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Korrespondenz: Alfred Escher – Rudolf Bollier

AES B0540 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#124*

Rudolf Bollier an Alfred Escher, Luzern, Samstag, 12. Februar 1848

Schlagwörter: Grosser Rat LU, Regierungsrat LU, Schweizerische Bundesverfassung

Briefe

Mein lieber Freund!

Ich muß wirklich recht sehr um Entschuldigung bitten, daß ich auf Deinen mir sehr werthen Brief, noch nicht geantwortet habe. Ich nahm mir täglich vor, es zu thun, kam aber aus verschiedenen Gründen nie dazu. Leider war ich seit einiger Zeit ziemlich viel unpäßlich & war daher nicht disponirt einen etwas weitläufigern Brief zu schreiben (denn ich wollte Dir Vieles schreiben) sodann hinderten mich theilweise Abwesenheit & Geschäfte. Da ich gerade jetzt wieder unwohl bin – so will ich mich lediglich darauf beschränken, Dich wissen zu lassen, daß ich Deinen Brief erhalten habe, & daß ich mit dessen Inhalt fast durchweg ganz einverstanden bin. Ich kann Dich versichern, daß ich in ganz gleichem Sinne mehrere Male an R. geschrieben & daß, als ich in Bern war, ich es nicht unterließ, aufs Eindringlichste dahin zu wirken, daß in diesem Sinne möchte gehandelt werden. Was seither geschah befriedigt mich jedoch nicht - & aufs Unzweifelhafteste hat es sich herausgestellt, wie gut es wäre, wenn früher gehandelt worden wäre. Welche Schwierigkeiten bieten sich jetzt überall wieder dar, von welchen früher keine Spur vor handen gewesen ist! –

Wie es kommen wird, glaube ich voraus zu sehen. |

Die 12 Stände, welche bis anhin einig waren, werden sich zersplittern – oder es ist dieß schon geschehen – & von den Andern ist nichts oder doch nur wenig zu hoffen. Der Kanton auf welchen man wohl am meisten vertraute – ist Luzern; ich gestehe jedoch, daß ich weder in den gegenwärtigen Verhältnißen noch in den Behörden irgend welche Garantieen finden kann. Diese Leute verstehen ihre Aufgabe durchaus nicht u was das Schlimmste ist, sie glauben mit solcher Zuversicht an ihre Unfehlbar keit, daß sie sich förmlich verletzt fühlen, wenn man ihnen irgend eine gute Lehre, oder einen Rath ertheilen will. Unter denjenigen, die sich auf das hohe Roß setzen, steht – Du wirst es kaum glauben können & doch ist es wahr - Eduard Sch. oben an. Dieser Mensch besitzt, davon habe ich mich mehrfach über zeugt, ungemein viel Eigenliebe & Eitelkeit. Dieß ist der Chef der einen Fracktion in der Rgung & im Gr Rathe – & ihm gegen über steht Kopp – in welcher Person ich mich sehr getäuscht habe. Bereits liegen sie sich in den Haaren & es ist nur zu gewiß, daß sich dieser Zwiespalt immer mehr – & zwar zum größten Nachtheile der liberalen Sache – ent wickeln wird. Im Kampfe mit K. wird Sch. ohne Zweifel unterliegen & die Folge davon wird sein, daß die s.g. liberale Geistlichkeit – von der ich nichts hoffe, aber vieles fürchte – im Kanton L. regieren wird. Ich gestehe jedoch offen, daß ich der gegenwärtigen Rgung keine Thränen nachweinen werde. Die Vergangenheit | ist an diesen Leuten ohne allen Nutzen vorüber gegangen! - Die Erfahrungen, die ich in hier gemacht habe, so unangenehm sie für mich waren, sind in vielen Be ziehungen für mich belehrend & werden daher nicht ohne Nutzen für mich sein. – Mehreres mündlich. –

Du kannst Dir nicht vorstellen, welche Sehnsucht ich habe, von hier abzureisen. Aber alle unsere Bemühungen die Ange legenheiten zu einer schnellen Erledigung zu bringen, scheiterten bis anhin an der Rath- & Thatlosigkeit der Rgung. Doch hoffe ich, sollte es möglich sein unsere Geschäfte in den nächsten 10-12 Tagen beendigen zu können. – Morgen findet die Abstimmung über die Verfassung statt; das Ergebniß ist sehr zweifel haft. Gewiß ist, daß die Ultramontanen tüchtig auf Verwerfung hin arbeiten! –

Lebe nun wohl, mein Lieber! Meine herzlichsten Grüße an Deine Eltern.

Gruß & Handschlag von Deinem stets treuen
Freunde

B

Luzern d 12 Feb 48.

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