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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Tschudi

AES B0354 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#507*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 24

Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, Wien München, Sonntag / Samstag, 2. Februar, 1. März 1845

Schlagwörter: Berufsleben, Flora und Fauna, Privatdozenturen, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Universität Zürich, Universitäten und Hochschulen (diverse), Volksversammlung Unterstrass (1845)

Briefe

Wien, 2. Febr. 1845.

Mein theurer Freund. Wenn ich das Datum von deinem Briefe1, der mir zur Beantwortung vorliegt und ich 31t July 1844 darauf sehe, so erschreke ich beinahe über mein langes Zögern und fürchte, daß mich ein nicht ganz ungegründeter Vorwurf treffen wird. Als Entschuldigung meines langen Schweigens kann ich wohl mit gutem Gewißen mein unausgesetztes, angestrengtes Arbeiten anführen, das mir wahrlich keine Stunde der Muße gegönnt hat. Du selbst hast in den jüngst verfloßenen Monaten gewiß auch ein politisch sehr bewegtes Leben geführt, denn wenn ich auf die verhängnißvolle Gegenwart der unglüklichen Schweiz einen Blik werfe, so drängt sich mir die Ueberzeugung auf, daß sie dich mächtig ergreifen muß, da du theils durch innere Neigung getrieben, theils durch deine Stellung im Staate zur lebhaftesten activen Theilnahme getrieben wirst. Ich kenne nur Bruchstüke von den Vorgängen in der Schweiz, aber diese sind so unwürdig, daß ich mir nicht nach mehr sehne. Möglich ist es, daß die deutschen Zeitungen alles in ein falsches Licht stellen und somit die Sache schlimmer machen, als sie wirklich ist; deshalb will ich auch mein Urtheil darüber zurükhalten, um so mehr, da du es ja doch kennst, wenn ich es auch nicht ausspreche. Heute las ich theils mit Freude, theils mit Wehmuth in der allg. Augsb. Zeitung2 deinen Namen, wie du im Schneegestöber mit einigen Collegen die Volksversammlung bei Zürich leitetest. Mögen deine Bemühungen nicht ohne Erfolg sein, ich bin überzeugt, daß sie gewiß redlich und gut sind! – Du hast nun auch schon seit einigen Monaten dociert und ich bitte dich mir zu sagen, ob du bei dieser Beschäftigung Genuß und Befriedigung gefunden hast?

Die Universität Zürich scheint ja neuerdings wieder einigen Wechseln unterworfen zu sein, da Engel3 nach Freiburg gehen soll. Hier ist man sehr erstaunt, daß die Schweizer von Oestreich Anatomen holen wollen, da hier ein sehr großer Mangel daran ist. Ich möchte Sinz wohl wünschen, daß er durch ein neues Arangement die Prorectorenstelle bekommen würde. –

Mein Aufenthalt in Berlin war mir außerordentlich wichtig, da ich bei den reichhaltigen Materialien im Museum und der Bibliothek rasch und erfolgreich arbeiten konnte. Ich genoß die Freundschaft der ersten Naturforscher und Aerzte und konnte aus ihrem persönlichen Umgange so manchen wichtigen Gewinn ziehen. Besonders war das bei Joh. Müller4, vor dem ich eine unbegränzte Hochachtung habe, der Fall. Bei Humboldt5 war ich öfters und muß jezt auf's innigste bedauren, daß ich früher über diesen so erhaben dastehenden Manne ein unreifes Urtheil gefällt habe.6 Der Grund davon lag darin, daß ich ihn nicht verstanden hatte und ein zu williges Ohr den Stimmen geliehen, die immer rasch bei der Hand sind, eine nicht zu erreichende Größe zu verkleinern und in Staub zu ziehen. Ohmächtiges Bestreben einer miserablen Engherzigkeit! Ich habe von Humboldt eine Auszeichnung genoßen auf die ich sehr stolz bin; er hat mir nämlich alle seine zoologischen Manuscripte von seiner Reise in Südamerica, die größtentheils noch nicht publiciert, sind nebst zwanzig von seiner Hand in Peru angefertigten Zeichnungen, geschenkt. Ich habe einen sehr großen Schatz der scharfsinnigsten Beobachtungen und Untersuchungen in diesen Papieren, die nun schon über vierzig Jahre alt sind gefunden, und| die mir einen schönen Beweis liefern, wie weit Humb. auch in der Zool. & vergleichenden Anatomie damals seiner Zeit vorgeschritten war. –

Von Berlin ging ich nach Hamburg bis sich die naturf. Gesellschaft in Bremen versammelte. Wie in allen diesen Versammlungen so war es auch diesmal in B. es wurde viel geeßen & getrunken, viel dummes Zeug geschwazt und wenig ortendliches vorgetragen. Nach einem Aufenthalte von einigen Wochen in Göttingen begab ich mich nach Würzburg, wo ich den 7t December summa cum laude7 mein medicinisches Doctorexamen ablegte und den 28t Dec. promovierte, wobei mir mein Promotor und meine Opponenten (nur Professoren) in deutsch und latein schmeichelhafte Complimente machten, die ich ihnen sehr gerne geschenkt hätte. Du errinnerst dich, daß ich dir schon früher meine Absicht mittheilte zu doctorieren; ich stellte mir die Sache anfänglich leichter vor, wie ich aber in Berlin nach 7jähriger Unterbrechung anfing die Collegien und Clinica zu besuchen, so fühlte ich wie viel mir noch fehle, was ich aber mit dem angestrengtesten Fleiße zu ersetzen suchte. Ich kann wohl sagen ich habe fast übermenschlich gearbeitet und war nahe daran meinen Geistigen Anstrengungen zu unterliegen. Außer meinen med. Studien habe ich in Naturwißenschaften sehr viel gearbeit und unterdeßen manches publiciert. Von meiner Fauna peruana8 wird nächstens die dritte Lieferung erscheinen. Die beiden ersten sind in Deutschland England und Rußland sehr günstig aufgenommen worden, ob auch in Zürich? Sehr wahrscheinlich nicht, was mir aber so indifferent ist als wenn mich ein Mops anbellen würde.

München 1. III. Ich wollte dir von Wien aus diesen Brief senden es war mir aber nicht möglich, da sich meine dortigen Arbeiten auf die lezten Wochen sehr gehäuft hatten. und ich das reiche Material, was mir jene Stadt darboth noch gerne benuzte. Es ist unglaublich welch' eine Maße von Schätzen dort angehäuft ist. Leider ist aber das Licht unter das Scheffel gestellt. Die Liberalitaet mit der den Fremden alle möglichen Hülfsmittel geboten werden ist sehr groß und sucht wirklich Ihres gleichen. Wenige Tage vor meiner Abreise erhielt ich vom Fürsten Metternich9 eine Einladung ihn zu besuchen; es war mir außerordentlich angenehm mit diesem politischen Heroen zusammenzukomen. Ich bin durchaus von ihm eingenommen. Er ist gegenwärtig schon etwas gebeugt. Körper und Geist fangen an den Rechten der Natur zu weichen. Seine Aeußerungen über die Schweizerverhältniße waren mir sehr intressant; Ich bin begierig zu sehen, wie weit sie sich realisieren werden.

Weit über alle Wiener naturforscher erhaben, sowohl durch die Tiefe seines Denkens, die Gründlichkeit seiner Kenntniße und die Rechtlichkeit seines Characters, steht der treffliche Endlicher10. Er ist eine jener seltenen Erscheinungen, die man nur mit Staunen & Bewunderung betrachten kann; und doch ahnen die Wiener kaum, was sie an ihm| besitzen; und nur wenige seiner Freunde im Ausland beurtheilen ihn richtig.

Mit Fitzinger11 habe ich sehr viele herpetologica12 gearbeitet, wir haben den größten Theil dieser branche des Museums durchbestimmt. Auf diesen guten Mann paßt so recht der alte Satz qui proficit in litteris et deficit in moribus etc.13 Ich fürchte er wird der Wißenschaft noch ganz verloren gehen, denn Madame Venus hält ihn zu eng umschlungen.

Hier in München geht alles seinen schlichten ruhigen Gang; es sind wenige wißenschaftliche lumina14, mehr künstlerische. Die Hülfsmittel sind übrigens ziemlich zureichend, natürlich nicht so ausgedehnt, als in Berlin und Wien.

Es muß ja ganz toll in der Schweiz zugehen; mit gespannter Aufmerksamkeit lese ich täglich die Nachrichten, die wahrlich nicht sehr befriedigend sind. O Helvetia. Helvetia! Bis Ostern werde ich in der Schweiz zurüksein und hoffe dann von dir recht ausführliche Nachrichten zu erhalten, mir hierher zu schreiben hast du gewiß keine Zeit, vielleicht kaum Zeit diesen Brief zu lesen.

Grüße mir deine Eltern aufs Herzlichste. Mit unveränderlicher Freundschaft

Dein

J Tschudi

München. 1. III. 45.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Die «Allgemeine Zeitung» stützte sich in Ihrer Berichterstattung über die Volksversammlung in Unterstrass auf die «Neue Zürcher Zeitung». Vgl. Allgemeine Zeitung, 30. Januar 1845; NZZ, 26. Januar 1845 (Beilage).

3 Joseph Engel (1816–1899), Professor für Anatomie an der Universität Zürich. – Engel blieb bis 1849 in Zürich und wechselte dann an die Universität in Prag. Vgl. Gagliardi/Nabholz/Strohl, Universität Zürich, S. 539.

4 Johannes Müller (1801–1858), Professor für Anatomie und Physiologie an der Universität Berlin und Direktor des Anatomisch-zootomischen Universitäts-Museums.

5 Alexander von Humboldt (1769–1859), preussischer Naturforscher und Forschungsreisender.

6Zur Haltung Tschudis gegenüber Humboldt schrieb Jakob Escher 1843: «Mir gefiel er [Tschudi] zwar recht gut; aber einzelne Äußerungen, z. B. daß zu den Männern, welche ihren Ruhm durch Arbeiten andrer bezahlter Leute erworben haben, auch A. v. Humboldt gehöre, sind wenigstens sehr gewagt, und möglicher Weise läßt er unter Unbekannten noch mehr dergleichen fallen.» Jakob Escher an Alfred Escher, 27. / 28. April 1843.

7Summa cum laude (lat.): mit höchstem Lob; übertragen: mit Auszeichnung, mit Bestnoten.

8 Vgl. Tschudi, Fauna Peruana.

9 Klemens Wenzel von Metternich (1773–1859), Aussenminister des Kaisertums Österreich.

10 Stephan Ladislaus Endlicher (1804–1849), Professor für Botanik an der Universität Wien und Direktor des Botanischen Gartens.

11 Leopold Joseph Fitzinger (1802–1884), Kustos-Adjunkt am Hof-Naturalienkabinett in Wien.

12Herpetologie: Lehre von den kriechenden Tieren (Amphibien).

13Qui proficit in litteris, et deficit in moribus, plus deficit, quam proficit (lat.): Wer im Wissen Fortschritt und im Verhalten Rückschritt macht, macht mehr Rückschritt als Fortschritt.

14Lumina (lat.): Lichter.