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Korrespondenz: Alfred Escher – Rudolf Bollier

AES B0518 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#124*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 66

Rudolf Bollier an Alfred Escher, Luzern, Donnerstag, 2. Dezember 1847

Schlagwörter: Freischaren, Grosser Rat LU, Jesuiten, Sonderbund, Wahlen

Briefe

Luzern 2 Dec. 47

Mein lieber Freund!

Die Dinge fangen nach & nach an sich in hier günstiger zu gestalten. Anfänglich wollte es nicht recht gehen. Die prov. Regierung war ohne Programm, ohne alle Energie. Der entschiedenste in derselben ist Kopp1, & von diesem weiß man, daß seine polit. Richtung zwar liberal, daß er aber sehr gemäßigt ist. – Schon der Umstand, sich der Stdtrath Luzern ohne Weiteres zur prov. Rgung aufwarf, verursachte bei der Flüchtlingspartei Mißtrauen & Agitationen.2 Gut, Steiger nach Luzern gekommen, sonst wäre ohne allen Zweifel eine Freischärler-Regierung konstituirt worden. Seit ich in hier bin, habe ich es mir stets zur Aufgabe gemacht, die Herren Schumachern U.3 & Kopp zu bestimmen, daß sie im entschieden liberalen Sinne auftreten: es sei dieses nach meiner Ansicht der einzige Weg, auf welchen sie Boden & Zutrauen gewinnen können; ein großer Theil der Flüchtlingspartei werde sich dann an sie anschließen usf. Es kostete große Mühe, die tausend Bedenklichkeiten zu beseitigen & Zuversicht & Entschlossenheit hervorzurufen. Ich glaube jedoch, es sei dieß wenigstens in einem zieml. Grade gelungen. Bereits hat die prov. Rgung einige Dekrete erlassen (die ich hier beilege4 ) welche beweisen, daß sie gesonnen ist Energie zu entwickeln; – andere werden noch nachfolgen. – Die Wahlen sollen schon vom Samstag über 8 Tage statt finden.5 So sehr ich wünsche, daß dieß schnell geschehe & zwar namentlich unter dem Eindrucke der Ereignisse geschehe – so halte ich dafür, es wäre besser gewesen, dieselben noch etwas hinauszuschieben. Noch sieht es schlimm aus am Kanton herum, Vieles sollte vor den Wahlen noch geschehen. Die Rgung will zwar vorher noch eine entschiedene Proklamation an das Volk erlassen6; – Diese allein wird jedoch nicht helfen.|

Vor Allem sollte eine Vereinigung aller Nüançen der liberalen Partei stattfinden, damit diese vereint in gleichem Sinne auf die Wahlen einwirken. Statt daß hierin etwas gethan wird – halten die Flüchtlinge in verschiedenen Aemtern Versammlungen, um gegen die prov. Rgung zu wirken. Eine solche Zersplitterung der liberalen Kräfte, schon von Anfange an, macht den Ultramontanen leichtes Spiel – & sollte es so fortgehen, so würde es mich nicht wundern, wenn diese im K. Luzern bald wieder zur Herrschaft gelangen würden. – Heute war eine Abordnunung einer solchen Versammlung bei uns mit Beschwerden über die prov. Rgung; auf Morgen ist uns eine 2te angekündigt. Wie wir der heutigen entschieden antworteten, werden wir es auch gegenüber allen folgenden thun. Ich erklärte den heutigen rundweg, daß ich sie im Namen der Eidgenossenschaft moralisch für alle Folgen verantwortlich mache, die nothwendig daraus hervorgehen müssen, wenn sie nun eine ultraradikale Richtung einschlagen & so die liberale Partei zersplittern wollten etc. Ich hoffe durch entschiedenes Auftreten werde es uns gelingen eine Vereinigung herbeizuführen. – Zu diesem Zwecke gedenke ich die nächsten Tage dazu zu benutzen, den Kanton zu bereisen & überall hauptsächlich mit den Flüchtlingen Rücksprache zu nehmen – & überhaupt mich von der Volksstimmung zu überzeugen. Nach Berichten die eingehen regen sich auch die Rothen7, hauptsächlich die Pfaffen wieder; – es mag dieß eine Folge des zu laxen Auftretens der Rgung sein. Einige Pfaffen wagten es sogar in den letzten Tagen noch das Volk aufzuwiegeln & den Landsturm zu besammeln. Gegen diese ist jedoch eingeschritten worden. – Es scheint mir, daß an d. Wahldekrete Einiges auszusetzen wäre; allein es läßt sich nichts mehr ändern. Sehr fatal ist, die einzelnen Mitglieder der prov. Rgung uns – ich möchte fast sagen – auszuweichen suchen & daß es uns daher unmöglich ist, sich mit ihnen – wie es wohl geschehen sollte – einläßlich| über die wichtigern Dekrete zu besprechen. Sie fürchten wahrscheinlich wir würden sie zu radikal machen. – Wir müssen ihnen förmlich nachlaufen. Nicht einmal, was absolut nothwendig geschehen sollte, geschieht. Es kostete die größte Mühe bis wir es nur dahin bringen konnten, daß sie uns die Beschlüsse mittheilte, die mitzutheilen sie verpflichtet ist. Bisanhin hatten die Leute so ziemlich den Kopf verloren; – ich hoffe es wird besser kommen. – Bereits ist ein Dekret entworfen, nach welchem die sämmtlichen Mitglieder des Gr Rathes, welche zu den Sonderbunds-Beschlüssen stimmten, in Anklagezustand versetzt & verantlich gemacht werden.8 Schumacher Uttbg hat sich bei der ersten Vorlage dieses Dekretes demselben wiedersetzt, was mir Kopp mittheilte. Heute packte ich denselben auf der Straße & setzte ihm tüchtig zu, sodaß ich glaube, er werde jetzt demselben beistimmen. Geschieht dieses nicht, so werden viele der rabiatesten Mitglieder wieder gewählt werden. –

Erst gestern Abend kam die Kriegskasse von Altorf in hier an.9 Wie Admist. Sidler10 heute sagte, sollen circa Fken 220 000 in derselben fehlen & nur noch circa Fken 150 000 vorhanden sein. Diese Berechnung beruht jedoch nur auf der von dem Kassabuch genommenen Einsicht. Morgen wird dieselbe in uns. Gegenwart eröffnet. – Auch die Kantonskasse haben sie dorthin geschleppt, nebst Protokollen & Archiv – welche erst Morgen hieher gebracht werden. – Es ergibt sich hieraus, was auch der zurückgekehrte RRth Tschopp11 aussagt, daß sie von Altorf aus regieren wolten – Fürst von Schwarzenberg12 habe ihnen aber entschieden hievon abgerathen. Siegwart13 & B. Meier14 sind, nach Angabe Tschopps über den Gotthard ins Piemont nach dem Oestreichischen. Siegw. habe Alle dorthin nehmen wollen, & ihnen versichert, daß sie unentgeldlich leben können. – – Ich habe mir bisanhin alle Mühe gegeben Korrespondenzen etc aufzufinden, welche gewisse Leute ins wahre Licht setzen könnten [;?] | allein bisanhin ohne Erfolg. Im Siegwschen Hause ist von den Soldaten alles zertrümmert & geraubt; ebenso im Meierschen & Elggerschen15. Hier ist rein nichts mehr zu finden. Einige Beute hat das Militair (Oberst Cachet16 ) gemacht, der v General17 beauftragt ist Alles zu sammeln & einen Bericht an die Tgszung abzufassen; so zB. das Tagebuch v. Salis18 (nicht sehr bedeutend) & die Organisation der geheimen Boten bei Siegwart. – Im Jesuiten-Collegium habe ich schon wiederholt Alles durchstöbert; allein nichts von Bedeutung gefunden. Das Militair ging mir auch hier voran. Meine einzige Hoffnung sind noch die Protokolle & das Archiv. – Im Verhörzimmer des Amann19 ist alles zertrümmert; er selbst ist fort & zwar schon in der Nacht vom 23/24 mit Oberst Elgger. – Erst auf unser Verlangen hat der General den Befehl ertheilt, daß die Festungswerke geschleift werden sollen. Der Anfang wurde heute gemacht. Die gl. Leute, die dieselben aufgeworfen, müssen sie wieder schleifen. – Die Generalitæt ist heute von hier nach Bern abgereist.

Heute hat bei den Zürcher Batallionen Fäsi20 & Basler21 & bei der ArtillerieComp. Schweizer22 ein fataler Auftritt stattgefunden. Die letztere weigerte sich Fleisch & Brot zu fassen – sie verlange von den Quartiergebern verpflegt zu werden. Übereinstimmend verlangte dieß auch das Bat. Basler & theilweise Fäsi. Alles Zureden der Offiziere half nichts. Oberst König23 wäre beinahe thätlich mißhandelt worden. Ziegler24 war genöthigt mit aller Energie einzuschreiten. Er ließ sofort die ganze Art.Compgn entwaffnen & die Rädelsführer durch uns. Kavallerie in Arrest abführen. Hptm. Schweizer hat für 4 Tage scharfen Arrest, weil er nicht einschritt & die Soldaten dürfen 4 Tage lang die Säbel nicht mehr tragen. Mehrere von den Bat. Basler & Fäsi wurden ebenfalls verhaftet & werden theilweise d Kriegsgerichte überliefert. Jetzt sind die Leute wieder ruhig! Ich bedaure diesen Vorfall um so mehr, da sonst die Züricher den besten Ruf genießen. –

Lebe wohl & sei herzlichst gegrüßt von Deinem aufrichtigen Freunde

B

Viele Grüße an Ehrhdt25 – & an meine Collegen. Theile die Beilagen26 Daverio27 mit. –

Kommentareinträge

1 Jakob Kopp (1786–1859), Vizepräsident der provisorischen Regierung (LU).

2Nach der Kapitulation Luzerns im Sonderbundskrieg wurde nach einem Vorschlag Kasimir Pfyffers am 27. November 1847 aus dem Luzerner Stadtrat eine provisorische Kantonsregierung gebildet. Vgl. Bossard-Borner, Spannungsfeld, S. 388–389.

3 Josef Schumacher-Uttenberg (1793–1860), Präsident der provisorischen Regierung, Grossrat (LU) und Stadtpräsident Luzerns.

4Beilagen nicht ermittelt.

5Die Grossratswahlen wurden in Luzern am 11. Dezember 1847 abgehalten. Vgl. Bossard-Borner, Spannungsfeld, S. 393–397.

6Die Proklamation erfolgte am 6. Dezember 1847. Vgl. Luzernerisches Kantonsblatt 1847, S. 1182–1185; Bossard-Borner, Spannungsfeld, S. 393.

7Als «Rote» bezeichnete man in Luzern die Katholisch-Konservativen. Vgl. Degen, Farbenlehre, S. 19.

8Das Dekret wurde am 4. Dezember 1847 erlassen. Vgl. Bossard-Borner, Spannungsfeld, S. 392.

9Die militärischen Niederlagen der Sonderbundstruppen veranlassten den Kriegsrat und die Luzerner Regierung am 23. November 1847, nach Uri zu flüchten. Dabei wurden unter anderem die Kriegs- und die Kantonskasse mitgenommen. Vgl. Bucher, Sonderbund, S. 383–387; Pfyffer, Geschichte Luzern II, S. 710–711.

10 Johann Baptist Sidler (1790–1881), Administrator des eidg. Kriegsfonds.

11 Joseph Tschopp (1808–1873), ehemaliger Regierungsrat (LU). – Tschopp war am 23. November 1847 zusammen mit seinen Regierungsratskollegen nach Uri geflüchtet. Vgl. Pfyffer, Geschichte Luzern II, S. 710.

12 Friedrich Fürst zu Schwarzenberg (1799–1870), österreichischer Offizier. – Schwarzenberg beriet und unterstützte die Sonderbundstruppen während des Krieges. Vgl. ADB XXXIII, S. 290–295.

13 Konstantin Siegwart-Müller (1801–1869), ehemaliger Regierungs- und Grossrat (LU).

14 Bernhard Meyer (1810–1874), ehemaliger Grossrat und erster Staatsschreiber (LU).

15 Franz von Elgger (1794–1858), ehemaliger Generalstabschef der Sonderbundstruppen.

16Vermutlich Johann Rudolf Gatschet (1805–1856), Kommandant des Geniekorps im Sonderbundskrieg und Oberingenieur für den Strassen- und Wasserbau im Kanton Bern.

17 Guillaume-Henri Dufour (1787–1875), General (Oberbefehlshaber der eigenössischen Truppen im Sonderbundskrieg), Grossrat und Kantonsingenieur (GE).

18 Johann Ulrich von Salis (1790–1874), ehemaliger Oberbefehlshaber der Sonderbundsarmee.

19 Wilhelm Ammann (1810–1859), ehemaliger Verhörrichter (LU). – Ammann floh nach dem Sonderbundskrieg nach Mailand und übersiedelte später nach Österreich. Vgl. HBLS I, S. 342–343.

20 Hans Caspar Fäsi (geb. 1803), Bataillonskommandant der Auszüger-Infanterie (ZH).

21 Rudolf Basler (Lebensdaten nicht ermittelt), Bataillonskommandant der Auszüger-Infanterie (ZH).

22 Ludwig Heinrich Schweizer (geb. 1813), Hauptmann einer Artilleriekompanie im Sonderbundskrieg.

23 Balthasar König (1798–1850), eidg. Oberst, Brigadekommandant im Sonderbundskrieg.

24 Paul Karl Eduard Ziegler (1800–1882), eidg. Oberst, Platzkommandant von Luzern, Regierungs- und Grossrat (ZH).

25Vermutlich Friedrich Gustav Ehrhardt (1812–1896), Kantonsprokurator (ZH) und Associé im Advokaturbüro von Jonas Furrer.

26Beilagen nicht ermittelt.

27 Ludwig Herkules Daverio (1804–1849), Redaktor der «Neuen Zürcher Zeitung» und Lehrer für italienische Sprache an der Zürcher Industrieschule.