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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0469 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Dienstag, 29. Juni 1847

Schlagwörter: Eidgenössischer Bundesvertrag (1815), Feiern und Anlässe, Grosser Rat SG, Landrat GL, Reisen und Ausflüge, Sonderbund, Tagsatzung, Wahlen

Briefe

Glarus den 29. Juni 1847.

Mein theurer Freund!

Empfange vorerst noch meinen herzlichsten Dank für die gastfreundliche Aufnahme, welche ich auch bei meinem letzten Aufenthalte in Zürich wieder in deinem Hause gefunden habe. Die Schicklichkeit hätte es wohl erfordert, daß ich dir früher geschrieben hätte, indessen wollte ich noch Eure Großrathssitzung abwarten, um zu erfahren, ob ich hoffen dürfe dich am eidg. Freischießen bei mir zu sehen, oder nicht. Nun weiß ich, daß du nicht nach Bern gehst, sondern deinem Freunde Rüttimann die Ehre lässest, u. deßhalb hoffe ich recht bald von dir die Zusage zu erhalten, daß du das dir so nahe gelegene Nationalfest u. zugleich mich besuchen werdest. Ich muß dir zwar freilich zum voraus sagen, daß, da meine Wohnung bekanntlich klein ist u. mir schon mehrere Freunde zugesagt haben, du in den Fall kommen könntest, mit einem derselben das Zimmer theilen zu müssen, wenn du es nicht etwa vorziehen solltest, ein Logis bei meinen Eltern anzunehmen, welche dich sehr gerne bei sich sehen würden. Ich hoffe indessen, daß dieser Umstand, den ich auch nur als möglicher Weise eintretend, keineswegs | als ausgemacht bezeichne, dich jedenfalls nicht abhalten werde bei mir abzusteigen. Auch ersuche ich dich, da eben bei meinen Eltern wenigstens Platz genug ist, meine Einladung an Brändli u. Keller zu erneuern; nur wünschte ich auch ihren Entschluß einige Tage vor ihrer Ankunft zu erfahren.

Ueber die Fortsetzung meiner letzten Reise muß ich dir doch auch noch Einiges berichten. In Schaffhausen verlebten wir im Kreise unsrer Bekannten noch zwei angenehme Tage. Der Weg längs dem Bodensee, den wir in besonderm Wagen machten, gefiel uns ungemein wohl; in Ermatingen stiegen wir aus u. besahen uns sowohl das Schloß Hard, den Geburtsort deiner guten Mutter, als auch den Friedhof, wo ihre Verwandten ruhen. In St. Gallen fand ich in Aepli einen zwischen Furcht u. Hoffnung schwebenden Großrathskandidaten; er ließ mich in das wirklich merkwürdige Getriebe hineinsehen, welches seiner Wahl vorherging. Es war in der That eine Schwergeburt; indessen freut es mich, daß es ihm endlich gelungen ist das ungetheilte Zutrauen der Liberalen zu erwerben, welches ihm hoffentlich auch bleiben wird.

Eure Tagsatzungsinstruktion hinsichtlich des Sonderbundes hat mich sehr befriedigt, da ich mich wirklich auch von der Nothwendigkeit überzeugt habe, einen Schritt weiter zu gehen als letztes Jahr. Nur finde ich, die N.Z.Z. habe, wenn ihre Artikel die Ouverture zu dieser Instruktion seyn sollten, etwas zu viel Kriegsmusik gespielt. Unsre Instruktion ist nun natürlich der Eurigen nachgebildet; doch hat sich darüber im Landrathe noch eine lange Debatte entsponnen, in der «Krieg» u. | «Frieden» die Stichworte von der andern Seite waren. Den eigentlichen Conservativen, deren Führer, Rathsherr P. Jenni, die Consequenz hatte zum vorjährigen Antrage Zürich's zu stimmen (!), schlossen sich andre an, welche ich nicht sowohl gemäßigte Liberale, als «Inexpressibles» nennen möchte, da sie eigentlich zu keiner Parthei gehören. Für den Krieg als solchen ist man hier im Ganzen auch durchaus nicht gestimmt; jedoch sehe ich ihn als die nothwendige Folge früherer Instruktionen an, der man kaum wird ausweichen können.

Ich habe in der letzten Zeit einen Artikel über den Art. VI des Bundesvertrages u. dessen Entstehung in die N.Z.Z. geschrieben, über den ich begierig wäre dein Urtheil zu vernehmen. Ich würde mich nicht verwundern, wenn es nicht gar günstig ausfiele; denn es war wirklich nicht gerade innerer Drang, was mich dazu antrieb, sondern weit mehr das Bestreben, einem früher einmal von dir geäußerten Wunsche zu entsprechen u. zugleich mich ein wenig in's Staatsrecht einzuarbeiten. Meine Neigung zieht mich in ruhigen Zeiten fast ausschließlich zu meinen historischen Arbeiten hin, was freilich vielleicht eine Einseitigkeit ist.

Empfehle mich bestens deinen verehrten Eltern, u. grüße mir alle meine Freunde in Zürich. In der Hoffnung also auf baldiges Wiedersehen grüßt dich recht herzlich.

dein treuer Freund


J J Blumer-Heer.