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Korrespondenz: Alfred Escher – Arnold Otto Aepli

AES B0406 | KBSG VNL 38 : B : 18

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 35 | Jung, Aufbruch, S. 205–206 (auszugsweise)

Alfred Escher an Arnold Otto Aepli, Belvoir (Enge, Zürich), Mittwoch, 29. Oktober 1845

Schlagwörter: Berufsleben, Familiäres und Persönliches, Parteienstreitigkeiten

Belvoir bei Zürich. 29 Oct.1845.

Mein lieber Freund!

Vor allem muß ich Dir mein Bedauern darüber aussprechen, daß Du, als ich diesen Herbst für ein Paar Stunden in St. Gallen war, nicht zu Hause warest & ich dadurch des Vergnügens, Dich wieder einmal zu sehen, Du des herrlichen Abends den wir in Trogen zubrachten, beraubt wurdest.

Seither ist unendlich viel über mich ergangen, das in hohem Maaße dazu geeignet war, die Stärke meines Characters auf die stärkste Probe zu setzen. Nachdem die hiesige conservative Partei, die sich immer mehr als das qualifizirt, wofür ich sie einmal in der NZZ. ausgab, nämlich als die Hefe der Schweizerischen retrograden Partei1, mir in ihrem unauslöschlichen Hasse auf keine andere Weise hat beikommen können, hat sie nun meine Familie anzugreifen & so einen Mackel auf mich zu werfen gesucht. Sie hat einen gewissen Kubli2 von Glarus, der eine Civilforderung an meinen Oheim3 in Cuba, den ich in meinem Leben nie gesehen zu haben vorgibt, aufgespürt: die Wochen-Zeitung hat ihn zu ihrem «Correspondenten» gestempelt4 & nun mußte er zu der ersehnten Waffe gegen meine Familie & dadurch indirecte gegen mich dienen. Ich will Dir das des nähern nicht erzählen. Du weißt es wahrscheinlich schon oder kannst es aus der Wochenzeitung entnehmen. An der ganzen Sache kann mich so viel freuen, daß ich der Gegenstand des leiden| schaftlichen Hasses unserer conservativen Coterie5 bin & daß sie bei dem augenfällig brennenden Bestreben, mich anzugreifen, es nur auf diese Weise thun konnte. Es kann mich freuen, daß der Angriff gerade den entgegengesetzten Erfolg hat, den der Angreifende beabsichtigt, nämlich den, daß die entrüstete liberale Partei meines Cantons um dieser Angriffe willen mir nur desto treuer & fester anhangen zu wollen erklärt. Ich weiß es, ich werde mich auch Deiner Entrüstung zu freuen haben, der ich um so sicherer sein zu dürfen glaube, da Du die vortrefflichen Eigenschaften meines Vaters kennst & darum den Plan, mich durch Verläumdungen meines Vaters politisch todt zu schlagen, um so niederträchtiger finden wirst. Es ist übrigens nicht die Rücksicht auf meine Person, welche mich so teuflische Angriffe bitter empfinden läßt: meine Schultern sind stark genug, um sie auszuhalten. Aber daß die «gottesfürchtige» «sittliche» Klike meinen alten Vater, der jedermann wohl will & noch niemandem absichtlich zu nahe getreten ist, aus seinem harmlosen Privatleben herausreißen & vor dem Publicum prostituiren will, einzig weil er das Verbrechen begeht, – einen liberalen Sohn zu besitzen, das ist eine Infamie, die die Gefühle eines unversöhnlichen Hasses gegen meine politischen Gegner für mein ganzes Leben in mir anfachen muß.

Es versteht sich von selbst, daß wir die Wochenzeitung gerichtlich belangt haben. Es wäre mir nun aber von großem Werthe, wenn Du die Güte haben würdest, mir so beförder| lich als möglich alles, was Du von den Lebensverhältnissen des Caspar Kubli, der sich einige Zeit auch in St. Gallen, ich glaube als Cafewirth aufgehalten haben soll, in Erfahrung bringen kannst, mitzutheilen. Die Persönlichkeit dieses Menschen wird für die politische & gerichtliche Beurtheilung dieser Sache entscheidende Momente darbieten.

Sollte es Dir ferner möglich sein, in Erfahrung zu bringen, ob nicht der H. Jung6, den wir einige Male in Appenzell gesehen, in Rußland Secretär bei meinem Oheim Friedr. Ludwig Escher war, so wäre ich Dir sehr dankbar dafür.

Wie gerne würde ich noch mit Dir über Politisches plaudern, das ich immer so gerne mit Dir besprochen. Aber ich bin gegenwärtig in einem wahren Strudel von Geschäften. Amtliche Verrichtungen aller Art: die Leitung des Cantonalcomité's der Liberalen: die Vorstandschaft eines Comités für Unterstützung der liberalen Presse, das nicht nur sehr viele, sondern auch sehr unangenehme Geschäfte abzuthun hat: Gemeindsgeschäfte, die sich zur Zeit um das Straßenwesen drehen & für die Gemeinde von hoher Wichtigkeit sind, lasten schwer auf mir; noch schwerer die mich stets verfolgende Besorgniß, durch diese Geschäfte, die ich immer noch als Nebengeschäfte qualifiziren muß, von meinem Hauptgeschäfte wissenschaftlicher Arbeiten, abgehalten zu werden.

Doch, einen Gegenstand muß ich Dir noch besonders ans Herz legen. Gewiß bist Du mit mir darüber ein| verstanden, daß die Neue Zürich-Zeitung eine der bedeutendsten Waffen der Schweizerischen liberalen Partei ist & ohne Zweifel wirst Du auch darüber mit mir einig sein, daß die N.ZZ., seit Daverio7 ihre Redaction übernommen hat, wieder, soviel in den Kräften des Redactors steht, das ist, was sie sein soll. Ich sage, soviel in den Kräften des Redactors steht: denn die Correspondenzen kann er natürlich nicht machen. Du bemerkst schon, wohin mein Anliegen zielt: ich möchte Dich bitten, der N.Z.Z. Correspondenzarticel von St. Gallen einzusenden. Mit meinem Ansuchen vereinigt sich das Daverio's & Deiner hiesigen liberalen Freunde. Der Canton St. Gallen ist gegenwärtig für die Eidgenossenschaft von solcher Bedeutung, daß es für die N.Z.Z. von dem höchsten Werth sein müßte, tüchtige Correspondenzen von St. Gallen zu erhalten. Ich bin auch überzeugt, daß niemand im Stande ist, Eure Zustände vom liberalen Standpuncte aus mit mehr Unbefangenheit zu beurtheilen als Du. Es ist dieß keine Complimentenschneiderei: Du weißt, daß ich kein Schmeichler bin! Wir haben alle Hoffnung, daß die bedeutendsten Magistrate aller liberalen Cantone Correspondenzen in die N.Z.Z. einsenden werden: einige haben bereits zugesagt: so kann das Blatt, das gegenwärtig schon mit seinen 2300 Abonnenten in der Schweiz & im Auslande am verbreitetsten ist, zu noch größerm Einflusse gelangen. Ich denke, auch dieser Umstand werde Dich zum Correspondiren anregen. – Und nun leb' wohl. Den herzlichen Grüßen der Meinigen schließt sich an

Dein

A Escher.

Kommentareinträge

1Vermutlich ist der Artikel vom 16. September 1845 gemeint, in dem Escher von der «retrograden Bewegung» schreibt. Vgl. NZZ, 16. September 1845.

2 Kaspar Kubli (1777–1864), Kaufmann.

3 Friedrich Ludwig Escher (1779–1845), verstorbener Plantagenbesitzer auf Kuba; Onkel von Alfred Escher.

4 Kubli machte in der «Wochenzeitung» Forderungen gegenüber Friedrich Ludwig, Heinrich und Alfred Escher öffentlich geltend. Die konservative Presse griff die Anschuldigungen Kublis auf, um die Familie Escher als Schuldenpreller und Sklavenbesitzer zu verunglimpfen. Unterstützt wurde Kubli dabei vom konservativen Zürcher Grossrat und Stadtschreiber Heinrich Gysi (1803–1878), der die Auseinandersetzung für politische Zwecke instrumentalisierte. Der Konflikt erfasste selbst die Freimaurerei: Die beiden Freimaurer Gysi und Jonas Furrer gerieten aneinander, was innerhalb der Logen «Modestia cum Libertate» (Zürich), «Akazia» (Winterthur) und «Alpina» (eidgenössische Grossloge) zu Mißstimmungen und Animositäten führte. Zum Konflikt zwischen Kubli und der Familie Escher vgl. Jung, Aufbruch, S. 199–212; Wochenzeitung, 28. Oktober 1845; Alfred Escher an Friedrich Tschudi, 9. / 10. Mai 1851. – Zum Konflikt innerhalb der Freimaurerlogen vgl.Korrespondenz Heinrich Gysi (Archiv McL, 453/2); Ley, Modestia cum Libertate, S. 136; Dejung/Stähli/Ganz, Furrer, S. 75–76. – Die Bedeutung der Freimaurerei im persönlichen Umfeld Eschers ist Gegenstand eines Dissertationsprojekts des Autors.

5Coterie: Gruppe, Clique.

6Person nicht ermittelt.

7 Ludwig Herkules Daverio (1804–1849), Redaktor der «Neuen Zürcher Zeitung» und Lehrer für italienische Sprache an der Zürcher Industrieschule.