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Korrespondenz: Alfred Escher – Heinrich Weiss

AES B0478 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#544*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 53

Heinrich Weiss an Alfred Escher, Winterthur, Freitag, 6. August 1847

Schlagwörter: Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Grosser Rat BE, Sonderbund, Tagsatzung

Briefe

Mein Hochverehrter Herr & Freund!

Auf m: Rückreise von Bern hätte ich Sie gerne besucht, um Ihnen mündlich mitzutheilen, welche Eindrücke ich von dem dortigen dreitägigen Aufenthalte zurückgebracht hatte; das schnelle Durchreisen gestattete mir aber den Besuch nicht. Desshalb hier Einiges schriftlich. – Die kantonalen Zustände Berns gefallen mir nicht. Es ist möglich, daß der Mangel an Gelegenheit, die HH. Ochsenbein1, Schneider2 & Stämpfli3 zu sprechen & der Umstand, daß ich nur Niggeler4, Scherz5 & Matthys6 im großen Rathe sah, die Schuld an dieser Ansicht tragen. Ich wohnte nämmlich der Großrathssitzung einige Stunden bei; mit welcher Oberflächlichkeit aber hier die Sachen behandelt wurden, kann ich Ihnen nicht genug sagen, & hauptsächlich waren es diese 3 jungen Männer, welche die Verhandlungen leiteten & fortführten. Von einem gründlichen Räsonnement keine Spur, dagegen von den Mitgliedern im Allgemeinen durchaus keine Theilnahme an der Berathung, sondern bloßes Abstimmen & zwar ganz nach den von Niggeler gestellten Anträgen. Das Rechtstriebgesetz wurde nämmlich berathen & nicht artikel-, sondern Abschnittsweise zur Abstimmung gebracht. Im Ganzen macht die Behörde keinen günstigen Eindruck. Ueberhaupt scheinen die genannten drei jungen Männer sowohl in als außer der Behörde das große Wort zu führen, und ihnen fehlt jene Gründlichkeit, jene Bildung und jener praktische Blick, der seit 1830 im großen Rathe von Zürich sich geltend gemacht hat. Es ist im buchstäblichen Sinne die hohle, leere Schule «Vater Snells7 », die sich in einseitiger Weise Alles nach ihren jugendlichen Ideen zu beurtheilen & zu schaffen herausnimmt. Der Geist, der in diesem Kreise herrscht, ist nicht der wahre, ächte Berner Geist, nur fremdes flüchtiges, flottes Reis8, auf den harten Stamm verpflanzt, auf dem er nun & nimmermehr Frucht tragen kann. Ich fürchte, wenn ich nicht die Sache zu düster ansehe, das Ding wird sich ändern.

Wie es um die Tagsatzung9 steht, wissen Sie, auch wenn Sie nicht selbst sahen, dennoch so gut wie ich. Unser Furrer ist entschieden, keine Spur mehr von jener Stimmung, beim letzten großen Rathe.10 Rütimann bleibt sich gleich. Unsere Gesandtschaft genießt große Achtung & Vertrauen & man hört auf ihre Stimme, ihren Rath. Selbst Druey11 hat sich zutrauensvoll angeschlossen & es hat überhaupt unter den freisinnigen Gesandten bis an dem Abend, da in ihrer Konferenz (es war Dienstags den 27. v. M., der letzte Tag meines Dortseins) die Abordnung von Kommissarien zur Sprache kam, die erfreulichste Harmonie geherrscht.12 Hier aber geriethen Druey & Näff13 hart an einander, weil letzterer ja dieser Maßregel nicht Hand bieten wollte, indem er sie theils selbst schon als Exekutions- theils & hauptsächlich als eine zu weitern Beschlüssen führende Maßregel ansah, & Druey der Stimmung im Westen der Schweiz Rechnung getragen wissen wollte. Die Lage dieser Männer ist in der That keine beneidenswerthe.| Die Verhältnisse sind so schwierig, daß es fast mehr als menschlicher Weisheit bedarf, die geeigneten Mittel zu einer glücklichen Lösung derselben aufzufinden, wenn es nicht vollends rein unmöglich ist, sie zu lösen. Wer bürgt z. B. dafür, daß irgend eine Maßregel gerade den vorausgesetzten und nicht einen entgegengesetzten Erfolg habe. Kommissarien z. B. können gute Wirkungen haben; eben so viel Wahrscheinlichkeit ist aber, daß diese Wirkung ausbleibt, & wie dann? Wenn St. Gallen am Ende noch für Kommissarien stimmt, und diesen wird aber die Nase vor der Thüre zugeschlossen oder überhaupt keine Folge geleistet, so kann St. Gallen doch dazu nicht stimmen, was in diesem Falle allein zu thun übrig bliebe: zu sofortiger militärischer Exekution & die Tagsatzung steht mißlicher da als vorher. – Kurz, man mag die Sache besehen von welcher Seite man will, sie scheint mir wenigstens ungemein schwierig zu sein & man kann es den Männern, die sich damit befassen, einerseits nicht genug verdanken, anderseits aber sie nur bedauern. Ich weiß keinen Rath & keinen Trost als den, die Sachen werden sich am Ende von selbst machen; es wird & muß etwas geschehen, das zur Lösung zwingt, denn in diesem Zustande kann die Eidgenossenschaft unmöglich lange mehr verbleiben.

Nun von Bern nach Zürich! Ueber den Stand der Dinge in unserm Kanton würde ich zwar lieber mündlich als schriftlich mich mit Ihnen besprechen. Sind Sie aber meiner Ansicht, so kann das Schriftliche zum Mündlichen führen. Es kann nicht anders sein, auch bei Ihnen steigt gewiß mitunter der Gedanke auf, daß früher oder später, vielleicht gar bald unser große Rath für Exekution wird instruiren müßen. Nur da muß man sich allerdings fragen, wie wird das Volk diesen Beschluß aufnehmen, welchen Effekt wird der Ruf zu den Waffen bei demselben machen? So viel ich höre, darf nicht bezweifelt werden, es werde demselben von den meisten Seiten willig entsprochen werden; dagegen höre ich von andern Seiten, namentlich vom See & aus dem Osten vom Gegentheil. Namentlich soll am linken Seeufer die Stimmung eine morose14 sein. Vor etwa 10 Tagen schrieb mir ein Bekannter von Wädenschweil: Wenn ihr die Kanonen herausnehmen wollt, so brauchet sie zuerst in Wädenschweil & Richterschweil! Hr. Dr. Pestaluzz15, der sich in jüngster Zeit einige Tage in Wdschwl. aufhielt, bringt ganz übereinstimmende Berichte & will aus dem dortigen Treiben schließen, daß, wenn der große Rath zu jener Instruktionsberathung einberufen werde, von unsern Gegnern ein Streich werde versucht werden. An andern Orten sollen die Geistlichen von den Kanzeln herab den Leuten den Kopf heiß machen. (Man erzählt z. B. von Schinz16 in Oberwinterthur, in seiner ErndtePredigt habe er die Fülle des Erntesegens mit glänzenden Farben ausgemalt und die traurige Betrachtung daran geknüpft, wie es Wähler gebe, die damit umgehen, den Bauer aus seinem Erndtereichthum heraus- & in den Bürgerkrieg hineinzureißen.) Diesen Sachen lege ich keine größere Bedeutung bei, als sie wirklich haben; allein möglich| ist es, daß man sich nicht täuscht, wenn man sie als die Vorboten dessen ansieht, was geschehen würde, wenn der Fall einträte. – So deliberirten17 auch wir hiesige Freunde gestern Abend & gelangten dabei zu dem Schlusse, auch wir sollten uns vorbereiten, & ich übernahm es daher gerne, Ihnen die Proposition zu machen, daß wir uns nächsten Sonntag über 8 Tage den 15. Nachm. 3 Uhr in Baltenschweil wiedersehen. Sind Sie damit einverstanden, so bringen Sie wieder Ihre & unsere guten Freunde mit; ich will daßelbe von hier aus thun. Weiter herum Freunde einzuladen, wird diesmal noch nicht nothwendig sein. Sorgen Sie inzwischen gefl. dafür, daß wir uns von der Lage der Dinge in jenem Momente, sowohl was die Tagsatzung als was us. Kanton betrifft, ein richtiges Bild machen können, jenes vielleicht am besten durch H. Bollier, dieses durch Ihre Korrespondenzen mit Bern.

Freundschaftlich & achtungsvoll grüßt Sie

Ihr

Weiß.

Winterthur 6. Aug. 1847.

Kommentareinträge

1 Ulrich Ochsenbein (1811–1890), Tagsatzungspräsident und Regierungsrat (BE).

2 Johann Rudolf Schneider (1804–1880), Tagsatzungsgesandter und Regierungsrat (BE).

3 Jakob Stämpfli (1820–1879), Tagsatzungsgesandter und Regierungsrat (BE).

4 Niklaus Niggeler (1817–1872), Präsident des Grossen Rats (BE), Anwalt und Redaktor der «Berner Zeitung».

5 Jakob Scherz (1818–1889), Grossrat (BE), Fürsprecher in Bern und Mitarbeiter bei der «Berner Zeitung».

6 Andreas Matthys (1817–1872), Grossrat (BE) und Anwalt.

7 Wilhelm Snell (1789–1851), Landrat (BL) und Privatgelehrter in LiestalSnell war von 1833 bis 1845 als Rechtsprofessor an der Universität Bern tätig. Vgl. HLS online, Snell Wilhelm.

8Reis: Zweig.

9Die erste Session der ordentlichen Tagsatzung fand vom 5. Juli bis zum 9. September 1847 in Bern statt.

10Im Zürcher Grossen Rat wurde am 22. Juni 1847 über die Tagsatzungsinstruktionen abgestimmt. Im Vorfeld der Grossratsverhandlungen erhob Furrer Einwände gegen den Instruktionsentwurf betreffend Auflösung des Sonderbunds und die Ausweisung der Jesuiten, der ihm zu radikal war. Vgl. NZZ, 22. Juni 1847, 23. Juni 1847, 24. Juni 1847; Strobel, Jesuiten, S. 369–370.

11 Henri Druey (1799–1855), Tagsatzungsgesandter und Staatsrat (VD).

12Von einigen Politikern wurde die Meinung vertreten, dass vor Auflösung des Sonderbunds durch Waffengewalt Kommissäre in die Sonderbundskantone entsandt werden sollten, um die Bevölkerung über die Situation aufzuklären und ihr die Möglichkeit zu geben, den Sonderbund mittels Volksabstimmung aufzulösen. Vgl. Brief Johann Baptist Weder an Wilhelm Matthias Näff, 2. September 1847 (KBSG Ms S 201 H).

13 Wilhelm Matthias Näff (1802–1881), Tagsatzungsgesandter und Mitglied des Kleinen und Grossen Rats (SG).

14Moros: mürrisch, verdriesslich.

15 Hans Jakob Pestalozzi (1801–1874), Grossrat und Kantonsfürsprecher (ZH).

16 Mathias Schinz (1805–1867), Pfarrer in Oberwinterthur.

17Deliberieren: beratschlagen.