Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Eduard Schnyder

AES B0461 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#438*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 47

Eduard Schnyder an Alfred Escher, Sursee, Montag, 5. April 1847

Schlagwörter: Freischaren, Grosser Rat LU, Jesuiten, Tagsatzung

Briefe

Sursee, den 5. April 1847.

Hochgeachteter Herr!

Mein l. Schwiegervater Hr. Troxler1 in Münster, ermangelte nicht, von dem Empfange der durch Herrn Domänenkaß. Gessner2 bewirkten Baarsendung von 1000 fr. mich in Kenntniß zu setzen. Ich bitte Sie, dem geehrten Comite dafür meinen besten Dank gefälligst vermelden zu wollen.

Wenn ich dem Drange nicht widerstehen kann, bei diesem Anlaße einige Augenblike mit Ihnen über meine gegenwärtigen Verhältniße &. deren Gestaltung in nächster Zukunft mich zu unterhalten, so habe ich wohl nicht nöthig, mich deßhalb bei Ihnen zu entschuldigen. Ich wünsche auch, daß Sie in den folgenden Zeilen nicht eine unhöfliche Zudringlichkeit, sondern vielmehr einen kleinen Beweis der Hochachtung u des dankbarsten Vertrauens erbliken möchten, womit Ihre u Ihrer hochherzigen Freunde theilnehmenden Gesinnungen mich erfüllt haben.

Ueber mein Gesuch um Aufhebung meiner Eingrenzungsstrafe3 hat unser Große Rath in seiner lezten Sitzung die Tagesordnung beschloßen. Ich werde auf nächste Sitzung deßelben, welche d. 14. Brachmonat4 ihren Anfang nimmt, mein Begnadigungsgesuch erneuern, habe aber wenig Hoffnung, daß mir werde entsprochen werden. Man scheint es höhern Orts darauf| abgesehen zu haben, durch die Last der Eingrenzung die Subsistenz5 im Kanton Luzern mir zu erschweren u mich auf diesem Wege aus demselben zu verdrängen. Sobald ich nämlich die Eingrenzung überschreiten würde, um anderwärts mich mit meiner Familie niederzulaßen, würde mir die freie Rükkehr in den Kanton, durch die Androhung der Vollziehung einer noch härtern Strafe, verschloßen. Auch dürfte durch solchen Schritt von meiner Seite wahrscheinlich die Stellung der Contumazirten6, wofern sonst überhaupt einige Aussicht auf deren Begnadigung vorhanden sein sollte, verschlimmert werden, – ein Grund mehr, warum der hier herrschende Jesuitismus meine Entweichung nicht ungern sehen würde. Die politischen Constellationen, welche sich auf die nächste Tagsatzung7 bilden, u auf den Kreis unserer Machthaber eher erhitzend als besänftigend einwirken müßen, laßen ebenfalls der Aussicht, daß sich das Loos der politisch Verfolgten im Brachmonat beßer gestalten werde, keinen Raum, u so werde ich mich mit der Hoffnung, meinem Wirkungskreise zurükgegeben zu werden, noch fernerhin bescheiden müßen.

In dieser ungünstigen Lage bin ich zwar wohl mit mir zu Rathe gegangen, was meinerseits zu thun sei. – Die Sehnsucht, unter freiern, Geist u Gemüt erhebenden u erheiternden Verhältnißen mit den l. Meinigen zu leben u guter Freunde Rath verweisen mich an den Entschluß, meinen Heimatkanton,| der unter dem Druke des Fanatismus u der Willkühr noch lange Zeit scheint darnieder liegen zu müßen, zu verlaßen, um in einem andern Kanton die Gründung einer neuen Existenz zu versuchen. Hinwieder ist es der Glaube an eine beßere Zukunft des Vaterlandes u das, unter den härtesten Schiksalsschlägen u trotz der gemachten traurigen Erfahrungen, meinen Mitbürgern treu bewahrte Mitgefühl, – welche mich hier jezt noch zurükhalten. Auf der einen Seite weiß ich wohl, wie schwer es in einem fremden Kantone für die Nichtkantonsbürger oder Neubürger hält, sich bei der, in starker Zunahme begriffenen Conkurrenz zur Advokatur als Advokat eine ansehnliche Praxis zu verschaffen. Auf der andern Seite legt mir die Sorge für meine Familie unabweisbare Pflichten auf, deren Erfüllung mir im hiesigen Kanton in die Länge, wenn meine Eingrenzung fortdauern sollte, unmöglich wird.

Sie begreifen, hochgeachteter Herr! wie angenehm mir unter solchen Umständen einige Andeutungen, Winke oder Rathschläge von Ihnen sein müßten. Sie verbinden mit einem umfaßenden Ueberblike der Zeitbegebenheiten eine tiefe Kenntniß der Verhältniße und ausgebreitete Bekanntschaften, welche Sie in den Stand setzen, die maaßgebenden Rüksichten nicht bloß in Bezug auf den Kanton Zürich – aber für leztern zunächst – in Erwägung zu ziehen. Durch, wenn auch noch so kurz gefaßte, Mittheilung Ihrer Ansicht würden Sie mir den so schwierigen Entscheid wesentlich erleichtern.|

Ich fühle wohl die Größe des Ansinnens, welches ich hiemit an Sie zu richten die Freiheit nehme; aber das Maaß Ihrer Güte, womit Sie, unter Mitwirkung gleich- u edelgesinnter Männer, meine schwer geprüfte Familie gegen die Gewalt feindlicher Mächte in Schutz genommen u mich im Kampfe wider dieselben gestärkt haben, war größer, u eben diese, sich mir selbst darbringende Güte u freundschaftliche Theilnahme ermuthigte mich, Ihnen meine Gedanken ohne Rükhalt mitzutheilen und nach entsprechendem Ausdruke für bescheidene Begrenzung meiner Bitte nicht ängstlich zu suchen.

Mit der Versicherung meiner steten Hochachtung und Ergebenheit verbleibe ich

Ihr bereitwilligster

Ed. Schnyder.

Kommentareinträge

1 Paul Troxler (1781–1860), Tuchhändler in Beromünster.

2 Eduard Gessner (1799–1862), Kassier der zürcherischen Domänenverwaltung.

3Schnyder wurde aufgrund seiner Beteiligung an den Freischarenzügen längere Zeit inhaftiert. Am 10. Dezember 1846 willigte der Luzerner Grosse Rat in die Freilassung Schnyders ein, belegte ihn aber mit einer hohen Geldstrafe von 4800 Franken und einer Gemeindeeingrenzung. Schnyder durfte somit seine Gemeinde nicht verlassen, was ihm die Ausübung seines Advokatenberufs unmöglich machte. Vgl. Feierabend, Eduard Schnyder, S. 13–28; Bossard-Borner, Spannungsfeld, S. 358.

4Brachmonat: Juni.

5Subsistenz: Selbständigkeit.

6Contumazierter: eine im juristischen Sinne des Ungehorsams angeschuldigte Person, die gerichtlichen Auflagen nicht Folge geleistet hat. Der Begriff kann auch für sich in Quarantäne befindende Personen verwendet werden.

7Die erste Session der ordentlichen Tagsatzung fand vom 5. Juli bis zum 9. September 1847 in Bern statt.

Kontexte