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Korrespondenz: Alfred Escher – Heinrich Schweizer

AES B0458 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#452*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 46

Heinrich Schweizer an Alfred Escher, Rüti (ZH), Montag, 22. Februar 1847

Schlagwörter: Berufsleben, Bildungswesen, Familiäres und Persönliches, Finanzielle Unterstützungen, Freundschaften, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Gymnasien

Briefe

Rüti
22 Febr. 1847.

Mein Lieber!

Anstatt, wie ich mich seit der Herbstsynode1 a. p. der frohen Hoffnung hingegeben, jetzt auf der Reise nach Zürich zu sein, um den 22 Febr. wieder einmal im traulichen Familienkreise auf Belvoir zu feiern, sitze ich an meinem Arbeitstische und darf, den Forderungen der Zeit u. ihren Ansprüchen gehorchend, meinen Posten nicht verlassen, gewärtigend, was auch dieser Tag für neue Bitten u. Klagen von da u. dorther aus der Gemeinde bringe. Es kostete große Überwindung, dem Zuge des Herzens nicht Folge zu geben, und wieder einmal zu hören u. zu sehen, wie es bei u. mit Dir stehe beim Eintritt ins 28: Lebensjahr. Wenn nun statt meiner diese Zeilen anlangen, so seien sie Dir und Deinen Lieben Zeuge, daß ich im Geiste, wie oft u. viel, so besonders auch heute bei Euch weile, und die innigsten Wünsche für Dich und Deinen theuern Vater in meinem Innersten trage.2 Auch ferne vom Champagner-Gläserklang biete ich Vater u. Sohn den Ausdruck der lebhaftesten Theilnahme an der Tagesfeier, u. ich gebe mich so gerne der frohen Hoffnung hin, daß der heutige Tag noch auf eine lange Reihe von Jahren als ungetrübter Familien-Festtag erhalten bleiben möge. Im frohen u. rüstigen Alter des lieben Vaters und in der immer mehr sich entwickelnden u. immer ausgebreiteter wirkenden Kraft des Sohnes, sowie in der Erhaltung aller Deiner nächsten Theuern concentriren sich meine aufrichtigsten Wünsche, an welche ich so gerne die Bitte anschließe, meiner auch fernerhin in freundlichem Wohlwollen eingedenk zu sein.

Die Großrathssitzung ist wieder vorüber, und Dein Werk erscheint mit Erfolg gekrönt.3 Die vorbereitenden Artikel in der N. Z. Ztg mit Deinem Zeichen haben mich gefreut4; der Form u. dem Inhalte nach erschienen sie ihres Gegenstandes würdig, u. die Eidsg. Zeitg hätte daraus lernen können, wie solche Punkte öffentlich besprochen werden sollten.5 Man sah es dieser vom Anfange bis zum Ende an, wie gerne sie angegriffen u. kritisiert hätte; aber sie fand keinen Haltpunkt; drum mußten Persönlichkeiten eingemischt werden, welche jederzeit dem am meisten schaden, welcher zu solchen seine Zuflucht nimmt. Zwei Punkte des neuen Gesetzes freuen mich sehr: einerseits daß die französ. Sprache nun obligatorisch im Gymnasium comparirt, u. anderseits daß für die Disciplin der Industrieschüler einmal, u. gewiß wie zu nicht geringer Beruhigung der betreffenden Eltern, so auch zum Heil der Schüler selbst gesorgt ist, von denen nun hoffentlich in Zukunft weniger als bisher sich zum Billard| u. andern Dingen ähnlicher Art sich in den leeren Zwischenstunden verleiten lassen können. Gut u. e. wahres Glück ist es, wenn der alte Geist der ehemaligen Kunstschule nun einmal ausgetrieben u. so Vieles fern gehalten wird, was den Ruin so vieler sich selbst überlaßener Schüler in moralischer, ökonomischer u. physischer Beziehg nachzuziehen geeignet war. Gegen die französ. Sprache schon am untern Gymnasium hege ich zwar einige Besorgnisse; es dünkt mir etwas viel, wenn Knaben von 12–14 Jahren fast zu derselben Zeit 3 verschiedene fremde, u. daneben noch die deutsche Sprache cultiviren sollen; ob es da für dieses Alter nicht zu manchen Verwirrungen führen u. dadurch Alles erschwert werde? Die Erfahrung wird darauf antworten müssen, u. gerne will ich mich durch diese, als unbegründet ängstlich, eines Beßern belehren lassen. Auf jeden Fall hundert Mahl lieber so, als wie es bisher gewesen. Eine wahre Anomalie auf unsre Zeit u. ihren Bildungsgang ist gehoben, u. darum danke ich Dir aufrichtig, daß Du die Sache kräftig angeregt u. mit Entschiedht nach Deiner Stellung durchgeführt hast. Zwar wirst Du damit auch mich in bedeutende Kosten bringen; denn nach dem bisherigen Unterrichtsplane hoffte ich, meinen l. Buben6 einst so lange bei Hause zu behalten u. an ihm den magister7 zu machen, bis er in die 4te Classe des untern od. vielleicht sogleich in die 1te Classe des obern Gymnasiums würde eintreten können. Aber wie die Forderungen jetzt stehen, werde ich mir's gefallen lassen müssen, ihn schon in die 1te Classe des untern Gymnasiums einst abzugeben. Am besten ich stelle dann Dir meine Rechnung dafür! Zum voraus empfehle ich diesen künftigen Gymnasiasten dem dannzumaligen Herren Bürgermeister u. Präsidenten des Erziehungsrathes. Wahrlich wenn dieser meinen Heinrich auch nur zum zehnten Theile so freundlich zugethan wird, wie mein Herz Dich, mein Lieber, seitdem ich Dir u. Du mir näher gekommen, lieb gewonnen u. fort u. fort in treuster Freundesliebe Dir ergeben bleibt, dann bin ich getrost, und ich bin um so getroster u. ruhiger, wenn ich auch die Zeit nicht mehr erleben sollte, da das Gymnasium auch meinen Sohn in Anspruch nehmen wird. Denn diese Studienbahn wird er natürlich durchlaufen müssen, wenn er, wie er jetzt sagt, ein Pfarrer werden soll. Bisher nämlich wollte er «Knecht» werden, aber mit Roß u. Chaisen8, jetzt aber hat er seinen Plan geändert, da ich ihm eine Uhr versprochen, wenn er das erste Mahl für mich die Kanzel betrete! Die liebe Einfalt! – Gott Lob, daß beide Kinderchen9 sich wohl befinden und sich zu der Eltern Freude entwickeln. Möchte nur das Befinden der keinen Tag ohne Leiden u. schwere Anfälle bleibenden Mutter10 bald wieder besser werden. Indessen wir sind auch damit zufrieden, u. halten schon den scheinbaren Stillstand ihrer mehrfachen Übel für Gewinn!|

Seit fast 20 Jahren meines amtlichen Wirkens – mit kurzer Ausnahme – ist noch keine Zeit so geschäftsu. sorgenvoll gewesen, wie die jetzige. Von allen Seiten her nimmt die Noth der Leute uns in Anspruch, u. vielleicht erfahre ich davon weit mehr als die meisten meiner Amtsbrüder. Denn in hiesiger Gemeinde von ca 1500 Einwohnern (und nicht mehr von 1100, wie die Zählg v. 1837 sagt) befinden sich 900–1000 Niedergelassene, meistens Fabrikarbeiter, indem von hies. Gde aus Einwohner 11 mechan. Webereien u. Spinnereien in d. Gemeinde u. in ihrer nächsten Umgebung besuchen. Nur von Wald her sind zu 200 Personen niedergelassen, auf die dann Fischenthaler, Bäretschweiler, Hinweiler ect. alle in bedeutender Anzahl folgen. Sodann hat Rüti selbst gar wenig Reiche, aber viele gedrückte Bäuerchen u. ebenfalls vom Fabrikverdienste lebenden Haushaltungen. Wohl die Hälfte der Wohnungen sind leer von Victualien11. Wenn bis jetzt durch e. Privaten – im Namen d. Stillstds u. Gdrathes – Maisvorräthe angeschafft wurden, die, zu kostenden Preisen verkauft, dem dringenden Bedürfnisse ein Genüge leisteten, so will nun auch diese Quelle allmählig versiegen, indem es schwer hält, Mais anzukaufen. An den 27 Ctrn. Maiskorn von d. h. Regierung, die sich nach dem Mahlen u. den Ausfällen b. Auswägen auf 25½ Ctr. reduciren, wollen u. sollen bereits 664 Personen participiren. Tischgänger, deren es e. bedeutende Zahl gibt, blieben davon ausgeschlossen, sowie nach Vorschrift die Cantonsfremden, von denen wir, neben andern, 8–9 meistens katholische Familien mit 7–11 Familiengliedern in der empfindlichsten Armuth haben. Bei unsern Verhältnissen hält es der Gemeinde sehr schwer, etwas Erkleckliches zu thun, u. bei den wenigen Privaten, die allenfalls dazu die Mittel noch hätten, gebricht es am thatkräftigen Willen. Kurz der ganze Zustand hat mich bewogen, von mir aus u. auf meine Rechnung mein Möglichstes zu versuchen, um den Dürftigsten einige Erleichterung zu bringen. Sehr willkomm sind mir die 2–3 Säcke Mais, das ich nun monatlich von Herrn Muralt12 im Schönenhof nun zu ermäßigten Preisen beziehen kann, u. von dem ich nun wöchentlich in meinem Hause regelmäßig zu 1½ Ctrn. das à 2, 2½ u. 3 ß auswäge, mit e. bedeutenden Einbuße für mich. Sodann wird am Montage je für 12 der ärmsten Repetierschüler, am Mitwoch für 14 der dürftigsten Alltagschüler, u. je am Samstg für 6–8 alle, verdienstunfähige Leute eine kräftige Suppe bereitet, die den armen Leuten trefflich schmeckt u. wohl thut. Das erschöpft natürlich allmählig all meine Vorräthe u. übersteigt meine eigenen Kräfte, wenn ich das Alles, wie ich so sehr wünsche, noch längere Zeit fortsetzen soll. Darum verzeihe, wenn ich mich mit der Bitte u. Frage an Dich wende, ob Du mir nicht auf irgend e. Wege eine Beihülfe zuwenden könntest, sei es nun an Geld od. an Lebensmitteln dieser od. jener Art zu ermäßigten Preisen. Es gehört wahrlich zu den schönsten Freuden eines Landpfarrers, wenn er irgendwie seinen Armen an d. Hand gehen, u. mit dem Trost in Worten auch die tröstende That ver| binden kann. – Man redet oft von dem, was dem Staate gegenüber die Kirche jetzt thun sollte. Aber ums Himmelswillen, was hilfts, wenn die Diener der Kirche wohl ermuntern u. in Wort u. eigener That das Möglichste versuchen, wenn aber jeder Andere, die allgemeine Calamität13 mit empfindend u. die sonstigen, so vielfachen Ausgaben vorschützend, nicht einstehen mag od. kann? Darum denn meine obigen Bitte u. Anfrage an Dich, wozu mich sicherlich nur die herrschende Noth drängt, da Du sonst ja weißt, wie ich nicht gewohnt bin sogleich u. um jedes nichtigen Vorwandes willen den sogen. Bettelsack umzuhängen, wie das etwa da u. dort ein Hr. Amtsbruder zu thun pflegt.

Doch nach vielfachen Unterbrechungen ist es beim Schreiben dieser Zeilen bereits Abend geworden; die Post ist schon fort, u. alle Augenblicke wird der Bothe erwartet. Darum zum Schlusse, so gerne ich, einmal im Schreiben, noch Manches berührt hätte.

Empfehle mich Deinen hochverehrten Eltern aufs freundlichste u. empfange von mir die erneurte Zusicherung steter Liebe u. herzlicher Anhänglichkt

Dein

Pfr. H. Schweizer

Kommentareinträge

1Die Kirchensynode fand am 3. und 4. November 1846 in Zürich statt. Vgl. NZZ, 5. November 1846, 6. November 1846, 7. November 1846, 8. November 1846.

2Alfred Escher wurde am 20. Februar 1819, sein Vater Heinrich Escher am 22. Februar 1776 geboren.

3In den Grossratsverhandlungen vom 15. bis 17. Februar 1847 wurde das neue Kantonsschulgesetz behandelt. Das Gesetz wurde von einer Kommission um Alfred Escher ausgearbeitet. Dieses wurde am 17. Februar vom Grossen Rat mit kleinen Änderungen zum geprüften Gesetzesvorschlag erhoben und in der Grossratssitzung vom 6. April 1847 definitiv angenommen. Vgl. Verhandlungen Grosser Rat ZH 1847; NZZ, 8. Februar 1847; Johannes Honegger an Alfred Escher, 16. Juli 1846, Fussnote 1.

4Zur Kantonsschulreform erschien ein Artikel Eschers in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 9. Februar 1847. Der zweite vorbereitende Artikel vom 10. Februar 1847 stammte nicht von ihm. Vgl. NZZ, 9. Februar 1847, 10. Februar 1847.

5In der «Eidgenössischen Zeitung» erschienen zwei Leitartikel, in denen die Kantonsschulreform kritisiert wurde. Vgl. Eidgenössische Zeitung, 15. Februar 1847, 16. Februar 1847.

6 Heinrich Schweizer (junior) (1841–1859), Sohn von Maria Dorothea Schweizer-Maag und Heinrich Schweizer.

7Magister (lat.): Lehrer, Meister.

8Chaisen: Wagen.

9 Heinrich Schweizer (junior) und Maria Schweizer (geb. 1840), Tochter von Maria Dorothea Schweizer-Maag und Heinrich Schweizer.

10 Maria Dorothea Schweizer-Maag (1816–1861), Tochter von Johann Jakob Maag-Köchli, Arzt in Feuerthalen; ab 1839 Ehefrau von Heinrich Schweizer.

11Viktualien: Lebensmittel.

12 Leonhard von Muralt (1778–1848), Kaufmann in Zürich.

13Kalamität: Unglück.