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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0366 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Mittwoch, 2. April 1845

Schlagwörter: Freischaren, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Jesuiten, Landrat GL, Tagsatzung

Briefe

Glarus den 2. April 1845.

Mein theurer Freund!

Für deinen l. Brief, auf den ich mich lange gesehnt hatte, u. die darin enthaltnen Mittheilungen danke ich dir herzlich. Die Nachrichten von hier, welche du zu erhalten wünschtest, habe ich gestern an die N.Z.Z. adreßirt, zugleich aber unsern Freund Meyer ersucht sie dir sofort mitzutheilen. Ich will denselben einiges, mich persönlich Betreffende beifügen. Es thut mir leid dir berichten zu müßen, daß ich in diesem Augenblicke mit unsrer radikalen Fraktion auf etwas gespanntem Fuße stehe. Schon letzte Woche, als die ersten Berichte von einem bevorstehenden Freischaarenzuge hier eintrafen, versammelte sich unser Comité. Ich sprach mich, wie früher immer, entschieden gegen die Freischaaren aus, war jedoch einverstanden, daß die Sache, welche sie verfechten, diejenige der ganzen liberalen Schweiz sey u. daß daher Glarus dieselbe zu begünstigen habe, so weit dieses geschehen könne, ohne sich für das Freischaarenthum als solches zu erklären. Einstimmig wurde daher beschloßen, der Standeskommißion die uns zugekommne Nachricht von einem Aufgebote in der March mitzutheilen u. gegen sie den Wunsch auszudrücken, daß auch bei uns eine Truppenabtheilung zusammengezogen werden möchte, um dadurch den Kanton Schwyz einigermaßen im Schach zu halten. Dagegen widersetzten sich AppR. Trümpi u. ich allerdings auf's bestimmteste der Absicht, eine Volks- oder Schützenversammlung einzuberufen, um der Regierung zu imponiren u. sie zu zwingen unserm Begehren zu entsprechen, indem wir von der Ansicht ausgingen, daß das Ansehen der Behörden bei uns nicht ohne Noth noch mehr geschwächt werden sollte. Damals | unterblieben nun zwar alle weitern Maßregeln, weil sich die Gerüchte nicht bestätigten; indeßen scheinen meine Aeußerungen bei jenem Anlaße höchlich mißfallen zu haben, da ich letzten Sonntag, als unmittelbar vom Comité der Luzernerflüchtlinge aus die Nachricht, daß es losgehen werde, hier eingegangen war, zu einer engern Versammlung Freisinniger, die man deßhalb veranstaltete, nicht eingeladen wurde. Es scheint überhaupt, daß man das bestehende Comité, als zu wenig übereinstimmend, beseitigen wollte; denn als Montag Vormittags die Standeskommißion dem Begehren jener Versammlung, welches ganz unserm früher beschloßnen gleichkam, nicht auf der Stelle entsprach, erschien sogleich ein Aufruf zu einer Volksversammlung, unterzeichnet von einem neuen Comité, bestehend aus 3 Mitgliedern des alten u. 2 «Entschiednern», gleichwie der «ergänzte» provisorische Staatsrath vom 6. September. Ich fühlte mich dadurch natürlich einigermaßen beleidigt u. wohnte daher auch der Volksversammlung nicht bei. Abgesehen von der terroristischen Tendenz, die schon in der Versammlung selbst lag, waren die Beschlüße derselben im Ganzen [verstän?]dig; nur hätte freilich das Freikorps bloß dann einen vernünftigen Zweck, wenn die Schweiz von außen angegriffen wäre, da wir sonst keinen Angriff zu befürchten haben u. nur in eidgenößischem Dienste ausrücken werden. Einzelne, wie Dr. Jenni, mochten wohl auch Gelüste zu einem förmlichen Freischaarenzuge nach der March haben; allein dazu ist unser Glarnervolk zu gesetzlich gestimmt u. man darf wohl sagen – zu praktisch. Gestern waren die Liberalen im Landrathe einig, da Dr. Jenni seinen Antrag auf sofortige Bewaffnung des Freikorps zurückzog; ein Sieg der gesammten Parthei, unter Anführung Rathsherr C. Jenni's, ist unsre Antwort auf das vorörtliche Schreiben, welches wirklich noch bedeutend nach Conservatismus riecht. Es steht indeßen zu erwarten, daß die Verhältniße den Vorort zu einer unpartheiischen Stellung nöthigen werden.

Mit dem Programme Eurer liberalen Parthei, wie du mir es mitgetheilt hast, bin ich vollkommen einverstanden; ich finde immer, daß Ihr eine sehr ehrenwerthe Stellung einnehmt. | Ich begreife aber auch, daß Ihr im Großen Rathe einen etwas schwierigen Standpunkt gehabt haben werdet, u. bin daher sehr begierig auf die Verhandlungen. – Was die Lage der Angelegenheiten im Allgemeinen betrifft, so finde ich mit dir, daß nach dem trostlosen Resultate der Tagsatzung nichts anders zu erwarten war, als eben die nun eingetretnen Ereigniße, u. daß daher der Genfer Gesandte eine ungeheure Verantwortung auf sich geladen hat. Ich glaube indeßen nach allem, was ich vernommen, daß nicht sowohl die Jesuitenfrage einen so schleunigen Ausbruch veranlaßt habe, als vielmehr die Nichtertheilung der Amnestie u. überhaupt das Schreckensregiment in Luzern. Die erstere wird durch den gegenwärtigen Kantonalputsch – denn wenn es gut geht, wird es doch nur auf einen solchen hinauslaufen – nicht vollständig gelöst werden, denn in Freiburg, Schwyz u. Wallis bleiben die Jesuiten doch, u. was Luzern betrifft, so hätte vor ihrem Einzuge sich wohl noch Manches dort auf friedlichem Wege ändern können. Dagegen ist es sehr begreiflich, daß die immer mehr wachsende Zahl der Flüchtlinge, ihre eigne Kraft fühlend u. auf die Sympathien der Nachbarkantone gestützt, nicht länger anstehen wollte u. beinahe nicht länger anstehen konnte, den Knoten mit dem Schwerte zu zerhauen. So sehr ich gewünscht hätte, der Kampf wäre unterblieben, so muß ich nun doch, da er einmal begonnen ist, von Herzen der liberalen Parthei den Sieg wünschen. Zugleich verhehle ich mir aber auch nicht, daß dieser Sieg nur dann ein ehrenvoller u. dauernder seyn kann, wenn – wie ich hoffe – die freie Stimme des Luzernervolkes in seiner Mehrheit sich auf verfaßungsmäßigem Wege sich für das fresinnige Prinzip u. seine Verfechter aussprechen wird. Unser Volk ist auf den Ausgang des Kampfes ungemein gespannt; u. auch ich bin es so sehr, daß ich in diesen Tagen nichts anders thun kann. Ueber meine wißenschaftlichen Arbeiten, zu denen ich sonst immer wie zu einem geliebten Asyl zurückkehre, will ich dir in einem nächsten Briefe einläßlich schreiben, u. hoffe von dir ein Gleiches. – Empfehle mich deinen Eltern u. deiner Schwester, grüße mir meine Freunde u. sey – in der Erwartung, recht bald wieder Berichte von dir zu erhalten – auf's herzlichste gegrüßt von


Deinem

J J Blumer-Heer.|

P. S. Noch habe ich dir die traurige Nachricht mitzutheilen, daß Dr. Emil Trümpi nach längerer Krankheit gestern Abends verstorben ist. Sein Tod betrübt mich sehr; denn er war ein durchaus wackerer u. talentvoller Bursche. Für seine Eltern ist das Ereigniß schrecklich; denn er war ihr einziger Sohn.