen wesentlich zur Reife gebracht haben. Eine Folge davon war, daß ich endlich hier – in Bern war es mir wegen äußrer Verhältnisse beinahe unmöglich, etwas Vernünftiges zu arbeiten – einen Aufsatz über die Bundesreform geschrieben habe, der heute an die Redaktion der N.Z.Z. | abgegangen ist.4 Es enthält zwar derselbe wohl wenige eigenthümliche, neue Ideen, immerhin aber dürfte er zur Belehrung des größern Publikums über dasjenige, was im besten Falle zu erwarten ist, beitragen, zumal in jenem vielgelesnen Blatte noch nichts recht Gründliches u. zugleich Populäres erschienen ist. Der Entwurf des Hrn. Rüttimann5 zeichnet sich zwar wirklich durch manche neue u. zum Theil sehr brauchbare Gedanken aus; er ist aber doch etwas flüchtig hingeworfen u. nur für die Wenigen, welche gerade das 1832er oder 33er Projekt6 bei der Hand haben, genießbar; zugleich verdiente auch sein Zweikammersystem, mit dem ich nicht einverstanden bin, eine einläßlichere Bekämpfung. Lieber wäre es mir freilich gewesen, wenn Du, dem ein viel reicheres Material bundesstaatsrechtlicher Kenntnisse zu Gebote stünde, darüber etwas geschrieben hättest, auch wenn Du ganz andre Ansichten als ich aufgestellt haben würdest. Was übrigens die Aussichten für die Bundesrevision betrifft, so kann ich Dir wenigstens die Versicherung geben, daß die Dispositionen der meisten Gesandten gut sind. Freilich fehlt es auch wieder nicht an sehr liberalen Gesandten, welche der ganzen Sache von Herzen abhold sind, u. diese könnten allerdings das Spiel vollständig verderben.

Die Frage der Kriegskosten wird wohl in Zukunft noch der Tagsatzung viel zu schaffen geben.7 Die Gesandschaften von Zürich u. Glarus, wie| überhaupt der östlichen Stände haben sich bis dahin, entsprechend der öffentlichen Meinung in ihren Kantonen, immer entschieden gegen jeden Nachlaß ausgesprochen. Indessen sind bei mir persönlich schon allerlei Bedenken darüber aufgestiegen, ob es gut sey, auf diesem Grundsatze unter allen Umständen zu beharren. Du mißbilligst gewiß ebenso sehr wie ich die Dekrete von Luzern u. Freiburg, welche ein wahres Verfolgungssystem begründen u. gewiß nicht dazu beitragen können, die Stellung der neuen Regierungen haltbar zu machen.8 Die Empfehlung einer möglichst umfassenden Amnestie war nach meiner Ansicht der Stellung der Tagsatzung ganz angemessen u. nothwendig; allein sie wird, wie die Sachen jetzt stehen, erfolglos bleiben.9 Wenn ich auch keineswegs zugeben möchte, daß das Verhältniß der Tagsatzung zu den ehemaligen Sonderbundskantonen ganz das nämliche sey, wie dasjenige der letztern zu den sogen. Schuldigen, so ist es doch auf der andern Seite begreiflich, daß die neuen Regierungen sagen: Amnestirt Ihr zuerst selbst, ehe Ihr von uns Amnestie verlangt! Wenn es daher möglich wäre, durch einen theilweisen Kostennachlaß die Zurücknahme jener bedauerlichen Dekrete zu erlangen, u. ebenso die kleinern Kantone dadurch für die Bundesrevision oder für wichtige Fortschritte in ihrem Innern, für welche sie die nöthige Garantie zu leisten hätten, zu gewinnen; so ließe sich allerdings die Frage aufwerfen, ob man nicht etwas mildere Saiten anstimmen| dürfte. Der Kriegsfond muß allerdings vollständig wiederhergestellt werden10, aber es gäbe auch noch Hülfsquellen, aus denen die nachzulassenden Summen ersetzt werden könnten. Ich weiß wohl, daß sich für das System der Strenge auch wieder vieles sagen läßt, u. spreche noch keineswegs eine bestimmte Meinung aus; es frägt sich nach meiner Ansicht bloß, welches Verfahren der Sache des Fortschritts im Vaterlande günstiger wäre. Es würde mich sehr freuen, darüber einmal Deine Meinung zu erfahren.

Empfehle mich bestens Deinen Eltern, grüße mir meine Freunde u. sey herzlich gegrüßt von

Deinem

J J Blumer-Heer.

Kommentareinträge

1 Johann Bartholome Caflisch (1817–1899), stellvertretender Tagsatzungsgesandter und Grossrat (GR).

2Die zweite Session der ordentlichen Tagsatzung fand vom 18. Oktober 1847 bis zum 16. Februar 1848 in Bern statt.

3 Susanna Blumer-Heer (1820–1902), Tochter der Dorothea Heer-Schindler und des Cosmus Heer, Cousine Johann Jakob Blumers und ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.

4Der Aufsatz erschien in zwei Teilen unter dem Titel «Die Bundesreform». Vgl. NZZ, 21. Februar 1848, 22. Februar 1848.

5 Rüttimann legte in der «Neuen Zürcher Zeitung» seine Ideen zu einer neuen Bundesverfassung dar. Vgl. NZZ, 8. Februar 1848; Largiadèr, Rüttimann.

6Gemeint sind die Entwürfe zu einer Bundesurkunde von 1832 und 1833. Vgl. Kölz, Verfassungsgeschichte I, S. 374–386.

7Die Sonderbundskantone hatten eine Kriegsschuld von etwa 5,5 Millionen Franken zu begleichen. Die Betroffenen verlangten in der Folge immer wieder eine Ermässigung der Forderungen, bis 1852 National- und Ständerat entschieden, die Restschuld zu erlassen. Vgl. Bossard-Borner, Spannungsfeld, S. 432–436.

8Der Grosse Rat des Kantons Freiburg erliess am 20. Januar 1848 ein Dekret, das einerseits eine weitgehende Amnestie für politische Vergehen erteilte, andererseit aber von einem Teil der «Sonderbündler» im Kanton die Begleichung der sich auf etwa 1,6 Millionen Franken belaufenden Kriegsschuld forderte. In Luzern wurde am 3. Februar 1848 ein ähnliches Dekret erlassen, durch das unter anderem die Luzerner Sonderbundsverantwortlichen finanziell belangt werden konnten; Luzerns Anteil an der Gesamtschuld wurde mit knapp 2,5 Millionen Franken beziffert. Zudem sah das Dekret diverse Zwangsmassnahmen gegen die ehemaligen Sonderbundsfunktionäre vor. Vgl. Bucher, Sonderbund, S. 464; Bossard-Borner, Spannungsfeld, S. 405–406.

9Die Tagsatzung hatte am 14. Februar 1848 beschlossen, dass gegen die Hauptverantwortlichen des Sonderbunds ein Landesverratsprozess geführt werden müsse. Alle weiteren Beteiligten, «welche vermöge ihrer politischen Tendenz zu der Errichtung oder Vertheidigung des Bündnisses der sieben Kantone mitwirkten» , sollten jedoch nicht weiter verfolgt und amnestiert werden. Fetscherin, Repertorium I, S. 502.

10Im eidgenössischen Kriegsfonds, der 1847 unter Luzerns Aufsicht stand, fehlten nach dem Sonderbundskrieg über 220 000 Franken. Vgl. Bucher, Sonderbund, S. 469.