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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0345 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Dienstag, 21. Januar 1845

Schlagwörter: Berufsleben, Jesuiten, Landrat GL, Regierungsrat GL, Tagsatzung

Briefe

Glarus den 21. Januar 1845.

Mein theurer Freund!

Empfange zuvörderst meinen herzlichsten Dank für die wichtigen Nachrichten, welche du mir im Laufe der vorigen Woche zukommen ließest. Ich verbinde damit den Wunsch, daß es dir auch in Zukunft, wenn in der Jesuitenangelegenheit etwas Entscheidendes eintritt, was nicht sogleich durch die öffentlichen Blätter bekannt wird, gefallen möchte mich bald davon zu benachrichtigen, damit wir hier unsre Schritte darnach einrichten können.

Ich würde dir früher geschrieben haben, wenn seit der Versammlung, über welche ich dir berichtete, irgend etwas von Bedeutung bei uns vorgefallen wäre. Da wir Donnerstags, als ich deinen ersten Brief erhielt, gerade Comitésitzung hatten, so erlaubte ich mir, die Stelle deßelben, welche die Nachrichten aus dem Aargau betraf, meinen Collegen mitzutheilen; man war mit deinen Ansichten allgemein einverstanden u. beschloß, in einem nochmaligen Schreiben an die Standeskommißion das bestimmte Begehren zu stellen, daß der Landrath jedenfalls im Laufe der gegenwärtigen Woche einberufen werde. Ich bin auch überzeugt, daß entsprochen worden wäre, zumal ich Freitags noch bei mehrern Mitgliedern Besuche abstattete u., im Besitze der in deinem zweiten Briefe enthaltnen, damals hier noch unbekannten Nachricht, sie auf das Ungenügende des vorörtlichen Beschlußes aufmerksam machte. Unglücklicher Weise aber traf | dann Nachmittags Regierungsrath Weber hier ein, welcher den offiziellen Bericht brachte, daß Bern sich mit dem Hinausschieben der Tagsatzung bis Ende Februar's einverstanden erklärt habe u. nunmehr nicht verlange, daß 5 Stände, darunter wir, an den Vorort das Begehren einer außerordentlichen Tagsatzung stellen. Dies war nun mehr als genug für die Schlotterpolitik der Standeskommißion, um sie zu vermögen, unser Begehren abzuweisen, u. zwar in der anstößigen Form, daß sie die von so vielen u. achtbaren Bürgern unterzeichnete Petition einfach ad acta legte. Dieser Beschluß hat nun aber gerechte Mißstimmung in unserm so entschiednen Volke erweckt, u. es handelte sich gestern im Comité wieder darum, was jetzt zu thun sey. Dr. Jenni u. Staub wollten eine Volksversammlung auf nächsten Sonntag veranstalten, nicht um dadruch eine baldige Sitzung des Landraths herbeizuführen (in der nächsten Woche wird er sich andrer Geschäfte wegen ohnehin einmal versammeln), sondern um dadurch der Regierung Respekt einzuflößen u. weil man «nicht genug agitiren könne.» Die Mehrheit aber, u. darunter ich am entschiedensten, fand jenes Mittel für unsre Verhältniße u. für den gegenwärtigen Augenblick unpaßend; denn des Landrathes seyen wir ja ohnehin sicher, u. die Stimme des Volkes werde sich durch Unterzeichnung der Nationaladreße kund geben; wozu also eine weitere, bei uns ganz neue Demonstration, welche meines Erachtens mit dem Geiste einer Landsgemeindeverfaßung unvereinbar u. jedenfalls nur dazu geeignet wäre, den bei uns sonst schon zu starken demokratischen Elementen noch mehr Spielraum zu gewähren? Hingegen beschloßen wir, eine neue Petition an die Standeskommißion, welche die Einberufung des Landraths noch in dieser Woche verlangt, diesmal von der Mehrzahl der Mitglieder des Landraths selbst unterzeichnen zu laßen. Dieselbe findet nun großen Fortgang u. wird noch diesen Abend dem Landammann überreicht werden. Was dann die Standeskommißion thun wird, steht dahin; zu wünschen ist sehr, daß sie sich bekehren möge. Geschieht dieses nicht, so hat die | Minderheit des Comité's bereits mit einer Volksversammlung gedroht, welche sie von sich aus einberufen werde. Ein solches Benehmen wäre nun freilich nichts weniger als loyal u. würde des Comité, welches doch nun einmal die ganze Bewegung leiten soll, faktisch auf die Seite setzen; mich würde es wahrscheinlich, da mir das despotische, oft doppelzüngige Wesen der Genannten überhaupt nicht zusagt, zum Austritte veranlaßen.

Ich bin nun sehr begierig zu erfahren, ob der Vorort heute dem Begehren Zürich's entsprechen u. eine außerordentl. Tagsatzung bald einberufen wird. Geschieht dieses nicht, so wird eine Versammlung unsers Landrathes gut seyn; wenn nicht, so kann sie nichts schaden, da man nun einmal das Bedürfniß hat sich auszusprechen u. es beßer ist, dies geschehe am rechten Orte. – Hier spricht man stark von einer Volksversammlung, welche nächsten Sonntag in Euerm Kanton stattfinden soll. Zieht Ihr nicht auch den Weg der Petitionen vor? Daß irgend eine Demonstration in Euern Verhältnißen stattfinden muß, darüber bin ich ganz mit dir einverstanden. – Gieb mir doch gefälligst noch etwas nähere Aufschlüße über das Verhältniß, in welchem Ihr jetzt zum Berner Central-Comité steht. Habt Ihr Euch nun an die Langenthaler Conferenz u. ihre Beschlüße angeschloßen, u. auf welche Weise?

Du hast ganz Recht, wenn du annimmst, daß auch ich nun «aus dem Bücherstaube herausgetreten» u. ein eifriger Politiker geworden sey. Ich bin in der That, seitdem du hier gewesen, ein ganz andrer Mensch geworden; meine wißenschaftlichen Arbeiten habe ich ganz an den Nagel gehängt, u. ich kann mich kaum noch mit etwas Anderm beschäftigen, als mit der großen vaterländischen Frage u. mit den Traktanden unsers Comité. Indeßen kann ich dir, dem Freunde, nicht verhehlen, daß ich eine dornenvolle Laufbahn betreten habe, aus der ich mich oft in meine frühere Zurückgezogenheit zurücksehne. Unangenehm ist natürlich schon mein Verhältniß zu meinen konservativen Verwandten, die über meinen Eintritt in's Comité sehr ergrimmt u. nicht so billig sind einzusehen, daß mich gerade die Hoff| nung, die Bewegung, welche auch ohne mich vor sich gehen würde, vor schädlichen Extremen bewahren zu können, dazu vermochte. Auf der andern Seite stehe ich zwar mit einzelnen Mitgliedern des Comité's persönlich sehr gut, zu andern aber habe ich nun einmal kein Zutrauen; diesen muß ich, da ich nicht Willens bin ihren Gelüsten meine Grundsätze aufzuopfern, häufig opponiren u. daher immer besorgen, daß auch von dieser Seite her einmal ein «Kreuzige» über mich ertöne. Einen Vorgeschmack politischer Freuden hat mir bereits die «Eidgenößische Zeitung» bereitet, welche wieder elende Verdächtigungen über mich enthalten soll (gelesen habe ich das Blatt noch nicht); sie scheinen mir aber von der Art zu seyn, daß das Stillschweigen der Verachtung wohl die beste Antwort ist. eine Aeußerung des Artikels, welche mir berichtet worden ist, läßt nun über die Quelle dieser Anfeindungen keinen Zweifel mehr. Die Redaktion jener Zeitung hat sich übrigens auch dadurch charakterisirt, daß sie meine, ruhig u. namentlich von politischer Beimischung fern gehaltne Erwiederung auf den letzten Artikel des Beobachters über die Civilgerichtssache nicht nur nicht aufnahm, sondern mich nicht einmal einer Antwort würdigte, obschon ich für diesen Fall ausdrücklich die Zurücksendung verlangt hatte. Ich könnte nun jene Erwiederung in ein anderes, liberales Blatt einrücken; allein die ganze Geschichte scheint mir, namentlich für Nichtleser des Beobachters u. seiner Nachfolgerin, schon so sehr verschollen zu seyn, daß eine derartige Aufwärmung derselben, besonders in einer so wichtigen, aufgeregten Zeit, mir höchst taktlos vorkäme. Bist du in der einen oder andern Beziehung andrer Ansicht, so wird es mich sehr freuen dieselbe zu vernehmen.

Empfehle mich deinen verehrten Eltern, u. schreibe mir auch etwas über das Befinden deiner l. Mamma. – Empfange, nebst den herzlichsten Grüßen von den Meinigen u. meiner l. Frau, die besten von

deinem treuen

J J Blumer-Heer|

P. S. So eben erhalte ich noch die fragl. Nummer der Eidg. Zeit. zu Gesicht. Darüber nur noch die Bermerkung; es fiel mir nicht ein in dem Sinne zu sprechen, mein Erscheinen in der Versammlung werde Aufsehen erregen; aber eine Begründung meiner Ansicht gegenüber einem frühern Votum, von dem die meisten Anwesenden wußten, war doch gewiß am Platze! – Leid thut es mir, daß auch du hineingezogen bist; du wirst mir doch hoffentlich glauben, daß ich nicht mit dir zu renommiren pflege!