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Korrespondenz: Alfred Escher – Heinrich Lukas Zwicky

AES B0412 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#579*

Heinrich Lukas Zwicky an Alfred Escher, Wien, Montag, 8. Dezember 1845

Schlagwörter: Finanzielle Unterstützungen, Kunst und Kultur, Reisen und Ausflüge, Religion, Universitäre Studien

Briefe

Wien den 8ten Dec. 45.

Mein Lieber!

In meinem letzten Briefe habe ich Dir schon bemerkt, daß ich Dich wegen Verlängerung meines Aufenthaltes nochmals um eine Geldsendung hieher werde ansprechen müssen, u ich dir den Zeitpunkt meiner Abreise dßhalb noch näher bestimmen würde. Ich wollte zwar vorher immer noch einen Brief von Dir abwarten, da jedoch der Zeitpunkt meiner Abreise nun mit raschen Schritten naht, u. die Briefe wenigstens 10 Tage hin- u herlaufen, so halte ich es für klüger, Dir, auch ohne neuere Nachricht von Dir zu haben, etwas bestimmter über meine Abreise zu schreiben, sonst möchtest Du vielleicht glauben, ich habe sie von Neuem hinausgeschoben. Ich werde nun Wien unmittelbar nach Beendigung der beiden Curse verlassen, die ich in diesen 3 Monaten noch hörte, u welche etwa am 18ten od. 20ten Dec. geschlossen werden. Fierz u. ein gewisser Muralt v. Zürich, der aber immer in Bern studirte, werden zu gleicher Zeit abreisen, u zwar werden wir alle 3 Prag zusteuern, das jetzt durch die Eisenbahn nur einen guten halben Tag von hier entfernt ist. Fierz bleibt vielleicht einige Monate dort, Muralt u ich werden uns nach einem Aufenthalt v. wenigen Tagen nach Paris auf den Weg machen. Bei der grossen Nähe zieht mich Prag gegenwärtig nicht nur um seiner selbst willen an, sondern auch vorzüglich deßhalb, weil Stadelmann seit 2 Monaten dort sich aufhält, um seine Studien daselbst zu beschliessen. | Er kann nämlich, was mir sehr leid thut, die Reise nach Paris nicht mitmachen, da sein Alter dazu nicht geneigt war, u. ihm dieser nur so viel Geld schickte, er damit einen Aufenthalt v. einigen Monaten in Prag bestreiten kann. Natürlich will ich diese Gelegenheit, ihn, wahrscheinlich zum letztenmal, zu sehen, nicht versäumen, denn nachher gehen unsre Wege nach entgegengesetzten Weltgegenden auseinander. Welchen Weg ich aber v. Prag aus einschlagen werde, weiß ich noch nicht recht. Muralt will über Berlin reisen, da gehe ich aber auf keinen Fall mit, u. auf dem geradesten Weg v. Prag nach Paris müßte ich Nordbayern passiren, u würde so nahe an Erlangen vorbeikommen, ich einen Besuch dort nicht vermeiden könnte, aber ein langer nimmt mir jetzt zu viel Zeit weg, u. mit einem kurzen, von nur wenigen Tagen ist mir selbst nicht gedient; u. überdieß habe ich mir Erlangen auf das Ende meiner ganzen Reise verspart. Wenn Muralt Berlin fahren läßt, so gehe ich nun, wenn ich schon einmal in Prag bin, doch vielleicht über Dresden u. Frankfurt, da der Umweg in diesem Falle nicht mehr so bedeutend ist, u. ich d. Annehmlichkeit eines Reisegefährten bis Paris gewinne. Zu alle dem ist aber vor Allem nöthig, daß ich Reisegeld habe, denn die Curse u. Winterkleider haben mir bedeutend in die Casse gegriffen. Ich möchte Dich daher um eine neue Sendung, ohngefähr wie die vorige, ersuchen, damit ich Dir von Paris aus nicht gerade in den ersten Tagen schon wieder um Geld schreiben muß, u. zwar wäre es mir sehr erwünscht, wenn ich sie in kürzester | Zeit erhalte, weil ich nicht gerne mehr länger hier bleibe, wenn ich nichts mehr hier zu suchen habe, u. ich vielleicht durch längeres Zögern mit meiner Abreise meine Reisegesellschaft verlieren würde. Übrigens habe ich durchaus nur Ursache, darüber zufrieden zu sein, ich noch länger in Wien geblieben bin, denn dieser Aufenthalt war mir noch von wesentlichem Nutzen. Nur habe ich mich manchmal darüber geärgert, daß gerade in diesem Spätherbst u eigentlich noch bis jetzt, verhältnißmässig so schönes Wetter war, u ich dadurch immer erinnert wurde, wie glücklich ich es in dieser Hinsicht heuer mit meiner Reise getroffen hätte, was ich meinen übrigen sonst nicht nachrühmen kann. Bis jetzt haben wir hier noch gar keinen Schnee gehabt, u an einzelnen Tagen ist es so schön, es einem im geheizten Zimmer fast zu heiß wird. Heute Abend ist: Hamlet; giengst Du wohl mit? Gestern brachte Felic. David hier zum erstenmal seine «Wüste» zur Aufführung, die hier sehr gefiel. Alle Concerte sind hier Mittags meist in einem der Theater; u ich hörte mit mehrern Collegen die Gestrige Aufführung auch auf dem Juchhe des Theater an der Wien an; es ist eine eigenthümliche Composition, aber einzelne Abtheilungen derselben, besonders die, in welcher er den Sonnenaufgang malt, gefielen mir ausgezeichnet gut. Aus d. Zeitung habe ich d. Wahl Hagenbuchs zum Bezirksrichter erfahren; wie macht er sich, u wie stehen seine Aussichten an der Kirchgasse? Überhaupt gaben d. Zeitungen wieder manches in der letzten Zeit zu denken; vor Allem d. saubre Geschichte mit Cas. Pfyffer, auf deren so laut ausposaunte Rechtfertigung ich doch sehr begierig bin, u dann d. Geschichte im Waadtlande, aus der ich nicht recht klug werden kann, da in der Allgemeinen fast nur d. facta | stehen, u im Österreich. Beobachter, dem Blatte Metternichs, nur d. kath. Staatsz. & die eidgen. Z. abgedruckt werden. Ich weiß nicht, machen es d. dortigen Pfarrer nur wie d. Zürcherischen a. 39, oder ist d. Regierung auf einem schlechten Wege, denn ich kann mir nicht mehr recht erinnern, wie d. Geschichte mit den Geistl. eigentlich anfieng. Schnyder von Bern, den ich damals unter deinem Präsid. in Zofingen kennen lernte, ist seit einigen Wochen auch hier.

Nun aber muß ich eilen, wenn d. Brief heute noch zur Post soll. Mein Vetter Jaques ist, wie du wohl schon vernommen, seit fast 14 Tagen wieder nach St Gallen abgereist. So viel ich aus seinen Reden abnehmen konnte, « wir wohl für lange wieder Abschied nähmen», u dgl. hat er wieder eine Reise vor, aber wann u wohin weiß ich gar nicht. D. Paschis grüsse mir alle hzlich u laß mich bald etwas über ihre wirklichen oder beabsichtigten Ehestände hören. Ausser d. Curs bei Scoda & Rokitansky habe ich in dieser letzten Zeit auch noch mit ziemlichem Erfolge Geburtshülfe getrieben, da mir duch Herrn v. Effigers Verwendung der Weg dazu offen stand.

Aber nun mit den hzlichsten Grüssen & Empfehlungen an die verehrten Deinigen immer Dein

Heiri.

Den Brief an [ Peter ?] bist du wohl so gut auf d Post abgeben zu lassen. (Alservorstadt, Hauptstrasse Nr. 111. 2tr Stock.)

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