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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0398 | FA Tschudi

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 34

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Freitag, 22. August 1845

Schlagwörter: Aufstände und Umsturzversuche AG, Aufstände und Umsturzversuche VD, Berufsleben, Finanzielle Unterstützungen, Freischaren, Reisen und Ausflüge, Tagsatzung

Briefe

Glarus den 22. August 1845.

Mein theurer Freund!

Deinen letzten, an feierlicher Stelle geschriebnen Brief1 muß ich Dir um so mehr verdanken, als eigentlich ich schon seit langem Dein Schuldner war u. es daher an mir gewesen wäre, unsern Briefwechsel zuerst wieder aufzunehmen. Um so mehr beeile ich mich nun auch denselben zu beantworten, da Du unmittelbar nach dem Schlusse der Tagsatzung2 Zürich verlassen willst u. vorher noch etwas von mir hören möchtest.

Deine Mittheilungen über das Verhältniß der liberalen Stände zu einander, wie es sich an der Tagsatzung herausstellt, haben mich sehr intressirt. Gewiß kann man die Stellung, welche Bern gegenwärtig einnimmt, nur bedauern.3 Die Verhältnisse dieses Kantons verdienen gegenwärtig die größte Aufmerksamkeit, denn er scheint zu dem keineswegs beneidenswerthen Loose bestimmt zu seyn, der Träger eidgenössischer Verwicklungen zu werden, wie Aargau u. Luzern es bis dahin waren. Auch mir kommen die neuesten Schritte der Berner Regierung so verkehrt vor, daß sie mich unwillkührlich an das Sprüchwort erinnern: «quem deus perdere vult, dementat»4; man muß in der That dem Bernervolke eine bedeutende Portion Geduld u. ruhigen Verstand zuschreiben, wenn man annehmen soll, es werde ein gewaltsamer Umschwung der Dinge unterbleiben. Dessenungeachtet kann ich nur dieses wünschen; denn so sehr auch die Regierung im Einzelnen gefehlt hat, so ist doch ihr System im Ganzen, namentlich in eidgenössischen Dingen bis dahin immer so gut gewesen, daß es wenigstens gewiß nicht | durch ein besseres ersetzt würde. Man spricht laut davon, wenn Ochsenbein5, Imobersteg u. s. w. an's Ruder kämen, so würden sie mit Luzern Händel anfangen u. von Staats wegen den Krieg erklären. Ich möchte nicht ganz läugnen, daß vielleicht gegenwärtig etwas von der Art in in ihren Köpfen spuke; aber einmal zur Gewalt gelangt, würden sie doch kaum die ungeheure Verantwortlichkeit auf sich nehmen, auf diese Weise den Bund zu zertrümmern u. wahrscheinlich auswärtige Einmischung herbeizurufen. So würde zuletzt die ganze Veränderung auf einen Personenwechsel hinauslaufen, der, wenn die ganze gegenwärtige Regierung beseitigt würde, jedenfalls kein vortheilhafter zu nennen wäre, u. zugleich hätte die Parthei des Rückschrittes dabei vortrefflichen Anlaß im Trüben zu fischen. Betrachtet man die traurige Lage Bern's, Luzern's, St. Gallen's u. die noch ungewissen Zustände in Waat u. Aargau, so muß man sich recht freuen in Zürich wenigstens einen der größten u. einflußreichsten Kantone zu erblicken, der gegenwärtig eine durchaus solide u. ehrenhafte Stellung einnimmt. Gewiß wird die liberale Schweiz, werden namentlich die kleinern Stände wohl thun, sich an Zürich als ihren Kern u. Mittelpunkt anzuschließen. Ich hätte dieses so unbedingt von keiner frühern Zürcher Regierung gesagt u. behalte mir auch für die Zukunft freie Prüfung Eures jeweiligen Systemes vor; aber im jetzigen Augenblicke glaube ich, Glarus könnte nichts Besseres thun, als die Zürcher Politik soviel als möglich zu der seinigen zu machen. Man ist indessen bei uns davon im Ganzen noch weit entfernt u. befindet sich theils auf einem extremern, theils auf einem schwankenden, grundsatzlosen Standpunkte. Du wirst z. B. ohne Zweifel unsre Instruktion betreffend die eidg. Stabsoffizire, welche am Freischaarenzuge Theil genommen, lächerlich gefunden haben; sie ist das Produkt landstatthalterlicher Weisheit; ich hatte den Antrag des Vororts empfohlen, während die beiden Jenni6 von Ennenda, wie die betheiligten Stände, begnadigen wollten.7 Auch der Antrag, eine allgemeine Amnestie zu befehlen, mit dem Glarus allein blieb, nahm sich im gegenwärtigen Momente nicht sehr klug aus. Es wäre zu wünschen, daß wir ein vernünftigeres publizistisches Organ hätten, als die Glarner-Zeitung, ein Blatt, das, anstatt fortwährend zu schimpfen, zu poltern u. zu hetzen, die eidgenössischen Angelegenheiten | in ihrem wahren Lichte darstellen würde. Ich habe schon oft daran gedacht, eine solche gemäßigt-liberale Zeitung für unsern Kanton, die mehr belehren als agitiren würde, zu begründen; allein es würde die Uebernahme einer Redaktion so manche Unannehmlichkeiten für mich zur Folge haben, so störend in meine Verhältnisse u. Plane eingreifen, daß ich wohl entschuldigt bin, wenn ich es einstweilen unterlasse. – Noch eine Frage, politischen Inhalts, habe ich an Dich zu richten. Der Erzähler, der gegenwärtig auch der Diplomatie angehört, erzählt viel von ernstlichen Bestrebungen einer gewissen Parthei, fremde Intervention herbeizuführen8; was ist wohl nach Deiner Ansicht Wahres daran?

Die hier gesammelten Beiträge für die Befreier Dr. Steiger's werden Herrn Pfr. Kälin9 nächstens übermacht werden. Bereits sind 900 Frkn. gefallen, vielleicht bringen wir es im Laufe der nächsten Woche noch auf 1000 Frkn., – ein Ergebniß, das meine Erwartungen weit übersteigt. Ich muß Dir übrigens gestehen, daß ich, u. die übrigen Mitglieder des Comité's mit mir, mit weit mehr Vorliebe für die unglücklichen Opfer des Freischaarenzuges gesammelt haben, weil hier wirkliche Noth zu lindern war, während es sich dort mehr nur um eine politische Manifestation handelte u. die That der drei Landjäger10, sofern sie ihren Diensteid verletzten, immerhin auch ihre bedenkliche Seite hat.

Letzte Woche habe ich mit meiner Frau11 unsern schon längst beabsichtigten Ausflug nach dem Rigi gemacht. Sie ist mit demselben zufrieden, was die Hauptsache ist, u. wirklich hatten wir Nachmittags, als wir auf den Rigi kamen, zwar keine vollständige, aber wenigstens eine theilweise Aussicht u. auf dem Rückwege war das Wetter ordentlich; die übrigen Tage aber waren abscheulich. Da meine Frau noch nie in Luzern war u. ich mit Prof. Kopp12, den ich aber leider nicht antraf, über Geschichtforscherisches mich zu besprechen wünschte, so wagte ich es jene Stadt des Schreckens zu betreten, wo man mich indessen ganz frei herumspaziren u. die klassisch gewordnen Stellen besichtigen ließ. Ein Ausdruck des Mißtrauens u. der Verstimmung ist aber freilich auf den meisten Gesichtern zu lesen. In Schwyz machte ich durch unsern Freund Kothing13 (der sich über- | morgen mit einer «guten Parthie» verheirathen wird)14 die sehr intressante Bekanntschaft des Hrn. Landammann Nazar Reding15. Nach dem Wenigen, was man seit langem von ihm hört, hatte ich mich auf einen weit geringern Eindruck gefaßt gemacht, als den ich von ihm empfangen habe. In einem mehr juristischen als politischen Gespräche hatte ich Gelegenheit, seinen klaren u. lebhaften Geist, sowie seine gründliche Bildung kennen zu lernen; er vereinigt damit ein sehr wohl gebildetes, ich möchte fast sagen: imponirendes Aeußeres. Ein schmerzliches Gefühl muß es für diesen Mann seyn, so wenig Anerkennung bei seinem Volke zu finden u. nur einen geringen Theil seiner geistigen Kräfte in Anwendung bringen zu können. Er ist einzig Mitglied des Kantonsgerichtes, dessen Präsident der ebenso anmaßende als unwissende Schorno16 ist. – Auf diesem Ausfluge habe ich natürlich, schon wegen der Begleitung meiner Frau, die Archive auf der Seite liegen lassen, indessen hat mir Kothing wenigstens für Schwyz gute Aussichten gemacht.

Da meine praktische Thätigkeit mir nicht nur viele freie Zeit, sondern auch wegen des geringen geistigen Interesse's, das sie in der Regel darbietet, mich meistens unerbaut läßt, so wirst Du es begreifen, daß ich immer mit besondrer Vorliebe meines wissenschaftlichen Planes gedenke. Dieser würde es für mich sehr wünschenswerth machen, der Versammlung der schweizr geschichtforsch. Gesellschaft, welche am 24. Sept. in Zürich stattfinden wird, beizuwohnen, da mir daran gelegen seyn muß, mit Geschichtforschern in verschiednen Theilen der Schweiz Verbindungen anzuknüpfen. Indessen weiß ich wohl, daß in Zürich seine Gesellschaft größtentheils aus Conservativen besteht, bei denen ich vielleicht nicht den besten Klang habe. Da Du nun diese Verhältnisse besser als ich zu überblicken vermagst, so ersuche ich Dich, mir Deine Meinung darüber offen mitzutheilen, ob Du es für räthlich findest, daß ich an der Versammlung erscheine, oder ob Du glaubst, ich könnte dadurch in eine schiefe Stellung gerathen. Durch die Beantwortung dieser Frage wirst Du mich sehr verpflichten.|

Es thut mir sehr leid zu erfahren, daß Deine gute Mutter sich immer so leidend befindet. Der meinigen17 geht es Gottlob! ordentlich. Meine l. Frau u. die Meinigen alle, welche Dich grüßen lassen, verbinden damit ihre herzlichsten Wünsche für die Gesundheit Deiner l. Mutter. Empfehle mich bestens Deinen verehrten Eltern u. Schwester18, u. sey herzlich gegrüßt von

Deinem treuen

J J Blumer-Heer.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Die ordentliche Tagsatzung fand vom 7. Juli bis zum 22. August 1845 in Zürich statt.

3Escher schrieb am 18. August 1845 an Jakob Zellweger zur Situation in Bern: «Besonders beunruhigend scheint es mir, daß von den vielen Parteien, die zur Stunde in Bern bestehen, eigentlich keine ein besonderes Zutrauen verdient. [...] Nun aber die Regierungspartei, wenn man von einer solchen reden kann? Was ist von einer Regierung zu halten, die zuerst des Freischaarenzuges sich mit wohlgefälliger Freude annahm – man darf dieß unter amicos wohl eingestehen –, dann aber, nachdem das Unternehmen mißglückt, Snell, der mit der Regierung Hand in Hand die Agitation beförderte, aus dem Lande jagt? Was ist von einer Regierung zu halten, die dann den von allem Volke gekannten Grund zu dieser Maaßregel vor allem Volke verläugnet? Glauben Sie nicht, daß ich mit der Wirksamkeit Snell's in der neuern Zeit einverstanden bin. Nichts weniger. Ich halte seine Thätigkeit im Gegentheile für eine verderbliche. Aber der Bernerregierung ist es am wenigsten angestanden, in diesem Zeitpuncte einen solchen Schritt gegen Snell zu thun. Und nun alle die Preßprozesse, die die Regierung fast allen im Cantone Bern erscheinenden Blättern anhängte! Endlich gar der Bern'sche Moniteur. Eine Regierung, die aus dem Volke hervorgegangen sein solle & die gestehen muß, es nehme sich kein Blatt im ganzen Cantone ihrer an! Eine democratische, republicanische Verfaßung & ein Redactor eines Blattes, der bezalt wird, um in einem gewissen Sinne dh. im Sinne der Regierung zu schreiben! Diese Mischung von Democratie, Diplomätelei, absolutistischer Polizei, Herrschsucht & hinwieder Schwäche ist mir recht unheimlich! – Und nun haben wir noch die Bewegungspartei. Man weiß gemäß den schon erwähnten Eigenthümlichkeiten der Bernerregierungsglieder nicht, wie viele von diesen selbst der Bewegungspartei angehören. Was aber die einzig bekannten außer der Regierung stehenden Bewegungsmänner anbetrifft, so ist es, obgleich ich wenigstens einen guten Freund unter ihnen zähle, meine vollendete Überzeugung, daß keiner von ihnen im Stande wäre, den Canton Bern zu leiten. Ich bin im fernern überzeugt, daß wenn diese Leute ans Ruder käme[n], niemand als – Wilhelm Snell es führen würde! In dem ganzen Auftreten der Männer der Bewegungspartei & vor allem in den Mitteln, deren sie sich bedienen, scheint mir überdieß viel beunruhigender Leichtsinn zu liegen!» Alfred Escher an Wilhelm Baumgartner, 18. August 1845.

4Quem deus perdere vult, dementat (lat.): Wen Gott verderben will, den verwirrt er.

5 Ulrich Ochsenbein (1811–1890), Grossrat (BE) und Advokat.

6Gemeint sind Caspar Jenny (1812–1860), Ratsherr, Mitglied der Standeskommission (GL) und Gemeindepräsident von Ennenda, und Johann Jakob Jenny (1812–1890), Mitglied der Standeskommission und Landrat (GL), Arzt in Ennenda.

7In der Frage der Amnestierung der eidgenössischen Offiziere, die am Freischarenzug teilgenommen hatten, entschied der dreifache Landrat am 3. Juli 1845, der Glarner Tagsatzungsgesandtschaft keine Instruktion zu erteilen: «Die Kommission schlug vor, es haben sich die Gesandten für einstweilen ohne Instruktion zu erklären, Civ-Ger.-Präsid. Blumer wollte indeß jetzt schon zur Streichung dieser Offiziere aus dem eidsg. Etat stimmen, Rathshr. C. Jenni und Dr. Jenni beantragten dagegen auf den Fall einläßlicher Behandlung Amnestie auch für diese wenigen Theilnehmer. Der Antrag der Standeskommission wurde angenommen.» Glarner-Zeitung, 5. Juli 1845.

8Vermutlich spielt Blumer auf folgenden Artikel an: «[...] wir ersuchen Jedermann, sich die Interventionsgelüstelei, die inländische, und unter Umständen auch die ausländische, nicht zu verhehlen oder wohl gar als nicht vorhanden zu denken. Eine politische Partei, die keinen andern Zweck als den der Herrschaft, keine andere politische Moral als die des Durstes nach Macht und Herrschaft hat, findet sich zu solcher Gelüstelei mit Allgewalt hingezogen [...].» Der Erzähler, 19. August 1845.

9 Robert Kälin (1808–1866), radikal-liberaler katholischer Pfarrer in Zürich, Verwalter der für die Opfer des Freischarenzuges gesammelten Gelder.

10Gemeint sind die Befreier Steigers: Melchior Kaufmann, Ludwig Hofmann und Joseph Birrer. Vgl. Alfred Escher an Jakob Zellweger, 29. Juni 1845, Fussnote 1.

11 Susanna Blumer-Heer (1820–1902), Tochter der Dorothea Heer-Schindler und des Cosmus Heer, Cousine Johann Jakob Blumers und ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.

12 Joseph Eutych Kopp (1793–1866), Professor für alte Sprachen am Lyzeum Luzern und Regierungsrat (LU).

13 Martin Kothing (1815–1875), Anwalt und Privatlehrer der Söhne von Nazar von Reding.

14 Kothing heiratete am 24. August 1845 Magdalena Kothing-Märchy (1824–1853), Tochter von Magdalena Märchy-Fuchs und Clemens Märchy. Vgl. Feldmann, Kothing, S. 25.

15 Nazar von Reding (1806–1865), Kantonsrichter (SZ).

16 Karl von Schorno (1813–1874), Kantonsgerichtspräsident (SZ).

17 Anna Katharina Blumer-Heer (1791–1873), Tochter der Susanna Heer-Zwicky und des Ratsherrn Joachim Heer-Zwicky.

18 Clementine Stockar-Escher (1816–1886), Tochter von Lydia Escher-Zollikofer und Heinrich Escher; ab 1837 Ehefrau von Kaspar Stockar.