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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0356 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 20 | Jung, Aufbruch, S. 186 (auszugsweise)

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Montag, 13. [Januar] 1845

Schlagwörter: Eidgenössischer Bundesvertrag (1815), Finanzielle Unterstützungen, Freischaren, Jesuiten, Tagsatzung

Briefe

Glarus den 13. Februar 1845.1

Mein theurer Freund!

Ich beeile mich, Dir die Ergebnisse unsrer gestrigen Versammlung mitzutheilen, welche im Ganzen erfreulich zu nennen sind.2 Dr. Jenni3 eröffnete die Verhandlungen mit einem Berichte über seine Reise nach Langenthal u. forderte die Versammlung auf, den dortigen Beschlüssenu. der dort eingeleiteten Volksbewegung gegen die Jesuiten beizutreten.4 Darauf stellte ich – nachdem ich die Gründe, weßhalb ich jetzt für die Ausweisung der Jesuiten stimme, entwickelt hatte – den Antrag, unserm Beitritte den Vorbehalt, daß nur gesetzliche Mittel angewendet werden, anzuhängen. Dann sprachen noch Rathsherr C. Jenni u. Dr. N. Tschudi5; ersterer setzte das Recht der Tagsatzung, einen bindenden Beschluß zu fassen, auseinander, letztrer verlangte nähere Aufschlüsse über die Mittel, welche man zu ergreifen beabsichtige. Auf diese Interpellation hin erklärten die beiden Abgeordneten bestimmt, daß man in Langenthal sich allgemein nur für gesetzliche Wege ausgesprochen habe, u. führten dafür auch die Zofinger Erklärung an, welche von «erlaubten Mitteln» spricht.6 Auf diese Versicherung hin ließ ich meinen Antrag fallen, zumal ich nach derselben kaum auf eine Mehrheit hoffen durfte u. die in der Versammlung waltende Einigkeit nicht unnützer Weise stören wollte. Ohne Diskussion wurde dann die bereits von Staub7 entworfne Adresse an die Standeskommission betreffend die Einberufung einer außerordentl. Tagsatzung genehmigt u. von 145 Anwesenden, meistens den angesehnern Klassen angehö| rend, unterzeichnet.8 Den für unsre Verhältnisse höchst unpassenden Gedanken einer Volksversammlung hatte schon das provisorische Comité aufgegeben, u. ebenso hatte es mit Recht die Errichtung von Bezirkscomités für unsern kleinen Kanton überflüssig gefunden; mit Beidem war die Versammlung durchaus einverstanden. Dagegen wurde einmüthig beschlossen, die in Zofingen entworfne Petition an die Tagsatzung sofort von unserm Volke unterzeichnen zu lassen, u. das Comité beauftragt, sich mit einigen zuverläßigen Männern in jeder Gemeinde hiefür in Verbindung zu setzen.9 Hinsichtlich der Auslagen wurde beschlossen, dieselben zunächst durch freiwillige Beiträge zu decken; sollten diese nicht ausreichen, so macht sich jedes Mitglied zur Bezahlung einer Quote verbindlich. Ebenso verpflichteten sich die Anwesenden zum Besuche künftiger Versammlungen in dieser Angelegenheit. Dabei hätte man es füglich dürfen bewendt seyn lassen; Bauhofer10 aber stellte noch den Antrag, es solle noch in's Protokoll aufgenommen werden, daß jedes Mitglied die in der Zofinger Erklärung enthaltne Verpflichtung übernehme. Derselbe wurde ohne Diskussion angenommen; am Ende wird es sich um die Auslegung der «erlaubten» Mittel handeln müssen, u. dabei wird immerhin Jeder zunächst sein Gewissen zu Rathe ziehen dürfen. Zuletzt schritt man zur Wahl eines Comité's; es wurden die 6 Mitglieder des provisorischen bestätigt u. dazu noch 3 neue gewählt: ich, Landrath Leuzinger11 v. Netstall, u. Rathsherr Dr. Zweifel12 von Bilten, alle der jüngern Generation angehörend. Einige ältre Männer, welche vorgeschlagen waren, verbaten sich die Wahl wegen Geschäften; Rathsh. C. Jenni berief sich auf seine Stellung als Mitglied der Standeskommission. – In Privatgesprächen nach den Verhandlungen hatte ich hinlänglichen Anlaß wahrzunehmen, daß im Allgemeinen hier die Stimmung dem strengen Festhalten am gesetzlichen Wege nicht sehr günstig ist. Man will zwar zuerst die gesetzlichen Mittel erschöpfen u. in jedem Falle keine Freischaaren; aber man glaubt,| daß, wenn es keine Tagsatzungsmehrheit geben sollte, die größern, jesuitenfeindlichen Kantone wohl auch von sich aus losschlagen könnten. Ich meinerseits kann von dem Abgehen von Gesetz u. Bundesvertrag keine guten Folgen erwarten; die ultramontanen Stände hätten dann, wie bei den letzten Ereignissen die Regierung von Luzern, die moralische Gewalt des formellen Rechtes für sich, u. es wäre leicht, ihrem Volke den Glauben beizubringen, daß es sich um seine gänzliche Unterdrückung handle; ein andauernder Bürgerkrieg u. dann ganz gewiß auswärtige Einmischung würden nicht ausbleiben. Ueberhaupt lassen sich die Folgen nur so lange vorausberechnen, als wir auf legalem Wege bleiben; mit dem Verlassen desselben verlieren wir allen festen Boden u. gerathen in ein Meer von Ungewißheiten. Ich bin daher froh, in meiner gestrigen Rede wenigstens mein Programm gegeben zu haben; an diesem werde ich festhalten im Comité u. im Vereine; sollte der letztre, wenn die Nothwendigkeit einer entscheidenden Wahl eintreten würde, sich für Ungesetzlichkeiten erklären, so würde ich mich zurückziehen, überzeugt, daß wenigstens in unsern Behörden meine Ansicht größern Anklang finden würde. Doch wir wollen hoffen, daß es den Bemühungen der zürcherischen Liberalen, denen ich mich so gerne anschließe, gelingen werde, auf gesetzlichem Wege eine Entscheidung herbeizuführen u. dadurch dem Vaterlande weitres Unheil zu ersparen.

Es wird mich nun sehr freuen, von Dir über den Erfolg Deiner Sendung nach Chur, sowie über die Ergebnisse Eurer gestrigen Versammlung einiges Nähere zu vernehmen.13 Daneben wünschte ich vorzüglich auch zu erfahren, was für einen Bericht Euer Abgeordneter von St. Gallen gebracht hat.

Empfehle mich Deinen verehrten Eltern u. grüße mir meine Freunde. Empfange

die herzlichsten Grüße von
Deinem

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Die Datierung auf Februar ist wohl irrig. Aufgrund des Inhalts muss die Niederschrift des Briefes im Januar erfolgt sein; der Poststempel trägt das Datum des 13. Januar 1845.

2Am 12. Januar 1844 fand in Glarus eine Versammlung zur Gründung eines kantonalen Antijesuitenvereins statt. Vgl. Glarner-Zeitung, 18. Januar 1845; Blumer, Erinnerungen, S. 14(a).

3 Caspar Jenny (1812–1860), Ratsherr, Mitglied der Standeskommission (GL) und Gemeindepräsident von Ennenda.

4Zur Volksversammlung in Langenthal vom 5. Januar 1845 vgl. Berner Zeitung, 10. Januar 1845; Holenstein, Ochsenbein, S. 106–107.

5 Niklaus Tschudi (1814–1892), Ratsherr (GL) und Arzt in Glarus.

6Gemäss Zofinger Erkärung sollten sich die Mitglieder des Eidgenössischen Volksvereins gegen die Jesuiten verpflichten, «mit allen erlaubten, ihm zu Gebot stehenden Mitteln dahin zu wirken, daß die Jesuiten und die ihnen affilirten Gesellschaften aus der Eidgenossenschaft für immer entfernt und ausgewiesen werden». Berner Zeitung, 13. Januar 1845 (Beilage).

7 Josua Staub (1822–1870), Landrat (GL), Advokat und Redaktor der «Glarner-Zeitung».

8Die ausserordentliche Tagsatzung fand vom 24. Februar bis zum 22. April 1845 in Zürich statt.

9Zur Petition zur Ausweisung der Jesuiten vgl. Glarner-Zeitung, 18. Januar 1845.

10Vermutlich Joseph Bauhofer (1811–1883), Ratschreiber.

11Person nicht ermittelt.

12 Heinrich Zweifel (1814–1879), Ratsherr (GL).

13Escher traf am 10. Januar 1845 zusammen mit Heinrich Rüegg (1801–1871) in Chur ein, um mit den dortigen Radikal-Liberalen die Jesuitenausweisung zu koordinieren. Vgl. Strobel, Jesuiten, S. 246; Johann Rudolf Sulzer an Alfred Escher, [ 06 . Januar 1845 ]; Johannes Honegger an Alfred Escher, 23. Februar 1845.