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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0422 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Donnerstag, 16. April 1846

Schlagwörter: Berufsleben, Rechtliches, Reisen und Ausflüge

Briefe

Glarus den 16. April 1846.

Mein theurer Freund!

Ich würde deinen sehr intressanten Brief vom 27. v. M., welcher, lange ersehnt, eine um so wohlthuendere Erscheinung für mich war, früher beantwortet haben, wenn ich im Stande gewesen wäre, dir über den Hauptpunkt, über welchen du Antwort erwartetest, bestimmte Auskunft zu geben. Deiner gütigen Einladung, dich wieder einmal zu besuchen, hätte ich nämlich sogleich mit Vergnügen Folge gegeben, wenn nicht ein Umstand, in dem du eine hinreichende Entschuldigung finden wirst, mich davon abgehalten hätte; ich meine die Anwesenheit meines Schwagers Heer, welcher ungefähr gleichzeitig mit deinem Briefe von Berlin aus hier eintraf u. im Laufe der nächsten Woche wieder nach Heidelberg verreisen wird. Nach einer Trennung von beinahe zwei Jahren, während deren er sich in jeder Hinsicht sehr entwickelt hat, gewährt mir seine Gesellschaft wahren Genuß u. Erfrischung, u. ich könnte es daher nicht über mich bringen, während seines Aufenthaltes bei uns den heimathlichen Heerd zu verlassen. Schon lange frägt es sich nun bei mir, ob ich in der nächsten Woche meinen Schwager bis nach Zürich begleiten werde, allein auch jetzt noch ist es mir leider nicht möglich, dir hierüber etwas Bestimmtes zu sagen. Mannigfache Geschäfte, die meiner gerade auf jene Zeit warten, lassen es ziemlich bezweifeln. Komme ich indessen auch die nächste Woche noch nicht, so werde ich doch nicht mehr lange auf mich warten lassen, da ich dann| jedenfalls die Pfingstwochen, während deren wir wieder Gerichtsferien haben, zu einem längern Ausfluge benutzen würde.

Dieser ungenügenden Antwort auf deine Einladung, welche ich dir einstweilen ertheilen muß, ungeachtet glaubte ich nun doch nicht länger schweigen zu dürfen, nach dem ich vorgestern einen zweiten Brief von dir erhalten, welcher «Geschäfte» beschlägt, die ich nach meiner Gewohnheit gerne schnell beseitige. Ich bedaure dir in der Kubli'schen Angelegenheit keine weitern Mittheilungen machen zu können, als die bereits in meinem Brief vom letzten November enthalten sind. Dort habe ich mich ausführlich über Kubli'sLeumden u. Lebensverhältnisse ausgeprochen u. ebenso, wenn ich nicht irre, erwähnt, daß er mit seinen Gläubigern ein Accommodement geschlossen habe, weßhalb also diese keine Forderungsrechte mehr gegen ihn haben. Es würde mich sehr gefreut haben, wenn ich auf schickliche Art in den Besitz des Inventariums, welches seiner Zeit über Kubli's Aktiven u. Passiven aufgenommen wurde, hätte gelangen können; allein in den von dir citirten Rathsprotokollen fand ich es, wie ich auch erwartet hatte, nicht vor, u. Erkundigungen, die ich darüber bei Bekannten einzog, überzeugten mich, daß, wenn es sich hier noch irgendwo vorfinden sollte, dies nur bei Kubli's Schwiegersohn, Hrn. Hauptm. Heinr. Zwicki, seyn könnte, welcher seine Masse bereinigt haben soll. Daß ich nun diesen nicht wohl darum angehen konnte, mir die Waffen gegen seinen Schwiegervater selbst auszuliefern, zumal derselbe ohnehin schon wegen Kubli viel Verdruß gehabt u. große ökonomische Opfer gebracht hat, daher sehr ungerne an solche Angelegeheiten erinnert wird, – wirst du leicht begreifen.

Eine einläßliche Beantwortung deines ersten Briefes unterlasse ich mit Rücksicht| auf unser bevorstehenes, jedenfalls nicht mehr entferntes Wiedersehen. Was mich in demselben am meisten gefreut hat, ist, daß du die Geschichte des schweizer. Staatsrechts, als gewiß unerläßliche Bedingung für eine gründliche Kenntniß der gegenwärtigen Zustände, so gründlich betrieben hast, wodurch wir uns in unsern Studien sehr genähert haben. Ich habe diesen Winter über für meine Rechtsgeschichte ordentlich gearbeitet u. bin doch nicht sehr weit vorwärts gekommen; du weißst ja aus eigner Erfahrung, wie viel Zeit ein gründliches Quellenstudium in einer so umfassenden Materie wegnimmt. Sonst weiß ich dir von mir nicht viel zu berichten; es ist bei mir seit einem halben Jahre Alles außerordentlich ruhig zugegangen. Das nächstjährige eidg. Schützenfest wird uns nun hier viel zu schaffen geben u. auch mich einigermaßen beschäftigen, da ich Mitglied des Organisationscomité's geworden bin.

Empfehle mich bestens deinen verehrten Eltern u. Schwester, u. empfange die herzlichsten Grüße von meiner l. Frau u. allen l. Meinigen, die sich ohne Ausnahme recht wohl befinden, sowie von

deinem

treuen Freunde

J J Blumer-Heer.