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Korrespondenz: Alfred Escher – Rudolf Stehli-Hausheer

AES B0445 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#468*

Rudolf Stehli-Hausheer an Alfred Escher, Lunnern, Montag, 30. November 1846

Schlagwörter: Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Regierungsrat ZH, Religion

Briefe

Mein Hochgeachteter Herr!

Beiliegende Petition ist vom R.Rathe an den Kirchenrath, von diesem an die Bezirks-Kirchenpflege zur Begutachtung gewiesen worden, & es wird das Gutachten der Letztern innert einigen Tagen in Handen des Hochgeachteten Herrn Bürgermeister Furrer , Präsident der vom Kirchenrathe niedergesetzten Kommission sein, um in nächster Sitzung des Kirchenrathes behandelt, & dann dem R.Rathe zum Entscheide resp. für Hinterbringung eines Antra ges an den Großen Rath vorgelegt werden.

Es ist zwar nicht meine Sache den Behörden immer in den Ohren zu liegen; allein im vorliegenden Falle halte ich es in meiner Pflicht auf unzweideutige Weise erkennen zu geben, daß - nach meiner Ansicht, die sich auf Erfahrungen & gründliche Prüfung der Verhältnisse gründet, nur durch die von uns vorgeschlagene Ausscheidung der sich gegenseitig reibenden, verschiedenen Elemente, Heil & Segen für beide Theile erblühen kann. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend hoffe ich, Sie werden es mir nicht verübeln, wenn ich es wage, die in den Beilagen enthaltenen Bitten noch privatim mit einigen Worten zu unterstützen. Nach Durchlesung der Petition & Prüfung des Grundrisses |

wird Ihnen nicht entgehen, daß folgende Gründe für uns sprechen:

1. Die geographische Lage, wo namentlich zu berücksichtigen ist, daß die
Kirch-Gemeinde Ottenbach aus 2 annähernd gleich großen, aber in
einer ziemlichen Entfernung von einander liegenden Theilen
besteht, die nur durch schlechte Wege mit einander verbunden sind.
2. Die durch Akten nachgewiesene Verschiedenheit der Einwohner &
daherigen immerwährenden Reibungen.
3. Die in allen Verhältnissen vorhandene Trennung mit Ausnahme
des politischen & kirchlichen Verbandes.
4. Die Bevölkerung.
5. Die Beschaffenheit der Kirche & des Kirchhofs.
6. Die Einstimmigkeit aller unserer Bürger.
7. Die großen Opfer, welche die Petenten zu bringen
bereit sind.

Alles Gründe, die kaum in einer einzigen andern Gemeinde des Kantons so zusammentreffen dürften, daher auch Consequenzen nicht zu fürchten sind. – Wenn Sie mein Hochgeachteter Herr die Opfer in's Auge faßen, welche der verlangende Theil zu bringen bereit ist, so wird Ihnen gewiß klar, wie schmerz lich, selbst unvergeßlich es für denselben sein müßte; wenn diejeni ge Partei, welche sonst nach allen Richtungen so viele Beweise |

für ihre warme Theilnahme am Wohle des Volkes giebt, im gegebenen Falle dem Aufschwunge, den unsere Gemeinden durch eigene Anstrengungen nehmen wollen, hemmend in den Weg tretten würde. – Wenn man auch alle Ursache hat mit den Leistungen der Kirche in vielen Beziehungen nicht zufrie den zu sein & insofern keine große Lust für Vermehrung derselben fühlen mag, so ist nicht zu übersehen, daß nicht die Kirchen, sondern ihre Stellvertretter, ihre Diener, die meiste Schuld tragen, daher wäre es gewiß nicht gut, wenn man es deßwegen jene entgelten lassen & eher auf Verminder ung als auf Vermehrung derselben hinsteuern wollte; zumal hoffentlich nach & nach Mittel & Wege gefunden werden dürften am rechten Orte helfen zu können. -

Meine Überzeugung sagt mir, daß die liberale Partei den Vorwurf der Unkirchlichkeit, die sie schon so oft hat hören müssen, in That & Wahrheit nicht verdiene, daher hoffe ich auch sie werde im gegebenen Falle nicht einen Schein auf sich laden, der unmöglich einen wohlthätigen Eindruck auf unser Volk machen könnte & der die Petenten aufs tiefste verletzen müßte. Glauben Sie mir, mein Hochgeehrter Herr, das Unglück Anderer macht mir keine Freude, hätte ich daher nicht |

die vollendeteste Überzeugung, daß die von uns gewünsch te Constituirung einer eigenen Kirchgemeinde auch zur Hebung von Ottenbach beitragen würde, gewiß ich hätte den Sturm zu parieren versucht.

Ich weiß aus Erfahrung, daß Ihnen des Volkes Wohlfahrt warm am Herzen liegt & ich kenne auch Ihren Einfluß in der obersten Landesbehörde, weiß ferner, daß je nach dem sich die Führer der liberalen Partei entschei den werden, die Wage in dieser Frage so oder anders fallen wird, ich verhehle Ihnen daher nicht, daß ich mit Ängstlichkeit dem Zeitpunkte entgegen sehe, wo ich Ihre Ansichten über unsere Bitten kennen lerne.

Ich wünsche von Herzen, daß diese meine erste Bitte, die ich in Folge Ihrer amtlichen Stellung an Sie wage & die mir tief, sehr tief geht, nicht auf Ansichten stoße, die derselben den Eingang versperre & benutze diesen Anlaß Sie meiner steten Hochachtung & Ergeben heit zu versichern.

Rud. Stehli
BezrGer:Psdt.

Lunnern den 30. 9bris 1846.

Dem Hochgeachteten Herrn Doctr Alfred Escher in Zürich.

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