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Korrespondenz: Alfred Escher – Arnold Otto Aepli

AES B0332 | KBSG VNL 38 : B : 18

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 17 | Jung, Aufbruch, S. 182 (auszugsweise) | Strobel, Jesuiten, S. 685–686 (auszugsweise)

Alfred Escher an Arnold Otto Aepli, s.l., Donnerstag, [14. November 1844]

Schlagwörter: Erziehungsrat ZH, Freischaren, Grosser Rat LU, Jesuiten, Parteienstreitigkeiten, Rechtliches, Zürichputsch (1839)

Mein lieber Freund!

Viel lieber wollte ich Dir von den angenehmen Stunden reden, die wir mit unserm Blumer im freundlichen Appenzell1 zugebracht, als von dem verlornen Prozesse meines Vaters. Aber was sein muß, läßt sich nun einmal nicht ausweichen.

Ich möchte Dich über die Schritte, die wir nun zu ergreifen haben, zu Rathe ziehen. Der kantonsgerichtliche Spruch – beiläufig gesagt: die Theorie, daß der Debitor mit dem Ablaufe der Lösungszeit das Eigenthum an dem Unterpfande ipso jure2 verliere, ist doch zu abgeschmackt! – ist nun einmal erfolgt. Wir sind Eigenthümer zufolge demselben. Was nun weiter anfangen? Der Brief ist uns gestern abgefordert worden. Ich weiß, daß wir schuldig sind, denselben abzugeben, wenn bloß der Umstand, daß wir als Eigenthümer qualifizirt werden, in Betracht genommen wird. Da wir aber unsere Regreßforderung gegen den Gemeindrath Jona bloß mit dem Schuldbriefe belegen können, so sind wir gewiß berechtigt, den Schuldbrief zurückzuhalten.

Und nun diese Regreßforderung. Daß das Maaß in unserm Schuldbriefe unrichtig angegeben worden unterliegt keinem Zweifel. Ich weiß zwar, daß behauptet werden will, man habe bei Errichtung des Briefes die Abhangsfläche, letzthin die Grundfläche des Unterpfandes gemessen & ich möchte Dich ersuchen mir mitzutheilen was für gesetzliche Bestimmungen in Betreff der Art der Ausmessung der Unterpfande im Jahre 1830, als der Brief errichtet wurde, galten. Sollte aber auch wirklich bei Errichtung des Briefes die Abhangs-, letzthin die Grundfläche gemessen worden sein, so könnte um dessetwillen die Differenz der beiden Messungen nicht eine so exorbitante sein. Auf jeden Fall also hat sich der Gemeindrath v. Jona der gröbsten Fahrlässigkeit oder geradezu eines Betruges schuldig gemacht. Das letztere wird auch in der Gegend von Rapperschwyl ziemlich allgemein angenommen: denn Jos. M. Curti3 besitzt im Hummel4 noch in diesem Augenblicke gerade so viel Land als uns, wenn wir das im Briefe angegebene & das wirkliche Maaß nach den bezeichneten Grenzen mit einander vergleichen, fehlt. Warum sollte nun der Gemeindrath nicht haften müssen? Etwa, weil es schwierig ist, den Schaden auszumitteln? Welch' ein Grund wäre das! Und überdieß wird immer, wenn ein Gemeindrath für Maaßunrichtigkeiten haften muß, der Schaden nicht ganz leicht auszumitteln| sein. Wollte man sich also dadurch zu dem Schlusse bestimmen lassen, der Gemeindrath müsse gar nicht haften, so wären alle gesetzlichen Bestimmungen, welche den Gemeindrath für die Maaßangaben des Unterpfands verantwortlich machen, eine reine Illusion! Man wird aber in unserm Falle das mangelnde Land nach einem Durchschnittspreise schätzen & den Gemeindrath dazu anhalten, uns den Betrag dieser Schatzung zu ersetzen, wenn sie unsern Schaden, unsern Verlust nicht erreicht oder ihm gleich kommt, oder uns, wenn sie diesen Verlust übersteigt, soviel zu ersetzen als zur Deckung des Verlustes erforderlich ist. – Oder will man etwa, daß der Gemeindrath nicht haften müsse, damit begründen, daß mein Vater erklärte, er wolle das Gut für Capital, Zinsen & Kosten ziehen? Dieß könnte man allenfalls dann einwenden, wenn das Gut das in dem Schuldbriefe angegebene Maaß hätte & mein Vater sich nun, da er sich doch für geschädigt hielte, noch an das übrige Vermögen des Curti halten wollte. Dagegen sieht man gar nicht, was die Einwendung soll, wenn mein Vater Schadensersatz fordert, weil, was er gezogen, bei weitem nicht das war, was er bei seiner Zugserklärung glaubte &, den Schuldbrief in der Hand, glauben mußte. Die Einwendung könnte nur den abgeschmackten Sinn haben, mein Vater, der sich mit 12 Jucharten5 zufrieden gegeben, habe dadurch erklärt, daß er auch zufrieden sei, wenn die 12 Jucharten bloß 6e ausmachen!

Es wird mir sehr lieb sein, über diesen Gegenstand noch Deine Ansichten zu vernehmen. Ebenfalls möchte ich Dich ersuchen, mir einen neuen Advocaten vorzuschlagen. Daß Lutz6 in Rheineck, den Du vielleicht in erster Linie nennen dürftest, von Utznach oder Rapperschwyl so sehr entfernt ist, würde die Prozeßkosten sehr vermehren!

Und nun genug von dieser Geschichte. Ich habe schon so viel über sie gesprochen & geschrieben, daß sie mir beinahe zum Eckel geworden ist.

In politischer Beziehung scheinen sich die Sachen für die liberale Partei nach & nach etwas erfreulicher zu gestalten, & dieß schon wird ihr diejenigen allmälig wieder zuführen, welche auf die Erfolge sehen & denen angehören, welche gute Erfolge haben. Im Canton Luzern scheint der gesunde Sinn des Volkes sich gegen die Jesuiten erheben zu wollen. Die Protestation gegen den Beschluß des gr. Rathes als eine Verfassungsverletzung ist gewiß sehr begründet. Ob aber das Volk die Bedeutung derselben in ihrem Unterschiede vom Veto begreifen werde, ist eine andere Frage.7 Es ist zwar sehr zu wünschen, daß es im Canton Luzern zu keinen Gewaltstreichen komme. Die Ehre von blutbefleckten Volksaufständen möge den Altmeistern der conservativen Partei in Zürich ungeschmälert verbleiben! Sollten übrigens von den liberalen Luzernern alle gesetzmäßigen Schritte versucht worden sein, & dann, nachdem diese fruchtlos erschöpft worden, zur Gewalt gegriffen werden, so könnte diese Gewalt unserm Septemberaufruhr nie verglichen werden: sie wäre ja nur die Nothwehr gegen einen Verfassungsbruch. – Es wäre doch in der That bezeichnend, wenn in Eurer Bisthumsangelegenheit8 Euer großartiger | Apostat9, der sich nun mit den Umständen d. h. wohl dem Willen des Volkes entschuldigen konnte, & die Conservativen des Vaterlandes Zwingli's10, die in ihrem Eifer für die katholischen Interessen, den ultramontanen Bisthumsgelüsten das Wort redeten, durch Eure katholische Bevölkerung beschämt würden! – Es kömmt mir vor wie wenn die nächsten Jahre einen Umschwung in der Zürcherschen Politik mit sich bringen würden. Der Vorort Zürich wird etwas großes leisten wollen. Dieses große wird die confessionelle Pacification der Schweiz, d. h. da sich bei allen Anläßen, Wahlen, Vetobewegungen u. s. f. zeigt, daß die katholische Bevölkerung gar nicht pacifizirt zu werden braucht, daß sie zufrieden ist, die Conservation der Schweiz seie. Diese Conservation wird in der bekannten bewundernswerthen Consequenz der Sturz der liberalen Regierungen von Aargau, Solothurn, Tessin u. s. f. sein. Um diesen großartigen Plan durchsetzen zu können, muß Bluntschli11 am Ende des Jahres, wenn Muralt12 die Bürgermeisterstelle niederlegt, Bürgermeister werden. Und damit dieser & jener großartigere Plan erreicht werden könne, wird den liberalen Knaben mit dem Rücktritte des Erziehungsrathes ein Zucker in den Mund geschoben werden. – Bluntschli dürfte Bürgermeister werden13: aber nur um so sicherer dürfte sich ein Sturm gegen die eidgenössische Politik unserer Conservativen zusammenziehen, den sie nicht werden aushalten können. Die Heuchelei, die Corruption, die innere Verfaultheit unserer conservativen Partei läßt sich auf dem eidgenössischen Felde unwiderleglich nachweisen. – Unsere liberale Partei gewinnt an Selbstvertrauen: sie kömmt auf dem langsamen aber soliden Wege der Überlegung zu den liberalen Principien, denen sie früher schneller aber weniger dauerhaft im Schwunge der Begeisterung zugefallen, zurück. Wornach die Conservativen die es unter Freunden laut aussprechen, daß sie ohne einen Bund mit den Liberalen verloren seien, vor allem streben ist eine «Versöhnung» mit den Liberalen, eine Versöhnung, bei der die Conservativen möglichst wenig verlieren, die in der Consequenz der Liberalen liegende moralische Kraft aber gebrochen werden soll. Die Liberalen haben sich also nicht gegen offene Angriffe, sondern gegen die Freundlichkeit der Conservativen zu stählen!

Doch genug! Ich leide unendlich an Kopfschmerzen. Du weißt vielleicht schon, daß Blumer Mitte Dezember für etwa 2 Monate nach Paris gehen wird. Führen wir unsern Plan, einmal zusammen nach der Hauptstadt der Welt zu ulken, wohl aus? Oder gedenkst Du etwa, in besserer Gesellschaft die Reise zu machen?! Lebewohl! herzl. Grüße an Deine Brüder14 & Dich von Deinem treuen

A Escher.|

Brändli15 habe ich in Deinem Namen getreten: er habe schon an 2 Deiner St. Gallerfreunde16 | bezalt.17 Schuldet Dir mein Vater nicht noch Gebühren von dem Prozesse her?

Kommentareinträge

Datierung gemäss Poststempel.

1Zum Treffen in Appenzell schreibt Johann Jakob Blumer: «Ohne Zweifel bist Du nun nach Hause zurückgekehrt, nachdem Du nach meiner Abreise von Appenzell noch einige frohe Tage daselbst verlebt haben wirst. [...] An unsern Aufenthalt in Appenzell denke ich übrigens mit größtem Vergnügen zurück, besonders weil wir Anlaß hatten, uns so ungestört u. frei über alle wichtigern Fragen der Zeit zu unterhalten, wobei ich fand, daß wir beide uns in unsern politischen u. religiös-kirchlichen Grundansichten bedeutend genähert haben, u. dann auch weil Aepli einen Tag bei uns war, mit dem ich so gerne die alte Freundschaft unterhalte, was aber bei ihm bloß auf dem Wege persönlicher Zusammenkünfte möglich ist. Die Tage in Appenzell waren in dem trüben u. düstern Herbste, den mir dieses Jahr gebracht hat, ein glänzender Lichtpunkt; leider aber hatte ich auch nach meiner Zurückkunft neue Unannehmlichkeiten zu erfahren.» Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 15. Oktober 1844.

2Ipso iure (lat.): durch das Recht selbst; von Rechts wegen.

3Vermutlich Joseph Maria Johann Nepomuk Curti (1781–1856).

4Hummelberg: Ortsteil von Rapperswil-Jona.

5Juchart: Seit 1838 entsprach eine Juchart in der Deutschschweiz 36 Aren.

6Vermutlich Lutz (Vorname nicht ermittelt) (1804?–1883), Anwalt in Rheineck.

7Der Luzerner Grosse Rat sprach sich in der Sitzung vom 24. Oktober 1844 für die Berufung der Jesuiten aus. Im Kanton Luzern wurde darauf versucht, mit einem «Vetosturm» gegen diesen Entscheid vorzugehen, jedoch ohne Erfolg. Vgl. Bossard-Borner, Spannungsfeld, S. 306–307.

8Seit der Auflösung des Doppelbistums Chur/St. Gallen durch den St. Galler Grossen Rat 1833 wurde über das weitere Schicksal des Bistums debattiert. In den Grossratsverhandlungen vom 21. Oktober 1844 und vom 14. November 1845 wurde das Konkordat über die Errichtung eines Bistums St. Gallen angenommen. Nach weiteren Unstimmigkeiten zwischen Rom und St. Gallen betreffend die Bischofswahl genehmigte der St. Galler Regierungsrat am 14. Mai 1847 die päpstliche Bulle zur Reorganisation des Bistums St. Gallen. Vgl. Helvetia Sacra, S. 1002–1007; Gschwend, Bistum St. Gallen.

9Apostat: Abtrünniger; Exkommunizierter.

10 Huldrych Zwingli (1484–1531), Zürcher Reformator.

11 Johann Caspar Bluntschli (1808–1881), ordentlicher Professor für römisches, deutsches und schweizerisches Recht an der Universität Zürich, Regierungs- und Grossrat (ZH).

12 Hans Conrad von Muralt (1779–1869), Bürgermeister (ZH).

13 Ulrich Zehnder (1798–1877) konnte die Bürgermeisterwahl vom 17. Dezember 1844 in einem Kopf-an-Kopf-Rennen gegen Bluntschli für sich entscheiden. Vgl. Zehnder, Vierziger Jahre, S. 76–78.

14Gemeint sind Alexis Theodor Aepli (1814–1896), Arzt in St. Gallen, und Alfred Johannes Aepli (1817–1913), Pfarrer in Schönengrund.

15 Benjamin Brändli (1817–1855), Kanzleisekretär des Bezirksgerichts Zürich.

16Personen nicht ermittelt.

17Ergänzung am Rand der zweiten und dritten Seite.