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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0479 | FA Tschudi

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 54

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Freitag / Samstag, 6. / 7. August 1847

Schlagwörter: Ausländische Einmischungen (Schweiz), Berufsleben, Feiern und Anlässe, Staatsschreiberstelle (Bund und Kantone), Tagsatzung

Briefe

Glarus den 6./7. August 1847.

Mein theurer Freund!

Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr mich der Besuch Deines l. Vaters gefreut hat; es hat sich auch hier wieder bewährt, daß das Unerwartete immer den größten Genuß verschafft. In Folge Deines bestimmten Wunsches habe ich es unterlassen ihm ein Logis bei mir anzubieten, was ich auch sonst nur mit Rücksicht darauf, daß unsre Gasthöfe nicht glänzend sind, hätte wagen dürfen; er hat nun um so ungestörter die Gesellschaft Herrn Werdmüllers1 genießen können, in dem wir alle, d. h. Zwicki, meine Frau2 u. ich, einen ausgezeichnet liebenswürdigen u. geistreichen Mann gefunden haben. Schade nur, daß das Wetter den beiden Reisegefährten in unserm Ländchen nicht günstiger war. Ich ersuche Dich nur noch Deinem Papa zu sagen, daß ich heute endlich das von ihm im Adler zurückgelaßne Hemd erhalten habe, jedoch dabei eine Verwechslung vermuthe, indem dasselbe mit «H. E. 24» bezeichnet u. von sehr feiner Leinwand ist. Sollte er etwa das ihm von Frau Glarner3 im Stachelberg4 geliehne Hemd nach Hause mitgenommen u. dafür eines der seinigen zurückgelassen haben? Ich gewärtige darüber weitere Weisungen.

Und nun, was soll ich zu Deiner neuen Würde sagen? Ich möchte | beinahe, wie Brändli5 es gethan hat, Dir dazu condoliren. Daß Dir die Staatsschreiberstelle aus vielen Gründen unangenehm u. lästig ist, begreife ich vollständig u. finde die energischen Ausdrücke, die Du darüber in Deinem lieben Briefe an mich gebraucht hast, keineswegs übertrieben. Ein sehr großes u. anerkennenswerthes Opfer hast Du durch die Annahme der Stelle jedenfalls gebracht; aber ich kann die Frage nicht unterdrücken: war ein solches Opfer, das sich nicht bloß auf äußere Verhältnisse, sondern auf die Persönlichkeit selbst u. ihre Entwickelung bezieht, auch nothwendig? Jedenfalls nur unter der Voraussetzung, daß sich unter den Liberalen Zürich's kein andrer Mann fand, der die erste Staatsschreiberstelle zu übernehmen fähig war; eine Annahme, die mir etwas schwer fällt.

Es freut mich, daß Du mit dem Verlaufe unsers Schützenfestes6 zufrieden bist; ich glaube wirklich auch, wir dürfen mit Freude auf dasselbe zurückblicken. Mit Stolz sage ich darum nicht, weil die Hauptsache, die Vermeidung politischer Zänkereien u. leidenschaftlicher Ausbrüche des Partheiwesens, mehr dem guten Geiste, der in den Leuten herrschte, als den, wenn auch löblichen, Bemühungen des Comité's zu verdanken ist. Die von Bern aus, ohne unser Wissen geschehne Ausschreibung einer öffentlichen Berathung in der Speisehütte über die Gründung eines schweizerischen Volksvereins7 war eine unsägliche Thorheit, die uns auch in finanzieller Beziehung, mit Rücksicht auf verminderten Festbesuch aus den kleinen Kantonen, vielleicht auch aus der Stadt Zürich, wesentlich geschadet hat. Sie wurde auch von Imobersteg selbst, dem ad hoc8 Deputirten, förmlich désavouirt, | u. überhaupt schwärmte Niemand für die Idee außer dem bekannten Prof. Hagenauer9 von Aarau, so daß es eben keine Kunst war die Sache zu beseitigen. Mit unsrer Adresse an die Tagsatzung wirst Du einverstanden seyn; die Redaktion ist von mir, jedoch enthält der Abdruck in der N.Z.Z. einige arge Druckfehler.10 Eine Erholung, wie ich es zum Theil noch erwartet hatte, war mir das Fest allerdings nicht; das Unangenehmste dabei war mir, daß ich eine Menge von alten Bekannten traf u. ihnen doch beinahe keine Zeit widmen konnte. Aus diesem Grunde wird es mich persönlich allerdings mehr freuen, Dich ein ander Mal bei mir zu sehen, als während des Schützenfestes; dagegen muß ich gestehen, daß ich sehr gewünscht hätte, Zürich wäre etwas besser, d. h. durch hervorragendere Personen vertreten gewesen, als es der Fall war. Einerseits nämlich wäre dadurch – was immer mein hauptsächliches Bestreben ist – unser Kanton noch etwas mehr an Zürich u. seine Politik gekettet worden, während bei uns immer noch zu viele Sympathien für Bern u. Aargau vorhanden sind; anderseits aber – u. dieser Grund berührt Dich selbst – finde ich, daß sich die gegenwärtige Regierung u. ihre nächsten Freunde, wie die liberalen Staatsmänner andrer Kantone es auch thun, so viel als möglich bestreben sollten, ihrem u. dem ganzen schweizerischen Volke nahe u. mit demselben in innigster Berührung zu bleiben, worauf vielleicht ein bischen zu wenig Werth gelegt wird. Du wirst mir diese freimüthige Bemerkung um so weniger verübeln, als ich sie auch von andrer wohlmeinender Seite habe äußern hören.

Ueber unsre gegenwärtigen politischen Verhältnisse kein Wort, als daß nach meiner innigsten Ueberzeugung die Sache bei der Tagsatzung im rechten Geleise ist u. jede andere Organisation dermalen nur schaden würde. – In der Hoffnung also, daß Du bald einmal einen kleinen Ausflug zu mir machen werdest, grüßt Dich, unter vielen Empfehlungen an Deine Eltern u. Schwester11 u. Grüßen an meine Freunde, recht herzlich

Dein treuer

J J Blumer-Heer.

Kommentareinträge

1Person nicht ermittelt.

2 Susanna Blumer-Heer (1820–1902), Tochter der Dorothea Heer-Schindler und des Cosmus Heer, Cousine Johann Jakob Blumers und ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.

3Person nicht ermittelt.

4Das Stachelberger Bad war ein beliebter Kurort bei Linthal. Vgl. König, Bad Stachelberg.

5 Benjamin Brändli (1817–1855), Grossrat (ZH) und Kanzleisekretär des Bezirksgerichts Zürich.

6Das 13. Eidgenössische Freischiessen fand vom 18. bis zum 25. Juli 1847 in Glarus statt. Vgl. NZZ, 20. Juli 1847, 21. Juli 1847, 22. Juli 1847, 23. Juli 1847, 24. Juli 1847, 25. Juli 1847, 26. Juli 1847; Henzirohs, Schützenfeste, S. 61–95.

7Eine Kommission des Bernischen Volksvereins verkündete in einem Aufruf vom 10. Juli 1847 die Gründung des Eidgenössischen Volksvereins. Darin hiess es unter anderem: «Wir laden daher alle freisinnigen Männer, die ein Herz haben für die Angelegenheiten unseres schweizerischen Vaterlandes und die es erkennen, daß Einigung aller freisinnigen Kräfte gerade in diesem Augenblicke so Noth thut, und besonders die freisinnigen Vereine ein, Mittwochs den 21. dieses Monats, des Nachmittags 2 Uhr, in der großen Speisehütte auf dem Schießstande zu Glarus sich einzufinden oder Abgeordnete dahin zu senden.» NZZ, 16. Juli 1847.

8Ad hoc (lat.): zu diesem, dafür; übertragen: eigens zu diesem Zweck.

9 Georg Andreas Hagenauer (1783–1848), Lehrer.

10Am 6. Juli 1847 wurde dem Tagsatzungspräsidenten Ulrich Ochsenbein (1811–1890) eine Note Frankreichs übergeben, in der die Eidgenossenschaft daran erinnert wurde, dass die Kantonssouveränität unantastbar im Bundesvertrag von 1815 verankert sei. Zudem waren Sympathien für den Sonderbund im Schreiben unverkennbar. Der Schweizerische Schützenverein richtete an die Tagsatzung in Bern eine Adresse, in der er seiner Empörung über die Note Frankreichs Ausdruck verlieh, und versicherte, «im Kampfe gegen fremde Anmaßungen [...] eine feste Stütze» zu sein. Unterzeichnet wurde die Adresse von Caspar Jenny (1812–1860) und Johann Jakob Blumer. Fest- und Schützen-Zeitung Glarus, 29. Juli 1847. Vgl. NZZ, 4. August 1847; Johann Jakob Rüttimann an Alfred Escher, 13. August 1847.

11 Clementine Stockar-Escher (1816–1886), Tochter von Lydia und Heinrich Escher; ab 1837 Ehefrau von Kaspar Stockar.