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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0334 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

In: Jung, Aufbruch, S. 184–186 (auszugsweise) | Strobel, Jesuiten, S. 690 (auszugsweise)

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Mittwoch, 4. Dezember 1844

Schlagwörter: Berufsleben, Freischaren, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Jesuiten, Krankheiten, Landsgemeinde GL, Privatdozenturen, Rechtliches, Reisen und Ausflüge, Universität Zürich, Wahlen

Briefe

Glarus den 4. Dezember 1844.

Mein theurer Freund!

Der Grund, der dich während längerer Zeit abgehalten hat mir zu schreiben, war leider nur zu triftig. Mich u. meine l. Frau hat die so bedenkliche Krankheit deiner guten Mutter lebhaft betrübt; wir beide hoffen sehnlichst, durch deinen nächsten Brief beßere Nachrichten von ihr zu erhalten. – Auch ich muß mich darüber entschuldigen, daß ich mit einer Antwort auf deinen so intreßanten Brief länger gezögert habe, als du wohl mit Recht erwarten konntest. Die Ursache davon liegt theils darin, daß ich zuvor noch die beiden Bände von Lichnowsky, welche du mir gütigst übersandt hast, durchlesen u. für meinen Zweck benutzen wollte, um sie dir dann zurückschicken zu können, theils in der Absicht, dir über meine Abreise nach Paris etwas bestimmtes mitzutheilen, was mir früher nicht möglich gewesen wäre.

Vorerst nur noch einige Worte über meine Erklärung im Beobachter. Ob es von mir wohlgethan war dieselbe abzuschicken, darüber muß ich freilich Andre urtheilen laßen, Gründe dagegen habe ich dir selbst in meinem letzten Briefe angeführt; sie schienen mir aber nachher nicht stichhaltig zu seyn, u. der Correspondent des Volksfreundes selbst hat mir dadurch Recht gegeben, daß er den Vorwurf der Lüge (einen gelindern konnte ich ihm nicht machen) ruhig auf sich sitzen ließ. Namentlich aber hielt ich dafür, es möchte aus meinem Stillschweigen auf die Mehrheit der ganzen volksfreundlichen Erzählung geschloßen, u. damit der Stab über mich gebrochen werden. Daß nun eine ausführliche Darstellung des ganzen Sachverhaltes | das Publikum beßer aufgeklärt hätte, gebe ich zu; indeßen war der Fall von so eigenthümlicher Art, daß mir eine solche nicht wohl zugemuthet werden konnte. Es hätte dazu einer ausführlichen Auseinandersetzung u. Erklärung unsrer Sportelngesetze bedurft, an der sich die Leser z. B. der N. Zürch. Zeitung wohl nicht sehr erbaut haben würden; dann eignete sich der Punkt, der mich individuell – wenigstens vor meinem Gewißen – am meisten rechtfertigt, daß ich nämlich bei seiner unglücklichen Verfügung des Gerichts, welche den ganzen Skandal herbeiführte, mich in der Minderheit befand, nicht zur Publizität, endlich widerstand es mir überhaupt, über eine an u. für sich (in objektiver Beziehung) so geringfügige Sache weitläufige Erörterungen zu schreiben, wo sie mir nicht geradezu abgenöthigt wurden, da ich sonst gewohnt bin oder wenigstens darnach strebe, Wichtigeres u. Edleres von mir hören zu laßen. Sollte ich nun durch diese unangenehme Geschichte an dem Vertrauen meiner Freunde oder auch nur von Bekannten, auf deren Achtung ich Werth setze, irgendwie eingebüßt haben, so würde dieses freilich für mich die bitterste Frucht derselben, die ich zu kosten hätte, u. eben in dieser Befürchtung ärgerte es mich auch von Anfang an am allermeisten, daß die Sache in öffentl. Blätter andrer Kantone überging. Du verweisest mich auf die Landsgemeinde, welche mich «rehabilitiren» werde; es thut mir aber wahrlich leid, erst von dieser Versammlung, die ich keinerwegs hoch achte u. an der die gemeinsten Leidenschaften Raum gewinnen können, meine Rechtfertigung erwarten zu müßen. Daß man mich aus meinem jetzigen Privatstande wieder wird herausziehen wollen, ist allerdings vorauszusehen; aber ob mir gerade eine Stelle, die ich annehmen kann u. will, zugedacht werden wird, ist gegenwärtig noch eine große Frage. Meine persönlichen Feinde, welche sich in der letzten Angelegenheit so bemerkbar gemacht haben, werden nicht unterlaßen mir entgegenzuarbeiten, u. ich selbst befinde mich gegenwärtig auf einem Standpunkte, von dem aus mir das glarnerische Staatsleben immer unerquicklicher vorkömmt, so daß mich nur ein sehr großes Zutrauen des Volkes veranlaßen kann, demselben auf's neue meine Thätigkeit zuzuwenden. |

Gerne gehe ich jetzt zu angenehmern Gegenständen über. Ich bin in diesem Augenblicke ganz vertieft in meine rechtsgeschichtliche Arbeit, u. fühle mich wohl dabei; wenn ich noch ein Bedürfniß dabei empfinde, so ist es weniger dasjenige eines Amtes oder einer praktischen Beschäftigung, als vielmehr dasjenige eines anregenden freundschaftlichen Umganges. Eine der Hauptfragen, welche in meinem beabsichtigten Werke beantwortet werden sollen, wird die seyn, auf welche Weise die drei Waldstätte zu unabhängigen Freistaaten wurden; sie ist um so intreßanter, als sie in neuerer Zeit eine kleine Litteratur hervorgerufen, welche sie gründlicher, als man sonst gewohnt war, zu untersuchen angefangen hat. Jetzt nähere ich mich, mit der Fackel der Rechtsgeschichte in der Hand, dem Punkte, wo ich sie vielleicht lösen kann; ich brauche aber noch Zeit dazu, um meine Gedanken darüber in ein System zu ordnen. Je ungestörter ich mich nun mit der Sache beschäftigen kann, desto mehr reizt es mich, damit zu einem bestimmten Abschluße zu gelangen, ehe ich mich in eine ganz fremdartige Welt hineinwerfe. Aus diesem Grunde habe ich mich entschloßen, meine Reise nach Paris bis zum Anfange des nächsten Februars zu verschieben, indem ich hoffe, bis dahin einen etwas ansehnlichern Theil meiner Arbeit zu vollenden, wodurch es mir möglich werden wird, dieselbe dann für längere Zeit zu verlaßen, ohne den so nothwendigen Gedankenzusammenhang in mir aufzuheben. Ich erinnere mich nun zwar, daß du gerade diejenige Zeit, welche ich früher für meinen kurzen Aufenthalt in Paris bestimmt hatte, für die zweckmäßigste erklärtest; indeßen glaube ich doch, daß auch die Monate Februar u. März noch in jeder Hinsicht zur saison gehören. Der einzige Verlust dürfte wohl darin bestehen, daß ich dann in den Kammern nicht die Adreßberathungen anhören werde; indeßen können wohl auch später noch intreßante Diskußionen vorkommen. Solltest du indeßen finden, daß ich in diesem Monate mit bedeutend mehr Nutzen nach Paris reisen würde, als im Februar, so bitte ich dich, mir dieses mit wenig Worten bald zu schreiben; denn da der Ausführung meines frühern Planes keine äußern Schwierigkeiten im Wege stehen, so könnte ich immer noch auf denselben zurückkommen. |

Daß dein angekündigtes Collegium nicht zu Stande gekommen ist, bedaure ich, da die Mühe, welche du schon zum voraus auf dasselbe verwendet hast, doch wohl verdient hätte, daß sich mehr als 2 Zuhörer dafür gemeldet hätten. So lange indeßen die Frequenz der zürcherischen Hochschule nicht bedeutend zunimmt, wird ein Privatdozent, welcher außergewöhnliche Collegien liest, nie auf eine große Zuhörerschaft rechnen können. Der jetzige Zustand der Anstalt, u. der juristischen Fakultät insbesondre, kann gewiß für einen jungen Dozenten nicht ermuthigend seyn. Deßhalb begreife ich es vollkommen, daß du dir die Wirksamkeit an der Hochschule nicht mehr als deine Lebensaufgabe vorhältst. Auch du bist nicht darum verlegen, andre Beschäftigung zu finden, u. gewiß ist diejenige mit dem Blutschli'schen Entwurfe eine sehr paßende u. zeitgemäße zu nennen. Deine Befähigung zur Kritik bezweifle ich durchaus nicht, unter der Voraussetzung, daß du in's deutsche Recht u. in Euer Partikularrecht dich noch tüchtig hineinarbeiten u. auch die Urtheile von Praktikern benutzen werdest. Meine Fähigkeiten in dieser Sache bitte ich dich nicht zu überschätzen, da ich namentlich das zürcherische Recht nur oberflächlich kenne u. auch im deutschen Rechte meine Kenntniße vorzugsweise historisch sind. Um so größer aber ist mein Intreße an jener gesetzgeberischen Arbeit, u. deßhalb wird es mich sehr freuen, wenn du in einen Briefwechsel darüber mit mir eintreten willst. Ich hoffe, daß du denselben bald beginnen werdest. – Mit dem schweizr. Staatsrechte habe ich mich so im Vorbeigehen auch schon beschäftigt, gründlich u. systematisch aber noch nie. Das Werk von Stettler kenne ich bis dahin bloß dem Namen nach. Wenn ich mit meinem Werke weiter vorrücke, so werde ich jedenfalls auch diese Seite unsers nationalen Rechtslebens nicht unbeachtet laßen.

Und nun noch Einiges über Politica. Seit deinem l. Briefe sind die Aussichten für die liberale Parthei in St. Gallen u. namentlich in Luzern wieder düstrer geworden. In letzterm Kanton ist als gewiß vorauszusehen, daß die wackern Jesuitengegner im Volke zwar eine sehr ansehnliche Minderheit, nicht aber die Mehrheit erhalten werden. Wichtig ist die Frage: was soll u. wird dann erfolgen? Ich meinerseits hoffe: kein Putsch; denn ich finde im Allgemeinen, daß die liberale Parthei an ihren Grundsätzen, welche sie zur Gegnerin alles Putschwesens machen müßen, konsequent festhalten sollte, u. im besondern Falle fürchte ich, | daß sie bei einem Gewaltstreiche den Kürzern ziehen würde, wodurch ihre völlige Unterdrückung entschieden wäre. Diejenigen, welche dem letztern das Wort reden, rechnen zwar dabei auf bewaffnete Hülfe von Bern u. Aargau; allein diese könnte nur mit gänzlicher Verletzung unsres Bundesrechts geleistet werden, nach welchem bloß entweder die betreffende Regierung oder der Vorort andre Kantone aufbieten können, u. den Moment, wo Luzern noch die Bundesleitung hat, haben Siegwart u. Consorten schlau genug benutzt. Bleiben die Liberalen ruhig, so bin ich überzeugt, daß gerade in Folge der extremen Maßregel, welche die herrschende Parthei ergriffen, u. der gemeinen Mittel, welche sie zu deren Durchsetzung angewendet hat, ein immer größerer Abscheu vor ihr im Volke sich verbreiten u. endlich ihren Sturz herbeiführen wird. – Ich bin begierig auf die Wahlen, welche Euerm Gr. R. bevorstehen, u. hoffe, es werde der liberalen Parthei möglich seyn, zwei tüchtige Candidaten für die erledigten Regierungsstellen aufzufinden u. für sie eine Mehrheit zu erhalten. Andre Geschäfte von Bedeutung werden wohl nicht vorliegen?

Von unsern hiesigen Freunden kann ich dir nur über Zwicki etwas Neues berichten. Er ist in der letzten Zeit Schulinspektor für den hintern Bezirk unsers Kantons geworden, u. befindet sich gegenwärtig so wohl, daß er von Zeit zu Zeit wieder predigt. Er war heute bei mir u. trug mir auf, dich zu grüßen u. dir zu sagen, daß er dir nächstens wieder schreiben werde. – Das beiliegende Werk, deßen Mittheilung ich dir bestens verdanke, mußte ich allerdings einsehen, jedoch habe ich darin nicht so viel für mich gefunden, als ich erwartete. Die folgenden Bände brauchst du mir einstweilen nicht zu schicken.

Empfehle mich nebst meiner l. Frau deinen verehrten Eltern u. deiner Schwester, u. empfange, nebst den besten Wünschen für die baldige Genesung deiner l. Mamma, unsre herzlichsten Grüße.

Dein
treuer


J J Blumer.