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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Rüttimann

AES B0482 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#422*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 57 | Strobel, Jesuiten, S. 977 (auszugsweise) | Largiadèr, Rüttimann, S. 49–50

Johann Jakob Rüttimann an Alfred Escher, Bern, Freitag, 13. August 1847

Schlagwörter: Ausländische Einmischungen (Schweiz), Eidgenössischer Kriegsrat, Feiern und Anlässe, Sonderbund, Tagsatzung, Wahlen

Briefe

Bern 13. Aug. 1847.

Lieber Freund.

Deinem Wunsche gemäß erstatte ich Dir hiermit über die gegenwärtige Lage der Dinge in Bern einen Bericht, der um so kürzer sein kann, da sich seit unserer mündlichen Besprechung eigentlich nichts geändert hat & nichts Neues hinzugekommen ist. Zur Absendung von Commissarien kann es vielleicht doch noch kommen, zumahl Basel-Stadt in der letzten Debatte sich geneigt erklärt hat, zu einer solchen Maaßregel mitzuwirken.1 Die Stimme von Basel-Stadt wäre jedenfalls nicht ohne Bedeutung für die Aufnahme der Abgeordneten in den betreffenden Kantonen.

Gestern bei einem Diner, welches den Unter-Genies gegeben wurde, & bei welchem ich die Ehre hatte, neben dem H. Bundes-Präsidenten2 zu sitzen, sprach sich dieser mit großer Resignation dahin aus, daß man dießmahl zufrieden sein müsse, auf eine anständige Weise die Tagsatzung ajourniren3 zu können & daß er seiner Seits Alles aufbiethen werde, um Störungen der gesetzlichen Ordnung zu verhüten. Er wisse, daß er heftige Angriffe von der ultraradicalen Seite her im Großen Rathe & in der Presse zu erwarten| habe, allein er werde dieß zu ertragen wissen. Ich habe mich von Neuem überzeugt, daß Herr O. hier in Bern am Meisten Zutrauen verdient, daß er aber eben deßhalb bedeutenden Anfechtungen bereits ausgesetzt ist & noch mehr ausgesetzt sein wird. Es scheint mir, daß er nicht übel Lust hat, sich von dem bösen Elemente, das hier spuckt, zu emancipiren & ich wünsche nur, daß es ihm gelingen möge.

Herr Eytel4, der am letzten Sonntag in Lausanne der fête civique beigewohnt hat, rühmt diese Feier als sehr gelungen & bemerkt, daß sogar die Conservativen Theil genommen & mitgetanzt haben, was indeß den Radicalen weder Vergnügen mache noch Vertrauen einflöße. Die Art, wie H. Eytel mit mir sich besprach, bewies mir, daß man wieder etwas mehr Werth darauf legt, mit Zürich in gutem Vernehmen zu stehen. Waat drängt immer noch mit großem Nachdruck darauf, daß dieß Jahr noch eine bewaffnete Execution Statt finden solle.

Es ist eine englische Verbal-Note eingelaufen, deren Text ich noch nicht zu Gesicht bekommen habe. H. Ochsenbein versichert, daß dieselbe Punkt für Punkt den Inhalt der französischen Depeche bekämpfe.5 Von anderer Seite her vernehme ich aber, daß Palmerston6 zugleich sehr eindringlich zum Frieden ermahne; ein Wink, der jedenfalls aufrichtig gemeint wäre & reifliche Erwägung verdienen| würde. Es zeigt sich immer mehr, daß es durchaus verkehrt ist, solche Mittheilungen der Tagsatzung vor zu enthalten.

Deiner verehrtesten Familie empfehle ich mich Bestens, & verbleibe mit freundschaftlicher Hochschätzung

Dein

J. Rüttimann.

Du hast jedenfalls Alles, was für die Wahl des H. v. Orelli7 spricht bündig & einleuchtend zusammen gestellt. Wir unserer Seits werden im gleichen Sinne uns aussprechen & dann den Erfolg gewärtigen. Vor diesen Wahlen fürchte ich mich am Meisten. Es gibt Leute hier, die, wenn ihre Person verletzt wird, vielleicht der Sache zu schaden sich nicht scheuen würden.

Kommentareinträge

1In der Sitzung der Tagsatzung vom 9. August 1847 sprach sich der Gesandte von Basel-Stadt dafür aus, Massnahmen zur Annäherung an die Sonderbundskantone zu ergreifen, wozu er unter anderem die Entsendung von Repräsentanten für geeignet hielt. Vgl. Job, Sommertagsatzung 1847, S. 104.

2Gemeint ist Ulrich Ochsenbein (1811–1890), Tagsatzungspräsident und Regierungsrat (BE).

3Ajournieren: vertagen, aufschieben.

4 Jules Eytel (1817–1873), Tagsatzungsgesandter, Grossrat (VD) und Anwalt.

5Am 6. Juli 1847 hatte der Gesandte Frankreichs, Graf Charles Joseph Edmond de Bois-Le-Comte (1796–1863), eine Audienz bei Bundespräsident Ochsenbein. Bois-Le-Comte überreichte diesem ein Schreiben des französischen Aussenministers François Pierre Guillaume Guizot (1787–1874), in dem die Eidgenossenschaft daran erinnert wurde, dass die Kantonssouveränität unantastbar im Bundesvertrag von 1815 verankert sei. Zudem waren Sympathien für den Sonderbund im Schreiben unverkennbar. Ochsenbein liess sich von den kaum verhüllten Drohungen nicht beeindrucken und verärgerte Bois-Le-Comte zusätzlich mit seiner Weigerung, das Schreiben der Tagsatzung vorzulegen. Einen Monat später stattete der britische Geschäftsträger Robert Peel (1822–1895) Ochsenbein einen Besuch ab, um ihm die Instruktion des britischen Aussenministers Henry John Temple Palmerston vorzulesen. Die radikal-liberalen Kräfte fühlten sich durch Palmerstons Worte in ihrer Politik bestätigt, obwohl dies von ihm nicht unbedingt beabsichtigt war. Vgl. Sutz, Frankreichs Politik, S. 100–106; Eckinger, Palmerston, S. 70–81; Gutknecht, Diplomatie, S. 51–55.

6 Henry John Temple Palmerston (1784–1865), Aussenminister Grossbritanniens.

7 Johann Konrad von Orelli (1799–1852), eidg. Oberst, Grossrat und Kantonskriegskommissär (ZH).