Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Karl Felix Walder

AES B0391 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#524*

Karl Felix Walder an Alfred Escher, Hottingen, Samstag, 2. August 1845

Schlagwörter: Berufsleben, Finanzielle Unterstützungen, Freischaren

Briefe

Hottingen d. 2. Aug. 45.

Mein lieber Escher!

Durch Hrn Daverio's Mittheilung habe ich nun erfahren, daß heute od: am Montag eine Zusammenkunft des Ausschusses od: eben derjenigen, die sich näher um den Republicaner bekümmern, statt finden werde, am Sonntage über 8 Tage dann die Versammlung der Actioneers. Ich zweifle zwar nicht daran, daß Du davon auch benachrichtigt worden seiest od: benachrichtigt werdest; dessenungeachtet glaubte ich Dich darauf aufmerksam machen zu müssen. Du könntest mein Benehmen für unnütze Ängstlichkeit ansehen; es ist aber gewiß nicht dieß. Daß ich immerhin, sowol für den Republ. als auch privatim arbeiten kann, weiß ich wohl; und Du kannst versichert| sein, daß ich gerade für den Republ. mit aller Freude arbeite. Du kannst und darfst aber auch wissen, daß sowol mein Vater als ich ohne alles Vermögen sind; wiewol sich nun mein Vater, bei dem ich seit ich wieder hier bin, gewissermaßen zu Gast bin, immer sehr ehrenhaft gerade in dieser Beziehung mir gegenüber benommen hat; so muß es mir auf dem Alter doch begreiflicherweise drückend sein, immer noch ohne selbstständige Existenz dazustehn, und dieß um so mehr, da gerade mein Vater von jeher gegen eine solche Anstellung eine gewisse Abneigung zeigte; wenn sie einmal sicher ist, so wird sich diese Abneigung schon geben. Zudem bin ich, da während meiner Abwesenheit mein Zimmer an den Hausherrn zurückgegeben worden, nicht einmal ordentl. zum Arbeiten eingerichtet, und kann natürlich auch kein ordentl. eigenes Zimmer beziehen, bevor ich sicher weiß, ob ich da bleibe od: nicht. Endlich hat mir Hr. Daverio gesagt, er wäre auch seinetwegen froh, wenn die Sache bald in| Ordnung käme, da ja auch erst, wenn er des Republicaners entledigt sei, sein Verhältniß zur N.Z.Z. beginnen könnze. All dieß, könntest Du sagen, zeige sehr gut, daß ich gerne eine Anstellung hätte, gerne geborgen wäre, aber nicht, daß es mir auch um die Sache zu thun sei. Ich will darüber keine Worte verlieren, ich hoffe, es sei in Deinen Augen nicht nöthig. Daß ich in den Augen meiner Bekannten und überhaupt des Publicums, wiewol ich mich um Urtheile sonst nicht sonderlich viel scheere, nicht gern als ein pomadiger Faullenzer, od: ein untaugliches Subject gelte, das wirst Du wiederum wohl begreifen; es werden es zwar Viele auch nicht gern sehen; aber lieber gehaßt od: wo möglich gefürchtet sein, als von oben herunter angesehen zu werden. Wenn Nichts Anderes wäre, so dürfte Dir mein «glühender, leidenschaftlicher» Haß, der mir oft vorgeworfen wird, besonders gegen unsere Liberal-Conservativen, der aber bald in kalte Verachtung erstarrt ist, die beste Garantie gegen Schlaffheit und Mangel an Energie sein. Du siehst, ich habe offen zu Dir geredet, und Dir Vieles gesagt, das man eigentlich, um politisch zu sein, Niemandem, mit dem man gewissermaßen in Unterhandlung steht, sagen sollte, aber ich betrachte| Dich nun eben nicht so, sondern baue unbedingt auf Deine Freundschaft.

Sei gegrüßt

von Deinem

Walder.

Kontexte