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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0447 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 13. Dezember 1846

Schlagwörter: Feiern und Anlässe, Reisen und Ausflüge

Glarus den 13. Dezember 1846.

Mein theurer Freund!

Empfange vorerst meinen innigsten Dank für den herzlichen u. gastfreundlichen Empfang, welcher mir auch bei meiner letzten zweimaligen Druchreise durch Zürich wieder von dir u. deinen verehrten Eltern zu Theil geworden ist. Ich hoffe von ganzem Herzen, daß sich die Gesundheitsumstände deiner guten Mutter seit meinem letzten Besuche in Belvoir etwas gebessert haben mögen, u. daß Ihr Euch alle recht wohl befindet. Was mich betrifft, so habe ich die l. Meinigen alle wohl angetroffen; meine l. Frau war sehr erfreut darüber, daß ich meine Abwesenheit nicht weiter ausgedehnt, da sie sich während derselben etwas verlassen gefühlt hatte. Meine Geschäfte u. Arbeiten habe ich ganz ungehindert an dem Punkte wieder aufgenommen, wo ich sie bei meiner Abreise zurückgelassen hatte, so daß ich wieder ganz in mein gewohntes Leben zurückgetreten bin; nichts desto weniger habe ich meinem kurzen Aufenthalte in Paris die angenehmsten Erinnerungen u. manche Belehrung zu verdanken.

Ich erlaube mir nun, über eine Angelegenheit, welche zunächst für unsern Kanton, mittelbar aber für die ganze Schweiz wichtig ist, dich um deine Ansicht zu befragen. Du weißt, daß im nächsten Jahre bei uns das eidg. Schützenfest abgehalten werden sollte. Dagegen sind nun in der letzten Zeit, im Hinblicke auf die gegenwärtige Theurung, welche bis zum gewohnten Zeitpunkte des Festes sich nicht wesentlich ver mindern wird, nicht ohne Grund manche Stimmen laut geworden, u. diese Stimmen haben sich nicht auf unsern Kanton| beschränkt, sondern es hat uns auch das Central-Comité in Basel geradezu empfohlen, das Fest abermals um ein Jahr zu verschieben. Natürlich sind wir nun durch diese Zuschrift in einigen Verlegenheit gerathen. Auf der einen Seite nämlich ist es, meines Erachtens, unläugbar, daß wohl in allen Theilen der Schweiz, u. namentlich auch in unserm Kanton, unter den umsern Klassen der Bevölkerung bedankende Noth vorhanden ist, welche bis zum Frühlinge wohl eher noch zunehmen wird; in einer solchen Zeit aber ist ein zahlreicher Besuch des Festes, den wir schon ein Jetareste unsres Aktionnäre wünschen müßen, kaum zu erwarten, u. es dürften, wie auch von Basel angedeutet worden ist, schon die Vorbereitungen auf die Maße des Volkes einen ungünstigen Eindruck hervorbringen, welcher von politischen Gegnern sehr leicht gegen uns ausgebeutet werden könnte. Denn bekanntlich sind in solchen Augenblicken die Herzen des Volkes denen zugewendet, welche seine Noth zu lindern suchen, nicht aber denen, welche sich nicht um dieselbe zu kümmern scheinen u., als würde Alles in bestem Zustande, Freudenfeste veranstalten. Auf der andern Seite aber ist auch nicht zu verkennen, daß die Theurung doch noch keinen so hohen Grad erreicht hat, daß eine abermalige Verschiebung des Festes Jedermann, auch den eifrigen Schützen als eine nothwendige u. durchaus gerechtfertigte Maßingel erscheinen müsste, u. die gegenwärtige politische Lage des Vaterlandes scheint zur Abhaltung des Festes eher einzuladen, da die Stellung der liberalen Parthei jetzt offenbar eine weit günstigere ist, als sie es letztes Jahr war. Den Festgebern aber steht es natürlich nicht wohl an, ohne höchst dringende Veranlassung das Fest abzusagen, namentlich wenn dieses bereits zum zweiten Male geschähe. Wir haben daher, in dieser zweifelhaften Lage, in welcher wir uns befinden, beschloßen, uns an die Schützenvorstände derjenigen Kantone, aus welchen wir den zahlreichsten Besuch zu erwarten hätten, selbst zu wenden, um von ihnen zu vernehmen, ob sie die Abhaltung des Festes im nächsten | Jahre für zweckmäßig halten würden oder [...?] u. unsre Entscheidung wird vorzugsweise durch die bis zum Neujahr zu erwartenden Antworten bedingt seyn. Inzwischen wäre es mir sehr angenehm, auch deine Meinung, namentlich über die politische Seite der Frage zu erfahren; hältst du es, im Hinblicke auf die gegenwärtige Lage des Vaterlandes, für gut u. wünschenswerth, daß im nächsten Sommer ein Schützenfest, u. zwar bei uns stattfinde, oder nicht? Deine bewährten politischen Einsichten, verbunden mit der günstigen Stellung, in welcher du dich befindest, befähigen dich mehr als manchen andren, über jene Frage eine kompetente Stimme abzugeben, u. dein Urtheil würde auch für unser Comité von großem Gewichte seyn, wenn du mir erlauben solltest, es demselben mitzutheilen. Ich zweifle auch nicht daran, daß die Frage selbst dich intressiren werde, da ja bekanntlich das eidg. Schützenfest einen wesentlichen Faktor im politischen Leben der Schweiz ausmacht. Solltest du für Nichtabhaltung stimmen, so könntest du, so ferne du im Comité Eures Kantonalschützenvereins Bekannte hast, vielleicht darauf hinwirken, daß wir auch von diesem eine ähnliche Antwort erhielten. Im Uebrigen wirst du natürlich der Sache keine weitere Verbreitung geben.

Für heute beschränke ich mich auf die dir vorgelegte Frage u. bitte dich um beförderliche Antwort. Gerne werde ich in einem spätern Briefe wieder einmal über andre Gegenstände, politische u. wissenschaftliche, mit dir eintreten. Grüße mir vielmal meine Freunde in Zürich, u. empfehle mich bestens deinen verehrten Eltern u. Schwester.

Mit herzlichstem Gruße

dein treuer

J J Blumer-Heer.

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