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Korrespondenz: Alfred Escher – Rudolf Bollier

AES B0527 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#124*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 68

Rudolf Bollier an Alfred Escher, Luzern, Montag, 13. Dezember 1847

Schlagwörter: Berufsleben, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Grosser Rat LU, Jesuiten, Schweizerische Bundesverfassung, Sonderbund, Tagsatzung, Wahlen

Briefe

Luzern d 13 Dec 1847.

Mein lieber Freund!

Dein Brief1, soviel Schwermuth auch darin liegt, hat mich herzlich gefreut, denn ich hätte bald geglaubt, daß Du mich vergessen habest.

Du darfst es mir glauben, daß ich hinsichtlich Deiner gegenwärtigen Stellung & Alles dessen, was auf Dir lastet, schon sehr oft ernste Betrachtungen angestellt habe. Das Resultat, derselben ist immer, daß Du z. Z. in Bern eine sowohl Deinen Kenntnissen, als Deiner Neigung viel entsprechendere Stellung einnehmen würdest – als in Zürich – wo Du von einer Unzahl trockener Administrativ-Geschäfte beinahe erdrückt wirst. Ganz gewiß läge es aber auch im Interesse des Vaterlandes, wenn in der Tagsatzung jemand wäre, der mit der nöthigen Einsicht usf auch die erforderliche Energie besitzen würde. Denn an der letztern fehlt es gegenwärtig unsern Tagherren, fast ganz. Die Tagsatzung hat nicht den Muth den Sieg zu benutzen – der – doch gewiß so ziemlich ohne ihr Hinzuthun – durch unsere braven Militzen errungen worden ist. Wahrhaftig man muß sich oft Gewalt anthun, um sich über die Unthätigkeit & Halbheiten der Tgszung nicht in bittern Vorwürfen zu ergehen. Wie mir Kern2 sagt, ist wegen der Bundesrevision noch gar nichts besprochen worden. Der günstigte Augenblick, wird, wie wir immer befürchteten, nicht benützt & man wird sagen, daß nie etwas Ersprießliches zu Stande kommen wird. Warum auch nicht vorberathen, damit, sobald die Tgszung wieder komplet ist – schon ein Entwurf vorgelegt werden kann! Und der Beschluß gegen Neuenburg ?3 Selbst Kern mißbilligt denselben scharf & damit ist derselbe, nach meiner Ansicht gerichtet: – denn auch er ist voll Bedenklichkeiten. – Man wird sehen, daß die Tagszung kaum den Muth haben wird einen Beschluß zu fassen: daß die Jesuiten nicht wieder in die Schweiz zurückkehren dürfen. R. dem ich letzthin| etwas eindringlich darüber schrieb4, antwortete mir: es erwarten einige Gesandte über diesen Punkt noch Instruktion! –? –5

Hier in Luzern geht es zieml. rasch vorwärts. Die Großrthswahlen haben stattgefunden & sind durchweg zu Gunsten der Liberalen ausgefallen.6 Nicht Ein Rother7 wurde gewählt. Es ist dieß ein schlagendes Zeugniß für die Selbstständigkeit & Mündigkeit des Volkes! Eine kleine Spanne Zeit – & eine totale Sinnesänderung eines ganzen Volkes! Ein entschiedener Charakter des Luzerner Volkes würde wohl vergeblich gesucht. – Zwar würde man sich sehr täuschen, wollte man glauben, es existire gar keine Opposition mehr. Gewalt & eigene Klugheit machten dieselbe schweigen. Sie wird sich aber, vielleicht bald wieder geltend machen. Noch mehr aber als diese, fürchte ich eine Entzeiung der Liberalen. Diese wird schwerlich ausbleiben – & durch diese wird jener wieder in die Hände gearbeitet. Es wird sich eine radikale Fracktion bilden, die nicht entstehen würde, wenn die Juste-milieu-Männer etwas weitergehen wollten. – Ich predige wo ich kann, ob es hilft, weiß ich nicht. – Gewiß ist, daß die neue Rgung Luzerns, eine sehr schwierige Stellung haben wird. Den Pfaffen – selbst den angeblich Liberalen – ist nicht zu trauen; – sie wollen herrschen & freuen sich nur, daß die Herrschaft der Jesuiten gebrochen ist. Nächsten Donnerstag trittet der neue Gr Rth zusammen. Kern wünscht vor demselben zu sprechen! – |

Wenn immer möglich komme ich auf die nächste GRSitzung nach Zürich.8 Mit der Motion auf Reduktion bin ich ganz einverstanden. Rütt. hat mir geschrieben, er wünsche sehr daß dieselbe jetzt gebracht werde. Ich habe heute in diesem Sinne auch an Herrn Wieland9 geschrieben & ihn ersucht am rechten Orte seine Ansicht hierüber geltend zu machen. Ich glaube er wird es thun. – Hinsichtlich F's10 Wahl werde ich mich entschieden aussprechen.11 Bereits habe ich auch deshalb gestern mit Herrn Dubs12 (der gestern in hier war) gesprochen & ihn ersucht mit den Mitgliedern im Bez Affoltern Rücksprache zu nehmen. – Das Capitel der Wahlen ist diesmal so reichhaltig, daß es sich der Mühe lohnt, darüber einläßlich zu reden. – Spätestens am Sontag Abend werde ich in Zürich eintreffen.

Zu Deinem Troste theile ich Dir noch mit, daß gewisse Nachforschungen in hier ebenso erfolglos sind wie in Zürich. Möh! – Potz – –!

Lebe wohl mein Lieber, & sei herzlichst gegrüßt von

Deinem tr. Freunde

B

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2 Johann Konrad Kern (1808–1888), Tagsatzungsgesandter und Kantonsrat (TG).

3Da Neuenburg sich während des Sonderbundskriegs neutral verhalten und somit keine Truppen gestellt hatte, verpflichtete die Tagsatzung den Kanton am 11. Dezember 1847 zur Zahlung von 300 000 Franken wegen Nichtachtung der Bundespflichten. Vgl. Barrelet, Neuchâtel III, S. 29.

4Bollier schrieb am 7. Dezember 1847 an Rüttimann: «Da nun die Jesuiten bereits aus allen Kantonen entfernt sind, so wird, so hoffe ich, die Tagsatzung Muth genug haben, auszusprechen, daß sie nicht mehr zurückkehren dürfen!? –» Brief Rudolf Bollier an Johann Jakob Rüttimann, 7. Dezember 1847 (ZBZ Ms Z II 308).

5Durch einen Tagsatzungsbeschluss vom 3. September 1847 wurde die Ausweisung der Jesuiten aus der Schweiz bereits entschieden. Am 31. Januar 1848 verschärfte die Tagsatzung diesen Beschluss dahingehend, dass die Aufnahme des Jesuitenordens in jedem Kanton für alle Zeiten untersagt wurde. Vgl. Fetscherin, Repertorium I, S. 434–435.

6Zu den Grossratswahlen in Luzern vom 11. Dezember 1847 vgl. Bossard-Borner, Spannungsfeld, S. 393–397.

7Als «Rote» bezeichnete man in Luzern die Katholisch-Konservativen. Vgl. Degen, Farbenlehre, S. 19.

8Die ordentliche Wintersitzung des Zürcher Grossen Rats wurde vom 20. bis 22. Dezember 1847 abgehalten.

9 Johann Jakob Wieland (1783–1848), Regierungs- und Grossrat (ZH), Fabrikant.

10Gemeint ist Hans Georg Finsler (1800–1863), Grossrat und Obergerichtspräsident (ZH).

11Am 22. Dezember 1847 stand im Zürcher Grossen Rat die Erneuerungswahl des Obergerichtspräsidenten an. Escher plante, die Wiederwahl des liberal-konservativen Finsler zu verhindern. Dieses Vorgehen lehnte Jonas Furrer jedoch vehement ab. Finsler wurde im Amt bestätigt und blieb bis 1861 Präsident des Obergerichts. Vgl. NZZ, 23. Dezember 1847; Eidgenössische Zeitung, 21. Dezember 1847, 23. Dezember 1847.

12 Jakob Dubs (1822–1879), Grossrat (ZH) und ausserordentlicher Verhörrichter.