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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0359 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 25

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 23. Februar 1845

Schlagwörter: Aufstände und Umsturzversuche VD, Eidgenössischer Bundesvertrag (1815), Freischaren, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Grosser Rat GR, Jesuiten, Tagsatzung

Briefe

Glarus den 23. Februar 1845.

Mein theurer Freund!

Ich habe mit der Beantwortung Deines letzten Briefes1 absichtlich etwas gezögert, um desto eher befähigt zu seyn, auf die Lage unsrer vaterländischen Angelegenheiten einen Blick zu werfen, da sich in den letzten Tagen noch Manches entscheiden mußte. Das erfreulichste Ereigniß für unsern Standpunkt scheint mir nun die Instruktion Graubünden's2 zu seyn, auf die du mit Recht großen Werth setztest. Deinem Wunsche gemäß schrieb ich vor der Großrathssitzung noch an Wassali, den einzigen meiner dortigen Bekannten, mit dem ich noch in einiger Verbindung geblieben bin u. den ich zugleich als entschieden liberal kannte. Ich glaube zwar kaum, daß dieser Schritt von Einfluß auf das Ergebniß gewesen sey; es war mir aber angenehm durch seine Antwort etwas genauere Aufschlüsse über die Stimmung des graubündnerischen Volkes u. seiner Führer zu erhalten, welche zwar sehr freisinnig seyn soll, aber eben so sehr auch entschlossen am gesetzlichen Wege festzuhalten, in welchem sie allein Heil für das Vaterland erblickt. Es trägt zur moralischen Rechtfertigung unsrer Ansicht sehr viel bei, wenn auch Stände, die, wie Graubünden, sonst immer eher einen conservativen Gang verfolgten u. schon vermöge ihres Volkscharakters u. ihrer politischen Einrichtungen nie einem eigentlichen Radikalismus verfallen werden, sich ihr anschließen; bezeichnend ist auch der Umstand, daß dort kein einziger Reformirter dem vorörtlichen Antrage beistimmte.3 Von ähnlicher moralischer Bedeutung ist auch die Diskussion in Frei-, | burg, wo so viele u. achtungswerthe Stimmen sich gegen die Jesuiten erhoben. Ich hoffte nun, nachdem in der, jedenfalls auch sehr wichtigen Bisthumsfrage die Liberalen in St. Gallen einen so schönen, fast unerwarteten Sieg errungen hatten, es möchte auch dort eine entschiedne Instruktion, wenigstens mit Bezug auf Luzern, erzielt werden. Diese Hoffnung ist freilich nicht erfüllt worden4, u. wir haben also von der Tagsatzung keinen Beschluß zu erwarten. Einen bedeutenden moralischen Eindruck muß es allerdings namentlich auf die ultramontane Parthei machen, daß wenigstens 10²/₂ Stände ( ich rechne dazu auch Tessin, dessen Instruktion zwar sehr unklar ist5 ), deren Bevölkerung mehr als zwei Drittheile des gesammten Schweizervolkes ausmacht, sich für die Ausweisung der Jesuiten erklären werden; allein die extremen Radikalen wird dieses Resultat eher zu weiter gehenden Schritten anregen als davon abhalten. Ich meinerseits gebe zwar die Hoffnung, es möchte auf die ordentliche Tagsatzung6 eine Mehrheit zu Stande kommen, noch nicht ganz auf; denn in Genf u. St. Gallen kann sich bis dahin noch Manches ändern. Nach den neuesten Berichten aus Luzern muß man beinahe schließen, daß das Volk immer mehr von der Regierung u. ihrem Systeme sich abwende; könnte in diesem Kanton ohne auswärtige Einmischung eine Veränderung eintreten, so wäre dieses wohl eigentlich die günstigste Wendung, die sich bei der gegenwärtigen Verwicklung der Dinge hoffen ließe. Jedenfalls haben wir einen Krieg mit Luzern nicht sehr zu fürchten; ob wohl die «Friedensparthei» damit zufrieden ist?

Mit vollem Rechte mißbilligst Du die Aargauische Instruktion in Betreff der Freischaaren.7 Mich hat noch mehr die Antwort geärgert, welche die Regierung dieses Standes den Abgeordneten des Vororts ertheilte u. welche eigentlich nichts anders sagen will, als: Wir sehen zwar ein, daß das Freischaarenthum ein Unwesen ist, welches nur zur gänzlichen Anarchie führen kann; aber wenn wir da| gegen einschreiten wollten, so würde es uns gehen, wie der Regierung von Waat, u. wir haben daher vor Allem für unsre Sessel zu sorgen. – Ich denke, mit Bezug auf die Waatländer Revolution8 werden unsre Ansichten nicht weit auseinander gehen. So sehr es mich freute, daß wir dadurch wieder eine Stimme gewonnen haben, so glaube ich doch, der moralische Eindruck müsse hier eher gegen uns seyn. Im Allgemeinen ist aus jener Erscheinung die Lehre zu ziehen, daß das, mit einer geordneten u. heilsamen Staatsentwicklung so unverträgliche Putschsystem sich in der Schweiz immer weiter verbreitet u. immer mehr zur Regel, zum normalen Zustande wird, so daß sich bald Niemand mehr das geringste Bedenken daraus macht, unter Umständen eine verfassungsmässige Ordnung umzustürzen. Gut ist es immer, wenn republikanische Behörden auf den entschieden ausgesprochnen Volkswillen Rücksicht nehmen; aber zunächst hat doch jedes Mitglied derselben seiner eignen Ueberzeugung zu folgen, u. der Satz, daß, wenn das Volk mit ihrem Entscheide unzufrieden sey, es dann selbst einschreiten, die Behörden auflösen u. an ihrer Stelle Beschlüsse fassen dürfe, macht eigentlich eine ehrenhafte Regierung unmöglich u. entwürdigt die, vom Volke selbst mit seinem Zutrauen beehrten Beamten zu bloßen Dienern der Volkslaune; wie sich dieses aber bereits im Aargau zu zeigen scheint.

Mit Bezug auf unsre Landrathsverhandlungen habe ich Dir noch den Aufschluß zu ertheilen, daß gegen den Antrag der Standeskommission in Betreff des Falles, daß sich für unsre Instruktion keine Mehrheit ergebe, auffallender Weise Niemand im Sinne der Vorberathung, von welcher ich Dir gemeldet hatte9, einen Gegenantrag stellte, womit ich natürlich sehr zufrieden war. Meinen Antrag in Betreff der Verfassungsgarantie, den Du in der N.Z.Z. gelesen haben wirst, ließ ich fallen, weil er, ebenfalls auffallender Weise, nicht unterstützt wurde.10 Ich bin jetzt froh darüber, daß er nicht angenommen wurde, weil jetzt das Schwert zunächst gegen die liberale Parthei, nämlich mit Bezug auf Waat, gekehrt werden müßte. – Für die gütige Mittheilung11 Eurer Großrathsverhandlungen (darf ich sie behalten oder soll ich sie Dir zurückschicken?) bin ich Dir sehr dankbar; es war mir besonders angenehm, darin Deine Rede getreu u. vollständig, wie ich annehme, zu lesen.12 Irre ich mich, wenn ich in Dir das ω erblicke, welches in der N.Z.Z. diese «Debatten» würdigte?13 In der letzten Sitzung Eures Gr. R. haben nun die Conservativen, u. besonders die Regierung, noch die entscheidendste Schlappe davon getragen. – Empfehle mich Deinen verehrten Eltern, schreibe mir bald wieder u. sey auf's herzlichste gegrüßt von

deinem

J J Blumer-Heer.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Die Instruktion Graubündens lautete: «1) Die Jesuitenfrage ist Bundessache. 2) Der Fortbestand des Jesuitenordens in der Schweiz ist mit der innern Ruhe und Sicherheit derselben unverträglich. 3) Die Gesandtschaft hiesigen Standes wird daher an der bevorstehenden außerordentlichen Tagsatzung, nachdem alle gütlichen Mittel, um die Entfernung jenes Ordens zu erreichen, erschöpft sein werden, sich an diejenigen Voten anschließen, welche, gleichwie der h. Stand Zürich, den Stand Luzern zur Zurücknahme seiner Jesuitenberufung, und die übrigen Stände, wo sich bereits Jesuiten befinden, zu deren Entfernung auffordern wollen. [...]. Ueberdieß wird Amnestie verlangt und die Annahme des Freischaarengesetzes (mit Ausnahme von §. 3) beschlossen.» NZZ, 21. Februar 1845.

3Der im Kreisschreiben des Vororts Luzern vom 3. Juni 1844 gestellte Antrag zur Ausweisung der Jesuiten lautete: «Es sey über den von Seite der Regierung des Kantons Aargau gestellten Antrag, betreffend die Wegweisung des Jesuitenordens aus der Schweiz, nicht einzutreten, zumal ein solcher Entscheid in das Gebiet der Kantonalsouveränetät gehöre.» Abschiede Tagsatzung 1844, S. 113.

4Die Instruktion St. Gallens lautete: «In Betracht, daß zwar nach Art. 1. des Bundesvertrages die Handhabung von Ruhe und Ordnung im Innern einer der Zwecke des Bundes ist und der Tagsatzung daherige Kompetenz der Ausweisung zustände, wenn dieser Orden die Ruhe und Ordnung in hohem Grade gefährden sollte; in Betracht jedoch, daß zur Zeit keine genügenden Gründe vorhanden sind, um den Orden aus der ganzen Schweiz auszuweisen, daß aber dessen bedauerliche, jüngsthin erfolgte Berufung nach dem Vorort Luzern selbst geeignet ist, Beunruhigung im Schweizervolk zu begründen, in der Erwartung, daß der Kanton Luzern in Berücksichtigung der Folgen seines Beschlusses dem allgemeinen Andringen freundeidgenössischer Einladung das Ohr nicht verschließen werde: – soll durch hiesige Gesandtschaft dahin gewirkt werden, daß die Tagsatzung die freundeidgenössische und dringende Einladung an den Stand Luzern richte, daß er mit Rücksicht auf seine hohe eidgenössische Stellung auf die Berufung der Jesuiten Verzicht leisteNZZ, 23. Februar 1845.

5Die Instruktion des Kantons Tessin lautete dahingehend, dass in erster Linie eine Einladung an Luzern ergehen sollte, auf die Berufung der Jesuiten zu verzichten. Erst wenn diese Aufforderung keine Wirkung zeigen und es die Ruhe im Land erfordern sollte, würde sich der Kanton Tessin für einen Tagsatzungsbeschluss zur Ausweisung der Jesuiten aus der ganzen Schweiz stark machen. Vgl. NZZ 18. Februar 1845; 19. Februar 1845.

6Die ordentliche Tagsatzung fand vom 7. Juli bis zum 22. August 1845 in Zürich statt.

7Zur Instruktion Aargaus meldete die «Neue Zürcher Zeitung»: «Die Ausbannung der Jesuiten wird mit 130 Stimmen gegen 38 angenommen. Eine Schlußnahme gegen die Freischaaren wird als unzeitig erklärt mit 119 Stimmen gegen 48.» NZZ, 14. Februar 1845.

8Im Kanton Waadt wurde am 14. Februar 1845 die bisherige Regierung mit Waffengewalt zum Abdanken gezwungen und in der Folge von den Radikal-Liberalen um Henri Druey (1799–1855) eine Verfassungsrevision initiiert. Vgl. NZZ, 16. Februar 1845, 17. Februar 1845; Dierauer, Eidgenossenschaft, S. 670–671.

9 Vgl. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 10. Februar 1845.

10Blumer verweist hier auf folgenden Artikel in der «Neuen Zürcher Zeitung»: «Das nämliche [Rückzug des Antrags] that Hr. Zivilr. Blumer, welcher mit Hinsicht auf die Petition der Luzerner Flüchtlinge verlangt hatte, daß Glarus die Ansicht ausspreche, der Art. 1 des Bundesvertrages berechtige die Tagsatzung, Beschwerden über Verfassungsverletzungen in einem Kanton zu untersuchen und nöthigenfalls den verfassungsmäßigen Zustand in demselben wieder herzustellen, und dabei sich vorbehalte, auf die nächste ordentliche Tagsatzung in diesem Sinne einen Antrag zu stellen, der geeignet wäre, die Garantie der Kantonsverfassungen für die Zukunft zu einer Wahrheit zu machen. Die Begründetheit dieses Antrages wurde allgemein anerkannt, aber man fand es nicht zeitgemäß, an der bevorstehenden außerordentlichen Tagsatzung den Gegenstand anzuregen.» NZZ, 21. Februar 1845.

11Brief nicht ermittelt.

12Zum Votum Eschers in der Grossratsverhandlung vom 5. Februar 1845 vgl. NZZ, 6. Februar 1845, 7. Februar 1845.

13 Vgl. NZZ, 16. Feburar 1845, 17. Februar 1845.