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Korrespondenz: Alfred Escher – Arnold Otto Aepli

AES B0408 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#87*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 37 | Jung, Aufbruch, S. 206–207 (auszugsweise)

Arnold Otto Aepli an Alfred Escher, St. Gallen, Mittwoch, 5. November 1845

Schlagwörter: Berufsleben, Familiäres und Persönliches, Grosser Rat SG

St Gallen 5. Nov. 1845.

Mein theurer Freund.

Du hast dich in der That nicht geirrt, wenn Du sagst, auch ich werde mich über die schändliche Taktik der Zürcherschen Conserativen gegen Dich u. Deine Familie entrüstet haben. Sobald ich die Annonce Deines Vaters in der N.Z.Z.1 gelesen hatte, sah ich auch die Wochenzeitung nach u. staunte über die perfide Weise mit der eine an sich, wie mir scheint, für Dich namentlich sehr geringfügige Sache als politischer Hebel gebraucht worden ist.2 Die Gemeinheit jenes auf das Kublische3 Inserat hin weisenden Textartikels übersteigt wirklich alle Vorstellungen u. es ist mir bisdahin, der ich aus der St Gallischen Preße an Gemeinheiten aller Art im Felde der Publizistik ziemlich gewöhnt sein kann, noch nichts derartiges vorgekommen. Wenn um bedeutenderer politischer Persönlichkeiten willen Drittleute mitgenommen wurden, geschah es in der Regel in blos satyrischer Weise, wie das z. B. einmal mit Staatsschreiber Steigers4 Ehefrau5 der Fall war6, nie aber habe ich erlebt, daß blos äußerliche Beziehungen zu Drittleuten zu moralischer Bekleksung mißbeliebiger politischer Charaktere mißbraucht worden sind, in Fällen zumal wo auch gar keine Gewähr vorhanden ist, daß nur das Faktum, auf welchem die ganze Anklage beruht, richtig sey. Den zudringlichen, unverschämten Kubli würde ich mit einer kurzen öffentlichen Erklärung abspeisen, die Redaktion der Wochenzeitung dagegen, welche mir eigentlich die Injurie begangen zu haben scheint, mit allem Nachdruck verfolgen. – Über den Kubli habe ich, nach deinem Wunsche, Nachforschungen gepflogen. Was mir über denselben auf der hiesigen Polizei mitgetheilt werden konnte reduzirt sich freilich auf sehr Weniges: Ein Casper Kubli von Quinten (so ist er eingeschrieben, von einem C. K. von Glarus weiß man hier nichts) hat sich als Fabrikant (nicht als Cafewirth) von 1839 bis 1844 hier aufgehalten. Der amtlich bekannte Grund seines Wegziehens besteht einfach in der Zurückstellung der Niederlaßungsbewilligung von seiner Seite. Sonst weiß das Polizeiamt nichts von ihm. Ich selbst habe von der Anwesenheit dieses Menschen in St Gallen nie die geringste Kenntniß gehabt u. niemals von ihm reden gehört. Ebenso wenig wollen Bekannte von mir von jenem etwas wißen. Was den Junge7 anbelangt (das Individuum, das du im Auge hast, heißt Junge nicht Jung) so hat nun Büeler8, der ihn genauer kennt, als ich, versprochen, sich gelegentlich darnach zu erkundigen, ob er sich früher in Rußland aufgehalten habe. Ich zweifle jedoch sehr daran. Junge ist aus Berlin, soll früher ein Haus gemacht haben, aber im Handel unglücklich gewesen sein, u. | ist, wie ich glaube, bald nachher nach St Gallen gekommen, wo er wohl schon fünf bis sechs Jahr sein mag. Sobald Büeler mir einen Bericht über ihn bringt, der Dir dienen kann, werde ich nicht ermangeln Dich sogleich davon in Kenntniß zu setzen. –

Ich begreife, wenn Du sagst, derartige Erfahrungen seyen geeignet die Stärke des Charakters auf starke Probe zu setzen. So unsäglich viel Unangenehmes sie übrigens mit sich führen, so liegt darin nichts desto weniger wieder viel Aufmunterndes, indem solche Erfahrungen, wie mir scheint, der sicherste Beleg für die Bedeutsamkeit der eigenen Stellung u. Wirksamkeit sind. Auch scheint es in unsern erbaulichen Zeiten Regel geworden zu sein, daß jeder auch nur einigermaßen im politischen Leben hervortretende Charakter die Feuertaufe u. Wiedertaufe gemeiner Verfolgungen durchzumachen habe; wie sollte man sie einem jungen Manne erlaßen der seine Laufbahn erst beginnt, zumal wenn er, wie Du, glücklich ist? Wenn die Sache aus diesem Gesichtspunkt einer wohl unvermeidlichen Nothwendigkeit betrachtet wird, werden die Kränkungen sicherlich weniger tief empfunden, u. mit Recht.

Ich habe nun noch über einen wichtigen Punkt deines Briefes zu antworten, die Correspondentschaft der N.Z.Z. u. ich würde früher geschrieben haben, wenn ich über diesen Punkt sogleich mit mir im Reinen gewesen wäre. – Ich war schon früher mit der N.Z.Z. in einiger Berührung. Zur Zeit der letzten Februarsitzung des Gr Rathes in der Bisthumssache ist Gustav Scherrer9 von L. Meier10 aufgefordert worden über die Verhandlungen zu referiren u. ordentl. Correspondent zu werden. Er lehnte jedoch beides ab u. ersuchte mich jenes Referat zu übernehmen, worüber er auch an Meier schrieb. Ohne von diesem selbst eine Aufforderung erhalten zu haben, übernahm ich die Sache, doch waren, wie ich indirekte durch Behandlung meiner Einsendungen wahrnehmen konnte, u. wie ich auch später selbst eingesehen habe, meine Berichte auf einen zu weitläufigen Plan berechnet.11 Sie wurden deshalb gegen Ende der Sitzung sehr summarisch abgefaßt. In der Folge lieferte ich dann noch mehrere Artikel, namentlich auch über die Wahlergebniße im Mai12, welche jedesmal, hie u. da etwas zugestutzt (auch Blumer hat sich über willkührliche Veränderungen seiner Artikel beklagt), aufgenommen wurden. Die dazumalige Redaktion ist jedoch nie mit mir in Verbindung getreten, obschon, ich gestehe es, mir dazumal nicht unangenehmer gewesen wäre, eine Aufforderung zu regelmäßigen Correspondenzen zu erhalten, wobei ich dann auch gerne, so weit es nach meiner Überzeugung hätte geschehen können, auf die Wünsche der Redaktion eingetreten wäre. Allein diese hat mich so zu sagen vollständig ignorirt. Bald darauf trat ich meine Reise an u. nach dieser kam ich in einen solchen Strudel von Geschäften hinein, daß an Politik gar nicht zu denken war. Ich hatte während beinahe 3 Wochen zu gleicher Zeit die Gerichtsgeschäfte u. die Geschäfte des Bezirksammann Amtes zu versehen, welche| unglücklicher Weise durch eine in diese Zeit fallende Feuersbrunst noch besonders complizirt wurden, u. zu dem fiel eben in diese Zeit die öffentliche Rechnungsablage der politischen u. der Genossengemeinde für welche beide ich die Rapporte der Rechnungskommißionen auszuarbeiten u. vorzutragen hatte. Während dieser Zeit war ich an einem Tage von Morgens 7 Uhr bis Abends 9 Uhr, mit kurzer Unterbrechung über mittag, in 3 verschiedenen amtlichen Stellungen ununterbrochen beschäftiget. Seither ist eine freilich wieder bedeutende Ruhe eingetreten u. an Zeit würde es mir nicht gebrechen mich wieder einläßlicher mit der Politik zu beschäftigen, dagegen fehlt es jezo um so mehr an – Lust. In dieser Beziehung sind die Gründe subjektiver u. objektiver Natur. Würde ich irgend einen entschiedenen Beruf besitzen, jetzt im Sinne derj. polit. Grundsätze, welche mich immer geleitet haben, das publizistische Gebiet zu betreten, so würde ich auch alle die Unannehmlichkeiten zu überwinden wißen, mit denen eine solche Carriere nothwendig verbunden ist. Da ich einen solchen Beruf aber eben jetzt nicht sehr lebhaft in mir spüre, meine persönliche Neigung viel mehr dahin gerichtet ist, mich von Allem zurückzuziehen, um ein stilles und unberühmtes Leben dahinzudämmern, so ist die Lust, wie Du leicht einsehen wirst, nicht groß, mich all den Gemeinheiten u. Kränkungen der conservativen u. ultramontanen Preße auszusetzen, welche unvermeidlich wären, da man heut zu tag weit häufiger die Personen der Gegner beschimpft, verleumdet, ja bis ins Heiligthum der Familie verfolgt – wie Du ja selbst weißt – als in grundsätzliche Erörterungen eintrit, durch welche vernünftiger Weise allein eine Preße Nutzen stiften könnte. Ich habe aus diesen Gründen daher auch abgelehnt; Einsendungen in die St Galler Zeitung zu machen, wozu ich schon wiederholt aufgefordert worden bin, u. ebenso habe ich mich geweigert mich an einer von einem Buchdrucker13 projektirten neuen Zeitung zu betheiligen, welche einen gemäßigten Liberalismus vertreten sollte. Auch unterließ ich es über das Auftreten der deutsch-katholischen Apostel14 in Tägerweilen irgend etwas öffentlich mitzutheilen, obschon unsere ultramontanen Blätter eigentliche Herausforderungen enthielten u. ich vielleicht von allen St Gallern, welche in Tägerweilen waren, der einzige war, der schon in Zeitungen geschrieben u. mit Ausnahme Scheitlins15, der aber erst nach dem Gottesdienste kam u. daher die Hauptsache nicht gesehen u. gehört hat, sich etwas einläßlicher mit der Sache beschäftiget hatte. – Mit bloßem Referiren ist es begreiflich nicht gethan, wo es sich ums Durchfechten eines politischen Prinzips handelt. – Dann gibt es aber auch noch objektive Gründe, welche mich hindern an der Publizistik thätigen Antheil zu nehmen, über die ich aber heute nicht mehr eintreten kann, welche zu wißen Dir übrigens vielleicht auch sehr gleichgültig ist, da Dir genügen mag darüber im Klaren zu sein, daß ich keine Lust besitze. – Wenn Ihr bezüglich der mit nächstem Montag beginnenden Großrathssitzungen in Betreff eines Referenten in Verlegenheit sein solltet, so will ich sehen daß es mir möglich wird, hierüber zu berichten, da es sich hier um bloßes Referiren handeln wird.16 – Ich schließe hier mit der Bitte mich Deinen Eltern zu empfehlen u. die Versicherung der unwandelbaren Freundschaft entgegenzunehmen

Deines

Aepli

Kommentareinträge

1 Heinrich Escher drohte Kaspar Kubli mittels eines Inserats eine Klage an. Vgl. NZZ, 29. Oktober 1845.

2 Vgl. Wochenzeitung, 14. Oktober 1845, 28. Oktober 1845.

3 Kaspar Kubli (1777–1864), Kaufmann.

4 Georg Peter Friedrich Steiger (1804–1868), Grossrat und Staatsschreiber (SG).

5 Anna Steiger-Zündt (geb. 1811), Ehefrau von Georg Peter Friedrich Steiger.

6Sachverhalt nicht ermittelt.

7Person nicht ermittelt.

8Person nicht ermittelt.

9Vermutlich Gustav Scherrer (1816–1892), Lehrer für Geschichte und deutsche Sprache am St. Galler Gymnasium.

10 Ludwig Meyer (1819–1869), ehemaliger Redaktor der «Neuen Zürcher Zeitung» und Lehrer für Mathematik an der Zürcher Industrieschule.

11 Vgl. NZZ, 18. Februar 1845, 20. Februar 1845, 21. Februar 1845, 22. Februar 1845, 23. Februar 1845, 24. Februar 1845, 25. Februar 1845.

12 Vgl. NZZ, 6. Mai 1845.

13Person nicht ermittelt.

14Im Oktober 1845 versuchten zwei Jesuiten in Konstanz ihre Predigertätigkeit aufzunehmen, was ihnen jedoch verboten wurde. Sie liessen sich daraufhin im Kanton Thurgau nieder und feierten in der reformierten Pfarrkirche von Tägerwilen einen «deutsch-katholischen» Gottesdienst, was ihnen aber kurz darauf ebenfalls untersagt wurde. Vgl. Baumgartner, Schweiz III, S. 339.

15 Karl Peter Scheitlin (1809–1901), Buchhändler und Verleger in St. Gallen.

16Es finden sich zu den Grossratsverhandlungen in St. Gallen diverse Korrespondenzen in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 15. bis zum 27. November 1845, die jedoch wahrscheinlich nicht alle von Aepli stammen.