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Korrespondenz: Alfred Escher – Heinrich Weiss

AES B0522 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#544*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 67

Heinrich Weiss an Alfred Escher, Winterthur, Dienstag, 7. Dezember 1847

Schlagwörter: Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Regierungsrat ZH, Sonderbund, Tagsatzung

Briefe

Mein hochverehrter Herr & Freund!

Mein letzter kurzer Brief1 an Sie war leider schon abgegangen, als mir – so sind die Kinder des Augenblicks! – zu Sinne kam, daß er denn doch auch zu kurzen & gemessenen Gehaltes & so geschrieben sei, wie man von oben herab & so halb über die Achsel & nur ein Auge offen zu schreiben pflegt. Daß dieses wirklich wahr & nicht etwa ein bloß nachgebrachtes Sie hätte versöhnen sollendes Kompliment sei, will ich Ihnen auf der Stelle & so gut beweisen, als unser liebe Freund Bl.2 je eines seiner Argumente bewiesen hat. Ich habe jenen Brief3 nicht in Kopia, sondern bloß im Gedächtniß & zwar in einem leider für sonst Alles nur zu kurzen Gedächtniß, & dennoch, was wollen Sie wetten? heißt es darin, Sie möchten die & die Mitglieder der quest: Großrathskommission einladen, anstatt, wie es Sitte & Anstand erfordert hätte, zu heißen: gefälligst einladen lassen.4 Ohne diesen Verstoß hätten Sie sich wohl schwerlich in Ihrem Verh: von gestern als «Schreiberlein» hinsichtlich der prompten Expedition meines Auftrages so viel zu gute gethan. Oder?

Bevor ich auf die Hauptsache komme, muß ich noch einen andern Punkt ähnlicher Natur, wie der obige, mit 2 Worten berühren. Sie meinen es stecke hinter meiner Bemerkung, daß man in Winterthur nicht mit so viel Neuem wie in Zürich inquietirt werde, eine Malice5. Gewiß nicht. Es war mir ganz ernst dabei, & das beweist Ihnen wieder der gegenwärtige Brief, den ich in meinem kleinen, warmen, friedlichen Stübchen schreibe, wo ich von der Außenwelt nichts sehe, weil die Vorfenster in Tropfen schwitzen & nichts höre als den aus Westen daher brausenden tollen Wind. Während aller 3 Wochen, die ich letzthin in Zürich zubrachte, hätte ich, trotz der ausgesuchtesten Bequemlichkeit & Zuvorkommenheit meiner nächsten Umgebungen, nie versuchen mögen, etwas Munteres auf's Papier zu bringen. Und Sie, können Sie dieses jetzt? Trägt nicht Ihre gesammte Produktion eine gewisse Gravität auf der Stirne, ungeachtet des jungen Blutes ihres Erzeugers?! Sie sehen also, daß man in Winterthur nicht scherzt und nicht malizios ist, wenn man behauptet, man lebe friedlich & ruhig & bleibe vor Neuigkeiten verschont, & ich hoffe auch, Sie werden das oben Gesagte nicht etwa als bloße «Wörter» ansehen, am wenigsten als Wörter, gemacht, um meine eigentlichen Gedanken, gleich dem Fürsten von Benevent6, dahinter zu verbergen.

Was nun die fragl: Reduktion7 betrifft, so muß ich aufrichtig bekennen, ich lege nicht gar großen Werth darauf, daß sie erfolge. Einen großen Antheil an dieser Stimmung mag mein abusirtes Nervensystem haben; das von Reformideen dieser oder jener Art schwerlich| mehr in Begeisterung gerathen wird. So etwas ist für Sie & andere junge Leute. Ältere ausgebrauchte Leute haben überdies vor Neuerungen einen gewissen Respekt, & so tritt mir, & wohl auch Andern, hier die Bedenklichkeit entgegen, in kritischen Zeiten, unter gewissen Umständen möchte allzuviel Gewalt in die Hand eines Einzelnen gelegt werden. Besäße man Garantien hinsichtlich der politischen Denkungsweise der zur Leitung unserer öffentlichen Angelegenheiten Berufenen, so würde begreiflich eine Zentralität ungemeine Vortheile darbieten vor der Zersplitterung. Allein wenn z. B. in den letzten Wochen die Polizeigewalt ausschließlich in den Händen eines Z...8, oder die Politik in der Hand eines Bl.9 gelegen hätte, was wäre aus dem Kanton Zürich, aus der Eidgenossenschaft geworden. Die Gründe für Reduktion, die gegenwärtig vorhanden sind, halte ich indessen für so gewichtig, für so überwiegend, daß ich nicht nur nicht Opposition machen, sondern, wenn die Frage kommt, dafür stimmen werde. Von hiesigen Freunden kenne ich zwar die Gesinnung noch durchaus nicht; ich will sie kennen zu lernen suchen & Ihnen darüber berichten. Dannzumal werden wir uns auch über eine Vorberathung in kleinerm Kreise verständigen können.

Mit der Intervention geht es scheint's vorwärts. Die Tagsatzung wird dieselbe, das darf doch gewiß nicht bezweifelt werden, von der Hand weisen.10

Mit Freundschaft & Hochschätzung

Ihr

Weiß.

P. S. Es thut mir leid, daß Ihre verehrten Eltern das den Diensten gewiedmete kleine Geschenk so sehr reduzirt haben. Empfehlen Sie mich denselben bestens; für die so aeußerst freundschaftliche Aufnahme bin ich ihnen zeitlebens dankbar.

Winterthur 7. Dezbr. 1847.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Gemeint ist vermutlich Johann Caspar Bluntschli (1808–1881), ordentlicher Professor für römisches, deutsches und schweizerisches Recht an der Universität Zürich und Grossrat (ZH).

3Brief nicht ermittelt.

4Sachverhalt nicht ermittelt.

5Malice: Bosheit, boshafte Bemerkung.

6 Charles Maurice Talleyrand-Périgord (1754–1838), Fürst von Benevent, französischer Diplomat. – Von ihm soll das Bonmot stammen, dass dem Menschen die Sprache gegeben sei, um seine Gedanken zu verbergen. Vgl. Meyers Konversations-Lexikon XIX, S. 297.

7Gemeint ist die von Escher beabsichtigte Reduktion des Zürcher Regierungsrats von 13 auf 9 Mitglieder und die Einführung des Departementalsystems. Diese Anliegen wurden mit dem Verfassungsgesetz vom 20. Dezember 1849 umgesetzt. Vgl. Schmid, Zürcher Kantonsregierung, S. 146–155.

8Gemeint ist vermutlich Paul Karl Eduard Ziegler (1800–1882), eidg. Oberst, Platzkommandant von Luzern, Regierungs- und Grossrat (ZH).

9Gemeint ist vermutlich wieder Bluntschli, der 1839–1845 Mitglied des Zürcher Regierungsrats war.

10 Frankreich, Österreich und Preussen reichten am 30. November 1847 bei der Tagsatzung gleichlautende Noten mit einem Vermittlungsvorschlag in der Sonderbundsfrage ein. Da der Sonderbund zu diesem Zeitpunkt bereits aufgelöst war, fielen die Antworten der Tagsatzung vom 7. und 11. Dezember 1847 dahingehend aus, dass die Intervention der europäischen Grossmächte hinfällig sei. Vgl. Bonjour, Neutralität I, S. 297–304; Dierauer, Eidgenossenschaft V, S. 754–756.

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