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Korrespondenz: Alfred Escher – Jakob Zellweger
  • 1820
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  • 1840
    1. an Jakob Zellweger, 29. Juni 1845 Schlagwörter: Freischaren, Finanzielle Unterstützungen, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Zürichputsch (1839), Jesuiten, Volksversammlung Unterstrass (1845), Tagsatzung AES B4635+
    2. von Jakob Zellweger, 10. Juli 1845 Schlagwörter: Freischaren, Finanzielle Unterstützungen, Tagsatzung, Jesuiten AES B0384+
    3. an Jakob Zellweger, 18. August 1845 Schlagwörter: Grosser Rat VD, Verfassung VD, Regierungsrat BE, Tagsatzung, Freischaren, Finanzielle Unterstützungen AES B4636
    1. an Jakob Zellweger, 15. Januar 1846 Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Jesuiten, Klöster (Aufhebungen), Erziehungsrat ZH, Bildungswesen AES B4637
    2. an Jakob Zellweger, 16. November 1846 Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Erziehungsrat ZH, Kommissionen (kantonale), Berufsleben, Bildungswesen, Schweizerische Bundesverfassung, Privatdozenturen AES B4638+
  • 1850
  • 1860
  • 1870
  • 1880
  • o. J.

AES B0384 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#564*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 30

Jakob Zellweger an Alfred Escher, Trogen, Donnerstag, 10. Juli 1845

Schlagwörter: Finanzielle Unterstützungen, Freischaren, Jesuiten, Tagsatzung

Briefe

Hochzuverehrender Herr!

Beurtheilen Sie mich nicht nach dem Scheine, sonst erhalte ich von Ihnen das Prädikat «nachläßig» über mein langes Stillschweigen auf Ihre verehrl. Mittheilung vom 29ten v. M. welche ich Ihnen hiemit bestens verdanke. Mein erstes Geschäft war mit meinen Freunden zu Rathe zu gehen, ob und was für Steiger und seine Befreier zu thun sei, da wir uns gegenwärtig in Verhältnissen befinden, die Ueberlegung erforderen. Schon die erste Sammlung für die Verunglückten am Freischaarenzuge, für die Flüchtlinge etc, welche von unserer Obrigkeit angeordnet worden war und von Hause zu Hause in den einen Gemeinden, unter den Kirchthüren in den anderen Gemeinden statt hatte, fiel so reichlich aus, wie wir sie kaum erwarteten, indem dieselbe in unserem kleinen Kantone über Fr. 6000 abwarf, obschon gerade die Reichsten gar nichts gaben und sich mit dieser Lieblosigkeit nicht begnügten, sondern noch über die Obrigkeit schimpften, daß sie sich einer so illegalen Horde annehme. – Bald darauf ereignete sich| in den Gemeinden Wolfhalden, Walzenhausen & Lutzenberg durch einen Wolkenbruch & daher entstandene zum Theil irreparable Erdschlipfe1 ein Unglück, das amtlich über f 100,000 geschätzt ist und eine sofortige Sammlung einer Liebessteuer von Haus zu Haus zur Folge hatte, welche c. f 15,000 abzuwerfen in Aussicht stellt. Während die Sammler bei mir im Hause waren, kam Ihr Brief und darum die Bedenken, ob im gegenwärtigen Momente etwas und was zu thun sei, denn es gab der bösen Mäuler genug, die da fragten: Ach wie Schade um das Geld, das man nach Luzern steuert, während so viele unserer Angehörigen jetzt so sehr im Elende sind. Mein Antrag aber wurde von unserem regierungsräthl. Comite über Verwendung der Luzerner Liebesgaben freundlich aufgenommen und so hoffe ich dem H. Pf. Kælin2 c. fr. 1000 in kurzer Zeit von den schon eingegangnen Liebesgaben zusenden zu können und darüber in aller Stille eine Privat-Sammlung dennoch anzuordnen, die gewiß auch noch etwas abwerfen wird. Ich bin nemlich der Ansicht, daß Steiger und die Landjäger zu den Flüchtlingen| gehören, welche am meisten Verdienste sich erworben haben und mehr Gefahr ausgestanden haben, als die Muthigsten der Freischaaren. Ihre mir sehr schätzbaren Bemerkungen über die Politik der gegenwärtigen Regierung in Zürich und die Gestaltung der Dinge in neuester Zeit interessirten mich sehr. Ich schrieb gestern Abend bei Durchlesung Furrers Rede bei der Eröffnung der Tagsatzung3 in mein Tagebuch: «Was mir Dr. Escher unterm 29 Juni schriftlich mittheilte4, lese ich nun gedruckt in der N. Z. Zeitung, welche Furres Eröffnungsrede mittheilt.» Diesen Eindruck machte dieselbe auf mich; es liegt das unumwundene Zeugniß, es liegt ein bestimmter fester Wille in Ihren Ansichten, wie in Furrers Rede, das liberale Prinzip aufrecht zu erhalten, das Licht nicht auslöschen zu lassen, die schwarze Nacht mit ihren ultramontanen Schatten ferne zu halten, aber auch jenen Scheinpatriotismus, der nur gut ist um im Trüben zu fischen, nicht mehr als Mittel zum Zwecke zu benutzen, um auch in dieser Beziehung nicht nur nichts Aehnliches mit den Grundsätzen der Jesuiten zu haben, sondern sich gerade durch entgegengesetztes Manövrieren sich vor diesen und ihren Anhängern auszuzeichnen. – Daß der Liberalismus od. sein Auswuchs der Radikalismus (im Aargau namentlich) zerstörende statt schaffende, unlautere statt offene, gerade Elemente in sich| und an sich getragen hat, welche dem wahren liberalen Prinzipe unendlich schadeten und manch biederes Schweizerherz entfremdeten, ist leider eine nur zu gewisse Thatsache. – In solchen Grundsätzen aber liegt auch die Gewähr für den Bestand des Liberalismus in der Schweiz, sie benehmen der Reaktion ihren schärfsten Stachel indem nach denselben allen liberalen Handlungen mehr Ueberlegung vorausgehen wird, als es in letzter Zeit oftmals der Fall war. – Mit dem größten Interesse verfolgen wir die neuen Zürcherischen Zustände und nirgends werden Sie dankbarere Herzen für diese Ihre Handlungsweise und treuere Anhänger und Verbündete finden, als im Osten der Schweiz und namentlich in unserem kleinen Ländchen, das, wie die Geschichte es weiset, mit Zürich stetsfort so eng verbunden war.

Wenn ich auch während dieser Tagsatzung das Vergnügen Ihres persönlichen Umganges meiden muß, so lebe ich doch der Hoffnung, daß die angeknüpfte Bekanntschaft nicht so leicht wieder aufgelöset werde und behalte mir daher vor dieselbe zu erneuern so bald und so oft sich mir eine Gelegenheit dazu darbietet.| Leben Sie nun recht wohl und vergnügt, ärgeren Sie sich nicht allzusehr über Ihren Nachbar zur Linken5 in der Tagsatzung, gönnen Sie ihm von Zeit zu Zeit einen Blick der Verachtung, empfehlen Sie mich dagegen sehr angelegentlich Ihren Herren Kollegen Furrer und Rütimann und erfreuen Sie mich so oft Sie eine Gelegenheit finden mit einigen Worten von Ihrer Hand, die mir stets schätzbar sein werden.

Mit wahrer Hochachtung Ihr Ihnen freundschaftlichst
ergebene

Dr Zellweger
Landamm

Trogen den 10 Juli 1845.

Kommentareinträge

1Erdschlipfe: Erdrutsche.

2 Robert Kälin (1808–1866), radikal-liberaler katholischer Pfarrer in Zürich, Verwalter der für die Opfer des Freischarenzuges gesammelten Gelder.

3Die ordentliche Tagsatzung fand vom 7. Juli bis zum 22. August 1845 in Zürich statt. Zur Eröffnungsrede Furrers vgl. NZZ, 8. Juli 1845.

4Der Brief Eschers stammt vom 29. Juni 1845, nicht vom 29. Mai. Alfred Escher an Heinrich Schweizer, 16. / 17. Oktober 1838.

5Zur Linken der Zürcher Gesandtschaft sassen die zwei Tagsatzungsgesandten Luzerns, Konstantin Siegwart-Müller (1801–1869) und Bernhard Meyer (1810–1874). Vgl. Zehnder, Vierziger Jahre, S. 101; Fetscherin, Repertorium II, S. 1038.