Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0355 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Montag, 10. Februar 1845

Schlagwörter: Eidgenössischer Bundesvertrag (1815), Freischaren, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Jesuiten, Landrat GL, Tagsatzung

Briefe

Glarus den 10. Februar 1845.

Mein theurer Freund!

Herzlich verdanke ich dir deine gütige Mittheilung, betreffend das so wichtige u. erfreuliche Resultat Eurer Großrathssitzung. Es ist mir durch dieselbe namentlich die Abstimmungsweise klarer geworden, als aus den Zeitungen; der N.Z.Z. wäre überhaupt mehr Klarheit u. Genauigkeit, besonders auch in der Mittheilung der Voten, zu wünschen. Hier war man äußerst gespannt auf den Entscheid Eures Großen Rathes, u. je weniger man einen so glänzenden Sieg der liberalen Parthei erwarten durfte, desto lauter u. allgemeiner ist nun die Freude darüber. Jedenfalls wird Eure Instruktion auch auf unsern Landrath, der sich erst nächsten Donnerstag versammelt, bedeutend einwirken, manche Unentschiedne auf unsre Seite bringen u. die Opposition lähmen. Noch ehe wir jenes Resultat kannten, veranstalteten wir auf gestern eine Versammlung von Landräthen, in der Absicht, die verschiednen Fraktionen der liberalen Parthei zu gemeinschaftlichem Auftreten zu vereinigen, damit die ganze Parthei gerüstet, wie Ein Mann dastehe, den Gegnern jede Waffe, welche die Zersplitterung ihnen gewähren möchte, zum voraus entzogen u. dadurch der Sieg um so mehr gesichert werde. Es erschienen zwar nicht viele Landräthe (Manche wurden durch Gemeindsversammlungen u. andre Geschäfte verhindert), aber die meisten einflußreichern von unsrer Parthei, darunter auch zwei Mitglieder der Standeskommißion, Jenni u. Dr. Tschudi, der in dieser Sache nun wieder entschieden liberal ist. Es handelte sich zunächst um die Frage, wie Glarus instruiren solle| für den Fall, daß sich für Ausweisung der Jesuiten aus der ganzen Schweiz keine Mehrheit ergebe. Die meisten Redner wollten vom Markten nichts wißen, fanden, daß die bloße Einsprache gegen die Aufnahme der Jesuiten in Luzern nicht viel nützen würde, u. glaubten daher, die Gesandtschaft solle sich in jenem Falle auf's Referiren beschränken. Ich gab zwar zu, daß die bloße Ausweisung aus Luzern eine Halbheit u. Inkonsequenz, nicht aber daß, wie Dr. Jenni meinte, damit gar nichts geholfen wäre, u. wies namentlich darauf hin, daß, wenn die Tagsatzung ohne Beschluß auseinandergehe, das aufgeregte Volk geneigt seyn könnte sich selbst zu helfen, was nach meiner Ansicht nicht zu wünschen sey; ich glaubte daher, wir sollten nach Bern's Vorgange in zweiter Linie die Gesandtschaft ermächtigen, zu dem unsre Ansicht am nächsten stehenden Antrage zu stimmen. Diese Ansicht wurde einzig von meinem Freunde, dem wackern Landrath Hefti von Hätzingen, unterstützt. Dagegen stellte Appellationsrichter Trümpi den Mittelantrag, die Gesandtschaft solle sich über den zweiten Antrag Zürich's das Protokoll offen behalten; ergebe es sich dann, daß es nur von uns abhänge, ob derselbe zum Beschluß erhoben werden solle, so werde ihm unser Landrath, der ja leicht wieder einzuberufen sey, gewiß auch beipflichten. Da diese Zwischenansicht bei den Rednern von der andern Seite allgemeinen Anklag fand, so glaubte ich, obschon nicht von derselben überzeugt, doch zeigen zu sollen, daß es mir ernstlich um eine Verständigung aller Liberalen zu thun sey, u. erklärte daher zuletzt mich ihr anschließen zu wollen. Hinsichtlich der Freischaaren u. der Amnestie war man einverstanden sich im Wesentlichen an Zürich's Instruktion anzuschließen. Beim erstern Punkte regte ich den in der Minderheit gebliebnen Antrag Dr. Furrer's in dem Sinne an, daß nach meiner Ansicht zwar die Mißbilligung der Freischaaren nicht von einer neuen Bestimmung über die Garantie der Verfaßungen abhängig zu machen sey, wohl aber bei diesem Anlaße der Wunsch oder, wenn möglich, der bestimmte Antrag gestellt werden sollte, es sey der Art. 1 des Bundesvertrages in Zukunft | in dem Sinne auszulegen, daß die Tagsatzung Beschwerden über Verfaßungsverletzungen zu untersuchen u., wenn sie begründet erfunden würden, den verfaßungsmäßigen Zustand in dem betreffenden Kanton wiederherzustellen habe. Dieser Gedanke fand allgemeinen Beifall; nur hinsichtlich der Form wurde eingwendet, ein bestimmter Antrag könnte erst auf die ordentliche Tagsatzung gestellt werden. Indeßen scheint es mir, es könnte doch wohl gerade die Petition der Luzerner Flüchtlinge dazu benutzt werden ihn jetzt zu stellen. Jedenfalls wird entweder die Standeskommißion in irgend einer Form meine Motion bringen, oder ich werde sie im Landrathe wieder anregen. Könntest du mir inzwischen noch über die Form, über welche ich noch nicht mit mir einig bin, einen verständigen Wink geben, so würdest du mich dadurch sehr verpflichten. Die Art, wie Furrer seinen Antrag gestellt hat, paßt für uns nicht, da er zu deutlich auf den 6. September hinzielte, der uns nichts angeht, u. ich persönlich möchte die Freischaaren unbedingt mißbilligen. – Unser Landrath wird nun ohne Zweifel in dem Sinne instruiren, wie es von der gestrigen Versammlung beschloßen worden ist. Daß du von diesen Mittheilungen inzwischen keinen öffentlichen Gebrauch machest, brauche ich dir nicht erst zu empfehlen.

Herzlich danke ich noch dir u. deinen verehrten Eltern für die Gastfreundschaft, welche ich auch bei meinem letzten Besuche in Zürich in Euerm Hause genoßen habe, u. überhaupt für alle Freundschaft, die du mir an den beiden schönen Tagen erwiesest, welche in so angenehmer Erinnerung bei mir stehen. – Empfehle mich deinen Eltern u. deiner Schwester, grüße mir alle meine Freunde u. sey auf's herzlichste gegrüßt von

deinem treuen

J J Blumer-Heer.

P. S. Ist wohl von einer Demißion Bluntschli's u. Moußon's nicht mehr die Rede? Erstrer könnte doch wohl nichts beßeres thun, als sich jetzt zurückziehen.