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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0377 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Donnerstag, 1. Mai 1845

Schlagwörter: Freischaren, Landsgemeinde GL, Parteienstreitigkeiten, Tagsatzung

Briefe

Glarus den 1. Mai 1845.

Mein theurer Freund!

Das erste Lebenszeichen von mir nach den so angenehmen Tagen, welche ich kürzlich bei dir verlebte, erhältst du in der beiliegenden öffentlichen Erklärung. Ich schicke sie dir nicht weil ich glaube, daß dich die ganze Sache besonders freuen werde, sondern weil ich befürchte, daß sich die Eidg. Zeitung in den Streit mischen könnte, u. für diesen Fall wünsche, daß du von der Sache zum voraus unterrichtet seyest. Du wirst dich erinnern, daß ich, mit dem am ( 1. April) 31. März gegen unsre Regierung angewandten Terrorismus unzufrieden, in sehr milden Ausdrücken denselben in der N.Z.Z. rügte; ich hätte es nicht gethan, wenn ich nicht vorher schon, wahrscheinlich in Folge meiner gemäßigten Ansichten, von unsrer radikalen Fraktion mit verletzendem Mißtrauen behandelt u. zurückgesetzt worden wäre, weßshalb die Rücksichten politischer Freundschaft für mich wegfielen. Dr. Jenni antwortete auf jenen leisen Tadel, wie du weißst, mit einem sehr starken, beleidigenden Ausdrucke, den ich um so weniger in die Tasche stecken konnte, als auch die Glarner-Zeitung sich ähnliche Ausfälle erlaubt hatte; ich replizirte daher in der N.Z.Z. auf eine Weise, die du gewiß nicht provozirend gefunden haben wirst. Hierauf erfolgten in der Gl. Ztg. ganz gemeine Angriffe gegen meine Person, über welche dir meine Erwiederung nähere Auskunft giebt. Ich hätte vielleicht klüger gethan, wenn ich darüber geschwiegen hätte; allein ich konnte den Gegnern den Triumph nicht gönnen, mir «heimgezündet» zu haben, u. dann sah ich mich auch genöthigt, mich über meinen politischen Stand| punkt etwas näher zu erklären. Mit meinen Ansichten über Volksversammlungen in unserm Kanton wirst du wohl ziemlich einverstanden seyn. Alles persönlich Verletzende habe ich, um nicht auf's neue zu reizen, - oft mit großer Selbstüberwindung – unterdrückt; denn so sehr mich Jenni bereits als einen Abgefallnen betrachten mag, so werde ich doch jederzeit gerne wieder in den liberalen Reihen kämpfen, soferne nur nicht gefordert wird, daß sich die ganze ehrenwerthe Parthei einer Cotterie unterordne, welche nicht immer die lautersten Tendenzen verfolgt. Im gegenwärtigen Augenblicke besonders ist es nicht zu wünschen, daß unter den Liberalen ein Streit fortgesetzt werde, über den sich nur die Gegner freuen könnten. Was den ersten Satz meiner «Erklärung» betrifft, der dir vielleicht auffallen könnte, so ist derselbe so zu verstehen: schon im letzten Herbst, als ich mit Staub noch etwas besser stand, nannte ich mich ihm als den ♂ Korresp. der N.Z.Z.; nun ist aber Staub Jenni's ergebenster Diener u. verkehrt tüchtig mit ihm; ergo -. Meine «Erklärung» ist nun allerdings als Beilage zu einem sehr obskuren Blatte erschienen, allein die Gl. Ztg. hätte sie entweder nicht aufgenommen oder mit gehässigen Glossen versehen, u. in außerkantonalen Blättern mochte ich mich nicht länger herumschlagen, weil für diese die Sache nicht hinlängliches Intresse hat. Der N.Z.Z. namentlich werde ich nicht so bald wieder etwas einsenden, da ich mich nicht gerne schulmeisterlich behandeln u. meine Worte verwässern lasse.

Ich beneide dich um deine politische Stellung, wenn ich sie mit der meinigen vergleiche. Bei Euch wird die ganze liberale Parthei von gemäßtigten, verständigen, einsichtsvollen Männern beherrscht, unter denen du bereits eine vorzügliche Stelle einnimmst. Bei uns drängt sich eine extreme Fraktion immer voran, will sich zum Organ des, allerdings in seiner überwiegenden Mehrheit freisinnigen Volkes aufwerfen u. verdammt Jeden, der nicht unbedingt zu ihrer Fahne schwört. Ich erken| ne es als meine Aufgabe, am liberalen Standpunkte zwar entschieden festzuhalten u. denselben, wo es nöthig ist, zu verfechten, zugleich aber auch allen Uebertreibungen, namentlich solchen, die zur Anarchie führen oder wenigstens das schon in so reichlichem Maße vorhandene demokratische Element noch weiter ausdehnen könnten, entgegenzutreten. Dabei gerathe ich freilich in die schwierige Stellung, nach zwei Seiten hin zugleich kämpfen zu müssen. – Auf die Landsgemeinde, welche unerwarteter Weise schon auf den 18. d. M. angesetzt ist, bin ich nun natürlich in allgemeiner wie in persönlicher Beziehung sehr gespannt. Ob der gegenwärtige Streit vortheilhaft oder nachtheilig für mich einwirken werd weiß ich nicht; mannigfach verkannt u. angefeindet, erwarte ich im Ganzen kaum eine sehr günstige Stimmung für mich. Es wäre mir auch, da ich hinsichtlich der Annehmlichkeiten des glarnerischen Staatslebens bereits sehr abgekühlt bin, sehr gleichgültig, was die Herren Landleute aus mir machen werden, wenn ich nicht einerseits die Nothwendigkeit für mich einsähe, wieder einen praktischen Beruf zu haben, anderseits aber der Advokatenstand mich wenig anzöge u. einer Ortsveränderung große Schwierigkeiten im Wege stünden.

Ich habe deinen letzten Aufsatz in der N.Z.Z. gelesen. Er war sehr zeitgemäß u. gut geschrieben, u. das Meiste, was er enthielt, ganz wahr; nur einzelne Stellen kamen mir etwas zu scharf vor. Ohne Zweifel wird es an heftigen Entgegnungen nicht fehlen. – Es freute mich sehr heute in der Zeitung zu lesen, daß die Aargauer Gefangnen nun freigelassen sind. Schneebeli hat wohl noch nie mit froherm Muthe sein Baden wieder begrüßt, u. die Seinigen werden ihn auch ohne Linge gerne empfangen. Auch der Aargauische Amnestiebeschluß freut mich, wenn ich es auch nicht sehr ehrenvoll finde, daß er gerade in diesem Momente, erst jetzt erlassen wird. jedenfalls wird er zur Beruhigung des Freiamts wesentlich beitragen u. der Tagsatzung Anlaß geben, Luzern gegenüber etwas kräftiger aufzutreten. | In Bern ist wohl für die Regierung nichts mehr zu befürchten. Man muß dieses sehr wünschen, obschon ihr erster Beschluss die Freischärler betreffend, unklug u., wie ich finde, in keiner Hinsicht zu rechtfertigen war.

Dir u. deinen verehrten Eltern danke ich bestens für die gastfreundliche, herzliche u. zuvorkommende Aufnahme, welche ich auch diesmal wieder, wie schon so oft, obgleich unangemeldet, in Euerm Hause gefunden habe. Empfehle mich bestens deinen Eltern u. deiner Frau Schwester u.

sey herzlich gegrüßt von deinem

J J Blumer-Heer.

Versäume nicht, mich von dem Befinden deiner l. Mutter fortwährend in Kenntniß zu setzen. – Meine l. Frau u. die Meinigen alle lassen dich bestens grüßen.