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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Rudolf Brosi

AES B0510 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#137*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 65

Johann Rudolf Brosi an Alfred Escher, Chur, Dienstag, 9. November 1847

Schlagwörter: Sonderbund

Briefe

Lieber Freund.

Gestern Abend sind uns von Herrn Oberst Lanicca1 wieder Berichte aus dem Livinerthal, von Faido 6 ds. Mts. datirt eingegangen. In Folge dieser Berichte sind dort folgende militärischen Massnahmen getroffen worden:

1. Am 4. Mittags wurde mit 2 Stüken Artillerie nach Biasca aufgebrochen, ½ Bataillon wurde sogleich mit Estaffete zur Fortsezung seines Marsches beordert.

2. Eine Estaffete nach Lugano abgeordert um die beiden Bataillone Caselini2 u Rusca3 u 4 Compagnien Carabinieri auf Wagen zu befördern, ebenso das ½ Bataillon welches in Locarno stationirt war.

3. wurde in Bellinzona Generalmarsch geschlagen um die dort befindlichen 1 u ½ Bataillone freiwilliger Jäger in Marsch zu sezen.

Oberst Pioda4, Lanicca u Molo5 machten sich sogleich auf den Marsch nach Faido, wo sie am 6. sich befanden.
Es langten sodann bald am 4. Abends in Airolo an die Freiwilligen von Bellinzona u ½. Bataillon nebst Munition u Gewehren für die dortigen Einwohner.
Am 5t in der Nacht langten daselbst an die Vorhut der Luganeser Carabinieri u am 6. langte ein Bataillon in Faido an u ein anderes folgte dem selben am 6 Abends auf dem Fuße. Der Geist der Bewohner des Thales zeige sich vollkommen gut. Im ganzen Tessin herrsche die größte Indignation über das Benehmen der Urner; – sogar aus dem verdächtig gehaltenen Blegnothale habe sich eine Schüzenkompagnie freiwillig zur Verfügung gestellt. – Im übrigen bestätigen die Berichte das bereits Bekannte, daß nämlich zwei Offiziere der Urner, die 17 bis 20. Mann stark sich bis ½. Stunde vor Airolo wagten durch dortige Jäger erschossen worden sind6, der eine derselben L. Baltasar7 von Luzern, Artillerieoffiz. u Julius Arnold8 im Geniecorps angestellt Neffe von Reg. u Ingen. Müller9. Ein dritter Offizier10 sei verwundet worden,| von welchem seither bestimmt berichtet wird, daß er in Folge der erhaltenen Wunden gestorben sei. Die zwei todtgebliebenen Offiziere sind in Airolo militär. begraben worden.

Auf dem Gotthard habe sich der Feind seit der erhaltenen Lektion ruhig verhalten. Er sende zwar auf die nächsten Bergspizen seine Patrouillen aus, von wo aus sie ins Thal herabsehen u die Bewegungen der Tessiner beobachten können. Die Tessiner beobachten den Feind durch Airoler-Gemsjäger, welche in andern Menschen unzugänglichen Stellen des Gebirgs herumklettern u mit ihren Fernröhren auskundschaften. Am Freitag haben diese Jäger mit einer Urner-Patrouille zusammengetroffen, Schüsse gewechselt u einige Urner getödet.

Der Feind auf dem Gotthard solle etwa 1000. Mann stark sein. – Lanicca schreibt dann ferner, sie gedenken anzugreifen u den Feind zu verjagen, auch sodann das Urserenthal einzunehmen, was den dortigen Volkswünschen durchaus entspreche u eine sehr gute moralische Wirkung machen würde.

Wir haben unser 1ts Infanteriebataillon nach Reichenau, Tamins und in's Domleschg vorgeschoben, um damit nöthigenfalls unterstüzen zu können. Das 2te Bataillon bleibt für ein Mal hier u Umgegend.

Ich theile dir dieses zu Handen der dortigen Regierung mit u überlaße es deinem guten Takte für die öffentlichen Blätter davon Gebrauch zu machen. – Jedenfalls aber darf von den Absichten der Tessiner nichts veröffentlicht werden. – Was Lanicca wünschte.

Soviel in aller Eile. Sobald wir mehreres erfahren, werde ich sofort dich davon benachrichtigen, indem H. Oberst Lanicca wünschte, daß wir auf geeignetem Wege die Regierung v. Zürich über alle dortigen Vorgänge fortwährend benachrichtigen möchten. Schreibe mir auch etwelche Zeilen über Neues von unten her.

Herzlich grüßend stets dein aufrichtiger

J R Brosi.

Chur 9. Novbr. Vormittags 11 Uhr.

Kommentareinträge

1 Richard La Nicca (1794–1883), Geniekommandant im Sonderbundskrieg und Kantonsingenieur (GR). – Zu La Niccas Beteiligung am Sonderbundskrieg vgl. Bänziger-La Nicca, Richard La Nicca, S. 150–152.

2 Giuseppe Caselini (1813–1886), Bataillonskommandant im Sonderbundskrieg.

3 Luigi Rusca (1810–1880), Bataillonskommandant im Sonderbundskrieg.

4 Giovanni Battista Pioda (1808–1882), Brigadekommandant im Sonderbundskrieg und Staatsschreiber (TI).

5 Constantino Molo (1801–1874), Bataillonskommandant im Sonderbundskrieg.

6Zum Zwischenfall vgl. Bucher, Sonderbund, S. 232.

7 Ludwig Balthasar (1825–1847), Artillerieleutnant der Sonderbundstruppen.

8 Julius Arnold (gest. 1847), Stabssekretär der Sonderbundstruppen.

9 Karl Emanuel Müller (1804–1869), Kriegsrat des Sonderbunds, Kommandant der Sonderbunds-Genietruppen, Regierungsrat (LU) und Ingenieur.

10Person nicht ermittelt.