Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0431 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Montag, 15. Juni 1846

Schlagwörter: Eidgenössischer Bundesvertrag (1815), Grosser Rat SG, Kommissionen (eidgenössische), Rechtliches, Sonderbund, Tagsatzung

Briefe

Glarus den 15. Juni 1846.

Mein theurer Freund!

Ich habe dir zwar schon durch unsern FreundZwicki, der nun bei dir weilen wird, sagen lassen, daß ich mit Bezug auf die Kubli'sche Angelegenheit das von dir Verlangte in unsern Rathsprotokollen nicht gefunden habe; indessen bin ich dir nähere Auskunft darüber schuldig u. ich will daher, nachdem einmal die Geschäfte, welche bei meiner Zurückkunft meiner warteten, abgethan sind, nicht länger anstehen dir zu schreiben. Ich glaubte, als ich mit dir über die Sache sprach, in den Rathsprotokollen den Beweis dafür, daß Kubli akkordirt habe, gefunden zu haben; allein mein Gedächtniß hatte mich getäuscht, die betreffende Stelle war nichts anders als der in deinem Briefe vom 12. April unter litt. c erwähnte Akt, durch welchen die Liquidatoren der Kubli'schen Masse ihrer Verrichtungen entlassen wurden. Daß sie ihr Geschäft durch das Zustandebringen eines Accommodement's beendigt hatten, steht im Protokolle nicht. Ich werde mich noch bei einem der benannten Liquidatoren, den ich genau kenne, nach schriftlichen Belegen erkundigen (bis jetzt konnte es noch nicht geschehen, weil er in einer andern Gemeinde wohnt); sollten solche nicht vorhanden seyn, so könnte freilich das Accommodement, wenn Kubli die Frechheit hätte es zu läugnen, nicht anders als durch Zeugen, durch diese aber ganz sicher bewiesen werden. Uebrigens wird es mich immer sehr freuen, wenn ich dir in dieser für dich so unangenehmen Sache irgend welche Dienste leisten kann. |

Empfange meinen herzlichsten Dank für die gastfreundliche Aufnahme, welche mir auch während meines letzten Aufenthaltes in Zürich wieder von dir u. deinen Eltern zu Theil wurde. Der ganze Ausflug ist mir in der angenehmsten Erinnerung: Zürich ist mir immer der Ort, wo ich für Geist u. Gemüth die reichlichste Anregung u. Erquickung finde, u. von Zug habe ich eine bedeutende rechtshistorische Ausbeute, die ich eben jetzt verarbeite, das Bild einer reizenden, ländlich stillen Gegend, welche man erst auf Spazirgängen recht würdigen lernt, u. diejenige Erfrischung, welche auch der Philister wieder in der sonst abgedankten Fidelität findet, nach Hause gebracht.

Im Auftrage meines Onkels habe ich letzte Woche die Akten, betreffend den Murtnerseestreit, durchgangen u. mich daraus überzeugt, daß Freiburg das historische Recht für sich hat. Waat beruft sich zwar darauf, daß die hevetische Revolution alle Vorrechte aufgehoben habe; allein dieser Satz läßt sich, wie ich finde, bei einer bloßen Gränzfrage nicht wohl anwenden, da eben die neuen Kantone überall auf die Gränzen der alten oder, wo neue Gebietstheile mit ihnen vereinigt wurden, auf diejenigen der ehemaligen Vogteien u. s. w. angewiesen wurden. Uebrigens scheint es mir, daß die Streitsache, weil sie eine bloße Rechtsfrage betrifft, sich zur Entscheidung durch die Tagsatzung nicht recht eigne; auch wenn ich mir denke, daß vorerst eine Kommission dieselbe einigermaßen aufklären würde, so würden doch immer noch die sonderbarsten u. abweichendsten Instruktionen, größtentheils wohl durch politische Sympathien bestimmt, zum Vorschein kommen. Besser wäre es daher wirklich, wenn die Sache durch ein Schiedsgericht entschieden werden könnte; freilich gehört nach dem Buchstaben des Bundesvertrages (Art. 1.5.) dieselbe nicht vor das eidgenössische Recht. – Die Anregung der N.Z.Z., daß von Seite der liberalen Stände gegen den katholischen Sonderbund, der nun durch die Freiburger Großrathsverhandlungen bekannt geworden ist, an der Tagsatzung rekla| mirt werden sollte, finde ich wohlbegründet; nur wird es wohl für dieses Jahr zu spät seyn, noch einen daherigen Antrag zu stellen. Ich habe mir das Vergnügen gemacht, den Abschied von 1832 aufzuschlagen, u. darin gefunden, daß namentlich die Urkantone es waren, welche auf's heftigste gegen das Siebnerkonkordat protestirten u. dessen Auflösung nach Art. 6 des Bundesvertrages forderten, weil es durch seine Bestimmungen den allgemeinen Bund nicht bloß verletze, sondern «zernichte». Diese Stände könnten sich nun gewiß nicht darüber beklagen, wenn ihnen Gegenrecht gehalten würde, besonders da ihr Sonderbund offenbar eine weit vollständigere Organisation hat, als es beim Siebnerkonkordate der Fall war.

VonAepli erhielt ich bei meiner Zurückkunft einen Brief, der natürlich nicht in der besten Stimmung geschrieben war. Er behauptet, sein Verhältniß zum Hause Gonzenbach sey, wie Jedermann bekannt, längst aufgelöst. Wenn dem so ist, so ist es jedenfalls auffallend, daß man ein Mährchen ausstreute, um ihn vom Gr. Rathe fern zu halten, da er doch liberal ist u., wie er sagt, auch allgemein dafür gilt. Freilich behält ein wissenschaftlich gebildeter Mann, auch wenn er sich zu einer Parthei rechnet, immer seine selbstständige Meinung, was von einem Spezereikrämer weniger zu befürchten ist.

Daß die letzte hiesige Correspondenz in der N.Z.Z. nicht von mir herrührte, wirst du bald erkannt haben; sie hat mich auch nicht sonderlich erbaut. Man mag nun über das Strafurtheil des Polizeigerichts gegenüber der Glarner Zeitung urtheilen, wie man will, so kann man es doch nicht billigen, daß dem Gerichte ohne Weiteres geradezu öffentlich Partheilichkeit vorgeworfen wird; solche blinde Angriffe auf Behörden üben auf das Volk immer einen sehr demoralisirenden Einfluß aus. Auch ist Staub's Schreibart, auch wenn man in dem fraglichen Artikel nicht gerade eine Injurie erblicken will, doch immer so roh u. verletzend, daß er dadurch der guten Sache nur schaden kann; namentlich erbittert er durch seine Sprache unsre Katholiken, die nun wahrscheinlich nächsten Sonntag durch Gemeindsbeschlüsse sich an die bekannte Klosterpetition anschließen werden. Auch der übrige Inhalt jener Correspondenz geht von einem sehr einseitigen Standpunkte aus.

Empfehle mich nebst meiner l. Frau, deinen werthen Eltern u. Schwester bestens; deiner guten Mutter wünschen wir von Herzen baldige Herstellung ihrer Gesundheit. Freundschaftlich grüßt dich dein treuer

J J Blumer-Heer.