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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Rüttimann

AES B0500 | ZBZ Ms Z II 308

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 62

Alfred Escher an Johann Jakob Rüttimann, s.l., Samstag, 23. Oktober [ 1847 ]

Schlagwörter: Eidgenössischer Kriegsrat, Finanzielle Unterstützungen, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Landrat ZG, Regierungsrat ZH, Sonderbund

Briefe

Staatskanzlei
des eidgenössischen Standes
ZÜRICH

Mein lieber Freund!

Es beginnt eben die Sitzung des Regierungsrathes & nun heißt es allgemein, es seien eine Masse von Einladungen an Eidgenössische Stabsoffiziere in Zürich & anderwärts & hier auf der Post angelangt & es befinde sich unter denselben keine Einladung für unsern Obersten v. Orelli1. Obgleich das letztere nun nicht mit Bestimmtheit darauf schließen läßt, daß Orelli wirklich das ihm von der öffentlichen Meinung, möchte ich sagen, übertragene Commando nicht erhalten werde, so wünschen doch die Mitglieder des RRes, daß ich vor dem eben bevorstehenden Abgang der Post, Dich noch darauf aufmerksam mache, wie beklagenswerth es wäre, wenn Orelli übergangen werden sollte. Wir zweifeln keinen Augenblick daran, daß Du für ein Commando v. Orelli das möglichste thun wirst: aber Du könntest auch von einem allfälligen Plane, Orelli bei Seite zu lassen, nicht unterrichtet sein.2

Furrer & Siedler3 werden heute vor der Zugerschen Standescommission auftreten & wahrscheinlich einen Abschlag, vor dem 3fachen Landrathe zu erscheinen, erhalten, worauf sie abreisen | werden.4 Die Repräsentanten in Altorf sind wie die in Luzern abgewiesen worden.5 Wem jetzt die Augen nicht aufgehen, der ist & bleibt blind. Dieser treffliche Wieland6 ist über diese Vorgänge empört.

Das Bataillon Ginsberg7 ist diesen Morgen nachdem es frohen & festen Muthes beeidigt worden nach dem rechten Seeufer abgegangen. In Stäfa besteht eine Bürgerwache v. 5–600 Mann, die nicht militärpflichtig sind. Auch anderswo entstehen Bürgerwachen & der RR hat Herrn Oberst Weiß zum Obercommandanten derselben berufen. Ich habe ihn letzten Mittwoch eine Stunde lang bearbeitet, damit er diese Stelle annehme & ich habe einige Hoffnung, daß es geschehen werde.

Wir werden einen Gesetzesvorschlag, der dahin zielen soll, Milizen im Dienste des Vaterlandes gegen den Rechtstrieb usf. sicher zu stellen, nächsten Montag dem Gr Rath vorlegen. Ich habe ihn gestern Nachts um 12 Uhr auf der Staatscanzlei vollendet. Vielleicht, daß auch nur eine Vollmacht v. dem gr Rathe zu diesem Zwecke von dem RRe eingeholt wird. Es wird nun sogleich darüber entschieden werden. Ebenso bearbeite ich in diesem Augenblicke eine Verordnung betreffend die Fürsorge der Gemeindräthe für die Familien| von Milizen, die ins Feld rücken müssen. Unser liberale Organismus hat Sammlungen von freiwilligen Beiträgen für solche Familien angeordnet. Ich hoffe, es werde alles dieses den Truppen die Beruhigung, die man ihnen schuldig ist, gewähren.

Ich muß schließen. Entschuldige mich, daß ich Dir bis jetzt nicht geschrieben. Ich wußte, daß Dir von anderer Seite Bericht zukomme.

Mit herzlichem Gruße

Dein

A Escher

Samstag den 23st Oct.8
Abends.

Kommentareinträge

1 Johann Konrad von Orelli (1799–1852), eidg. Oberst, Grossrat und Kantonskriegskommissär (ZH).

2 Orelli wurde Ende Oktober zum Oberkommandanten der eidgenössischen Artillerie ernannt. Vgl. NZZ, 25. Oktober 1847.

3 Georg Joseph Sidler (1782–1861), eidg. Zollrevisor und Grossrat (ZH).

4Bei der Eröffnungssitzung der Tagsatzung vom 18. Oktober 1847 beantragte die Zürcher Gesandtschaft, eidgenössische Repräsentanten in die Sonderbundskantone zu entsenden, um auf diplomatischem Weg eine Auflösung des Sonderbunds zu erwirken. Für den Kanton Zug wurde diese Aufgabe von Furrer und Sidler übernommen, die am 23. Oktober 1847 von den Zuger Behörden empfangen wurden. Die Vermittlungsbestrebungen blieben jedoch erfolglos. Vgl. Fetscherin, Repertorium I, S. 470–471; Dejung/Stähli/Ganz, Furrer, S. 269–271.

5Die Repräsentanten für Uri waren Caspar Jenny (1812–1860) und Joseph Marzell Hoffmann (1809–1888). Nach Luzern wurden Wilhelm Matthias Näff (1802–1881) und Benjamin Brunner (1798–1882) entsandt. Vgl. Fetscherin, Repertorium I, S. 470.

6 Johann Jakob Wieland (1783–1848), Regierungs- und Grossrat (ZH), Fabrikant.

7 Friedrich Ginsberg (1807–1892), Bataillonskommandant der Auszüger-Infanterie (ZH).

8Datierung gemäss Briefinhalt.