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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0438 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 23. August 1846

Schlagwörter: Berufsleben, Eidgenössischer Bundesvertrag (1815), Freischaren, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Jesuiten, Klöster (Aufhebungen), Rechtliches, Reisen und Ausflüge, Sonderbund, Tagsatzung

Briefe

Glarus den 23. August 1846.

Mein theurer Freund!

Ich würde deinen sehr intressanten letzten Brief früher beantwortet haben, hätte ich nicht die Schlußbemerkung desselben, daß du auch wieder etwas von meiner Person zu erfahren wünschest, besonders berücksichtigt. Es ereignet sich nämlich in meinem alltäglichen Leben so wenig Berichtenswerthes, daß ich es vorzog, zuzuwarten bis nach meinem beabsichtigten Ausfluge in die Urkantone, um dir den Erfolg desselben mittheilen zu können. Derselbe ist nun in der vorletzten Woche wirklich ausgeführt worden, u. es freut mich dir berichten zu können, daß ich meinen Zweck, so weit es die kurz zugemeßne Zeit gestattete, erreicht habe. Vorerst ging ich nach Schwiz, wo ich unsern Freund Kothing besuchte. Wie er mir sagte, weißst du bereits, daß er Mitredaktor des Schwizer Volksblattes geworden ist, u. sollst dich mißbilligend darüber ausgesprochen haben. Auch ich begreife in der That seinen Entschluß nicht, u. finde seine Entschuldigung: ein liberales Blatt sey nun einmal im Kant. Schwiz unmöglich, ein Fortschritt sey es schon, wenn die Presse nur einen anständigern Ton annehme – mehr als bloß ungenügend. Er hat mir übrigens wieder mancherlei Gefälligkeiten erwiesen, theils durch Mittheilung von Quellen, theils durch Empfehlungen an andre Orte. Zunächst wandte ich mich nach Gersau, wo ich das alte Bundbuch untersuchte, welches mir intressanter geschildert worden war, als ich es wirklich fand; ich lernte daneben in Hrn. Landammann Camenzind einen entschiednen Liberalen kennen, der aber auch aus | Furcht vor seinen nächsten Umgebungen nicht gerne hervorzutreten scheint. Von Gersau fuhr ich nach Beckenried hinüber, wo ich statt der dir beschriebnen Herrlichkeiten – die häßliche Fratze des Stadtschreiber Gysi, u. andre langweilige Gesellschaft traf. Uebrigens ist die Lage des Ortes, u. namentlich der Weg von da nach Stans ausgezeichnet schön u. wahrhaft idyllisch. Zu Wylen an der Aa, als ich eben das merkwürdige alte Landsgemeind-Viereck betrachtete, vernahm ich die wohlstudirten Reden der jungen «Schitzer» von Stans; doch blieben ihre rhetorischen Leistungen weit hinter den Erwartungen zurück, welche ich von der pädagogischen Wirksamkeit des «Knabenvogts» gehegt hatte. In Stans lautete es anfänglich, in Betreff der Benutzung des Archives, etwas bedenklich; man stellte mir dieselbe als eine große Gunst dar, die nur wenigen Auserwählten zu Theil werde, u. vertröstete mich auf den Wochenrath, auf den ich anderthalb Tage warten mußte. Diese Zwischenzeit füllte mir von Matt, ein bekannter meines Schwagers Heer, aus, indem er theils mich in den nächsten Umgebunge von Stans u. in den höchst sehenswerthen Ateliers der Maler Zelger u. Deschwanden herumführte, theils mir das Obwaldner Landbuch, welches er durch einen günstigen Zufall hatte erhalten können, zum Exzerpiren mittheilte. Inzwischen gelang es mir auch, mich mit Hrn. Landammann Zelger, einem sehr artigen u. in politischer Beziehung gemäßigten Manne, den ich im Wirthshause kennen lernte, in ein gutes Einverständniß zu setzen, dieser unterstützte mein Begehren im Wochenrathe, so daß demselben sofort entsprochen wurde. Uebrigens ist das Nidwaldner Archiv nicht sehr reichhaltig; das Intressanteste war für mich ein sehr altes Landbuch auf Pergament, aus dem 15. Jahrh., in dem ich dann allerdings viel Wichtiges für meinen Zweck fand. Nachdem ich mich 3 ½ Tage in Stans aufgehalten, fand ich keine Zeit mehr nach Obwalden zu gehen, wo ohnehin die Geheimnißthuerei so arg seyn soll, daß ich ohne gewichtige Empfehlungen wohl nichts ausgerichtet hätte; auch Engelberg mußte ich auf der Seite lassen. Um mich indessen von angestrengtem Arbeiten etwas zu erholen, bestieg ich noch das Buochserhorn, welches wirklich | eine herrliche Aussicht darbietet u. an dessen Fuße man sehr schöne u. wohl bewirthschaftete Alpen trifft. Von da ging ich wieder nach Beckenried hinunter u. fuhr mit dem Dampfboote nach Flüelen. In Altorf war ich an Hrn. Landschreiber Gisler empfohlen, einen talentvollen jungen Mann, zwar entschieden conservativ gesinnt, aber bieder u. ehrlich in seinem Wesen u. daneben sehr gefällig. Da er zugleich Archivar ist, so theilte er mir ohne alle Bedenklichkeit u. ohne den mindesten Zeitverlust sowohl das alte Landbuch, als auch alle von mir gewünschten Urkunden aus dem Archive mit. Nachdem ich zwei Tage lang in Altorf geforscht, daneben in Erholungsstunden auch die großartige Umgegend noch etwas genossen hatte, ging ich über den Klausen nach Hause zurück u. traf im Bad Stachelberg noch Hrn. Fäsi von Zürich, der dir wahrscheinlich davon erzählt haben wird. Was übrigens die politische Stimmung der Kantone Uri u. Nidwalden betrifft, so fand ich sie wesentlich verschieden von Schwiz: es ist hier Alles einer Meinung u. das Volk im Ganzen sehr fanatisirt, – weit kampflustiger als die «Herren». Freischaarenzug, bei welchem diese Leute selbst Theil am Kampfe nahmen, lebt hier noch im frischesten Andenken, u. das damals vergoßne Blut hat eine sehr weite Kluft zwischen ihnen u. ihren Eidgenossen aus den liberalen, namentlich den westlichen Kantonen geöffnet.

Als eines meiner intressantern Erlebnisse dieses Sommers will ich hier auch noch ein zufälliges Zusammentreffen mit Freund Aepli in Ragaz erwähnen. Ich habe schon in meinem letzten Briefe an dich die Ueberzeugung ausgesproche, daß ihm von Seite der liberalen Parthei Unrecht geschehen ist. Es hieße nun wirklich beinahe einen übermenschlichen Maßstab anlegen, wenn man sich sehr darüber verwundern wollte, daß er, nachdem er einmal so empfindlich beleidigt worden, mehr auf die andre Seite sich hinneigt. Zugleich aber hat sich seiner, da er sich in seinen Verhältnissen nicht ganz wohl fühlt, wieder jene üble Laune u. Verstimmung bemächtigt, welche auf mich immer einen höchst peinlichen Eindruck macht.

Wende ich mich nun, um deinen l. Brief zu beantworten, zu der allgemeinen politischen Lage unsers | Vaterlandes, so muß ich mich vor Allem aus erinnern, daß ich zu einem Mitgliede der Tagsatzung spreche; denn ich wäre wirklich sehr geneigt, über diese hohe Behörde auf nicht sehr höfliche Weise loszubrechen. Die Bemerkung wirst du mir indessen nicht verübeln, daß dieselbe noch nie einen traurigern u. ärgerlichern Anblick dargeboten hat, als dieses Jahr: beinahe gar keine Beschlüsse, während doch nur sie allein unserm gegenwärtigen unseligen Zustande auf gesetzlichem Wege ein Ende machen könnte; dann, obgleich die Herren Gesandten die Fruchtlosigkeit jeder Diskussion zum voraus kennen, das viele zeitraubende Gerede, welches im Ganzen einen ächt advokatischen Charakter im gemeinern Sinne des Wortes angenommen hat, so daß man, einige ehrenvolle Ausnahmen abgerechnet, sich gegenseitig an scharfen, beißenden Worten zu überbieten sucht, welche unnöthiger Weise die Gemüther immer mehr reizen u. erbittern; endlich der gänzliche Mangel parlamentarischen Anstandes, welcher an einer Bundesversammlung doppelt unangenehm auffällt. Daß sich in der Sonderbundsfrage wieder keine Mehrheit ergeben wird, ist nun, nachdem der sehr lockere Fels von St. Gallen die Hoffnungen der Liberalen getäuscht hat, gewiß. Auch ich hatte gehofft, daß in jenem Kanton eher einige gemäßigte Konservative mit gegen den Sonderbunde stimmen werden, denn daß dieser mit dem bestehenden Bundesvertrage unvereinbar ist, ist nun einmal klar wie die Sonne, wie du das in deinem Votum im Gr. Rathe sehr gut nachgewiesen hast, mit welchem ich nur darin nicht einverstanden war, daß du auch die Bundesgemäßheit des Siebnerkonkordates darthun wolltest. Du deutest in deinem Brief darauf hin, daß es, wenn die Tagsatzung nichts beschließe, in Murten zu einem Putsche kommen könnte, u. es hat allerdings den Anschein, als ob gewisse Leute darauf hin arbeiten würden. Daß dieses wieder ein sehr dummer Streich wäre, welcher der liberalen Parthei nur schaden könnte, darüber sind wir natürlich einverstanden. Wenn aber auch, wie wir hoffen wollen, daraus nichts wird, so wird doch wahrscheinlich der Sonderbund Anlaß zu neuer Bewegung unter den Liberalen werden. Von Bern aus wird wahrscheinlich die Organisation von Volksvereinen, so wie der Abschluß eines liberalen Sonderbundes | unter den Ständen angeregt werden. Gegen erstre läßt sich natürlich nichts einwenden, als daß man, ehe man solche Vereine in's Leben ruft, genau wissen soll, was man damit bezwecken will. Was hingegen das Gegenbündniß betrifft, so ist es immer gewagt, dasjenige selbst vorzunehmen, was man zum Grunde heftiger Vorwürfe gegen die Gegenparthei gemacht hat. Ich weiß zwar wohl, daß man sagen wird: Wenn uns die Tagsatzung nicht helfen kann, müßen wir uns selbst helfen, u. was dem einen erlaubt ist, muß auch dem andern gestattet seyn. Ich kann aber überhaupt in einem solchen Bündnisse nur dann einen Vortheil erblicken, wenn man geradezu offensiv verfahren u. den bestehenden Gund zertrümmern will; so lange man sich in der Defensive hält, sind die Bestimmungen des 1815er Bundes hinreichend, u. ich finde eben deßhalb in dem kathol. Sonderbunde seinem Wortlaute nach, gemäß welchem er bloß für die Vertheidigung abgeschlossen ist, eine Thorheit. Die Gutmüthigern in den betreffenden Kantonen sehen dieses freilich nicht ein, die Gescheitern aber wissen wohl, wo hinaus sie eigentlich wollen. – Was die Bluntschli'schen Vermittlungsvorschläge betrifft, so sind dieselben – ganz abgesehen von der Person, welche ich meinerseits aus dem Spiele gelaßen hätte – jedenfalls sehr unpraktisch. Die Luzerner Staatszeitung hat dieselben auch noch weit schärfer angegriffen, als die liberalen Blätter. Weit einfacher u. leichter auszuführen, als der Bluntschli'sche Vorschlag, wäre ein gegenseitiges Fallenlassen der Jesuiten- u. der Klosterfrage, als der hauptsächlichsten Streitpunkte; doch weiß ich wohl, daß schon hierin die liberale Parthei, wenigstens in formeller Beziehung, verlieren müßte, u. nun ist noch gar der Sonderbund als ein neues verwickelndes Moment hinzugekommen. Am Ende aber wird doch die Alternative eintreten: Vergleich oder Krieg; denn gegenwärtig haben wir nur einen faulen Frieden, hervorgerufen durch die eigenössische vis inertiae, aber keinen Zustand, der sich auf die Dauer halten ließe.

Es intressirt dich wohl noch, mein Urtheil über Bluntschli's Geschichte des schweizr. Bundesrechts, namentlich das erste Buch derselben, zu vernehmen. Meine Erwartungen waren anfänglich nicht sehr günstig, u. wirklich habe ich auch diejenige Gründlichkeit vermißt, welche seine zürchr. Rechtsgeschichte auszeichnet. Dessenungeachtet kann ich nicht läugnen, daß er mit vielem Scharfsinne die ältesten staatsrechtlichen Verhältnisse der Urkantone aufgefaßt hat, u. daß durch seine Ansichten, welche im Ganzen der Wahrheit nicht sehr ferne stehen werden, die meinigen etwas modifizirt worden sind, (Forts. auf S. 1) | obschon ich ihm in manchen Einzelheiten werde entgegentreten müssen. – Aus meiner Familie kann ich dir nur die erfreuliche Kunde geben, daß mein Schwager Heer, auf mein Anrathen hin, in Heidelberg auf ehrenvolle Weise promovirt hat u. sich gegenwärtig in Paris befindet. Sonst befinden sich die l. Meinigen alle recht wohl u. lassen dich grüßen. Wie befindet sich deine gute Mutter? Empfehle mich bestens deinen verehrten Eltern

u. sey herzlich gegrüßt von deinem

J J Blumer-Heer.