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Korrespondenz: Alfred Escher – Johannes Honegger

AES B0364 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#274*

In: Strobel, Jesuiten, S. 825–826 (auszugsweise)

Johannes Honegger an Alfred Escher, Chur, Montag, 24. März 1845

Schlagwörter: Aufstände und Umsturzversuche VD, Aufstände und Umsturzversuche VS, Finanzielle Unterstützungen, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Jesuiten, Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Tagsatzung, Universitäre Studien, Zürichputsch (1839)

Briefe

Chur am Ostermontag 1845.

Mein Lieber!

Ich habe leider den Plan meiner Osterreise nach Zürich aufgeben müssen. Ich bin vor etwa vierzehn Tagen von einem rheumatischen Ohrenübel heimgesucht worden. Obgleich es keine Sache von Belang ist u. ich jetzt beinahe wieder ganz hergestellt bin, so habe ich es doch bei dem andauernden Winterwetter nicht wagen dürfen, die Reise zu unternehmen, um mich gegen allfällige übeln Folgen zu sichern. Es hat mir etwas wehe gethan, auf das Vergnügen, manchem theuren Haupte wieder einmal recht tief in die Augen zu blicken, verzichten zu müssen.

In Punkto der Politik stehen wir wiederum am Berge. Der Fall, den ich befürchtete, ist eingetreten. Wohlmeinende Führer haben das Volk aufgeregt u. die Behörden zu Beschlüssen u. Anträgen hinaufgeschraubt, deren Erfolg, mindestens gesagt, höchst problematisch war. Was wollt Ihr in der Jesuitensache jetzt thun? Sie an den Nagel hängen, weil die Tagsatzung zu keinem Beschlusse gekommen? Wenn das Uebel wirklich so groß ist, wenn es die ganze Eidgenossenschaft in ihrem innersten Marke verletzt, so dürft Ihr es nicht, ohne Euch dem Vorwurfe auszusetzen, daß es Euch mit der greulichen Schilderung der Gefahr nicht recht Ernst gewesen sei, daß Ihr dabei ganz andre Zwecke verfolgtet. Oder wollt Ihr der Tagsatzung zum Trotze cantonaliter einschreiten? Wie steht es dann mit der gepriesenen Legalität? Der Landbote läßt schlimme Gelüste durchblicken. Wenn die Zürcher Liberalen die noble Bahn der Legalität, die sie vor aller Welt feierlichst als geheiligtes Panner aufgesteckt haben, wieder verlassen, so haben sie keine Zukunft oder vielmehr, um mich deutlicher auszudrücken, so verdienen sie keine, so wünsche ich ihnen keine.|

Die Art u. Weise, wie die N.Z.Z. die Schilderhebung in Waadt auffaßt, verletzt mein patriotisches Rechtsgefühl. Haben wir im Jahre 1839 Recht gehabt, so hat Bürger Druey jetzt Unrecht. Und Unrecht bleibt Unrecht trotz der glänzendsten Sophistik. Das ist keine Consequenz, kein festes Fundament, auf das sich ein vernunftgmäßes Staatsgebäude aufrichten läßt. Wären die Ansichten der N.Z.Z. in diesem Punkte die der liberalen Zürcher, so wäre die feierlich proklamirte Legalität eine gleißnerische Lüge. Ich bin um so ängstlicher bei jeder Abirrung eines Theiles unsrer Liberalen, weil ich die bestimmte Zuversicht habe, daß sie, bei kluger u. umsichtiger Benutzung der Verhältnisse, in Kurzem glänzende Siege davontragen werden, daß es in ihrer Hand steht, unserm Cantone eine gesunde u. seegensreiche Zukunft zu schaffen. Mein Herz zittert vor Freude bei dieser erhebenden Aussicht, u. ich möchte so gerne jede Makel entfernen helfen, um den Tag der Auferstehung eines wahrhaft besonnenen u. schöpferischen Liberalismus mit ungetrübter Freude begrüßen zu können. Haltet Euch wacker in der bevorstehenden Aprilsitzung!

Von dem politischen Himmel steige ich wieder hinunter auf die prosaische Erde. Ich trete hiemit in einer ganz besondern Angelegenheit vor dich, die, ich verhehle mir es nicht, allerdings etwas heikler Natur ist. In eigner Sache hätte ich vielleicht nicht den Muth es zu thun, in fremder bin ich kecker.

Mit dieser Ostern verläßt unser bester Schüler, Gottlieb Sutter, unser Gymnasium, um auf der Universität Tübingen Theologie zu studiren. Sein Vater war Pfarrer im Toggenburg, ist aber seit längerer Zeit gestorben. In den Händen des Waisenamtes liegt ein Vermögen von f 5000 für die drei Brüder . Ein beinahe achzigjähriger Großvater, den sie beerben werden, der aber nichts für seine Enkel thun will, besitzt ein Vermögen von mindestens f 20000. Diese Angaben sind zu| verläßig: sie gründen sich auf genaue Erkundigungen, die wir bei einem ToggenburgischenBezirksammann eingezogen haben. Taufpathin unsers Schützlings ist Frau Oberst Meyer in Lichtensteig, eine überaus reiche, aber gar hartherzige Frau. Sie hat beim Ableben des Vaters ihre Hülfe u. Unterstützung für die Erziehung der Waisen zugesagt u. seitdem etwa f 600 à 5% auf solidarische Haft des Waisenamtes herausgegeben. Auch dieses will sie nun nicht mehr thun oder höchstens noch auf ein Jahr, unter den gleichen harten Bedingungen.

Sutter ist ein gar lieber Bursche, talentvoll u. von tüchtigem Eifer beseelt, ein Bursche, auf den wir viele u. große Hoffnungen setzen. Aus wahrer Liebe zu ihm haben wir, Schällibaum u. ich, uns entschlossen, unsern Einfluß zu verwenden, um ihm das Geld für sein akademisches Triennium aufzutreiben. Oberst Planta-Reichenau u. zwei unsrer Collegen haben bereits ihre Mithülfe zugesagt. Wir werden noch Dr. Andr. Planta u. Statthalter Ryffel, dessen Frau eine Stieftochter der Frau Oberst Meyer ist, darum angehen. An dich gelange ich mit dem nämlichen Gesuche. Nach menschlicher Voraussicht ist Nichts zu verlieren, wohl aber eine schöne Gelegenheit, einem hoffnungsvollen Jünglinge die Zukunft zu sichern. Kannst u. willst du unserm Schützlinge mit einigen hundert Gulden unter die Arme greifen, so schreibe mir beförderlich das wie viel? wann? u. zu welchen Bedingungen? Ich lege eine Sache, die mir sehr am Herzen liegt, vertrauensvoll an das deine, u. getröste mich zum Voraus mit der beruhigenden Hoffnung, daß du mir meine zudringliche Anfrage nicht übel deuten wirst.

Gehab dich indessen wohl u. bleibe gut

Deinem

J Honegger.

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