Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0330 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Dienstag, 15. Oktober 1844

Schlagwörter: Rechtliches, Reisen und Ausflüge, Religion, Wahlen

Briefe

Glarus den 15. Oktober 1844.

Mein theurer Freund!

Ohne Zweifel bis du nun nach Hause zurückgekehrt, nachdem du nach meiner Abreise von Appenzell noch einige frohe Tage daselbst verlebt habe wirst. Zu deiner u. meiner Beruhigung kann ich dir sagen, daß ich, so wehe es mir auch thut, eine Erholungszeit abzukürzen, welche auf meine Gemüthsstimmung einen so wohlthätigen Einfluß hatte, nun doch recht froh bin auf die Synode hierher gekommen zu seyn. Beschränkten sich auch die Geschäfte auf Vorbereitungen u. Wahlen (welche nicht ganz nach meinem Sinne ausgefallen sind, woran indeßen auch Ablehnungen einige Schlud tragen), so war es für mich doch höchst intereßant, ein so eigenthümliches Institut, an deßen Schöpfung ich lebhaften Antheil genommen, in's Leben treten zu sehen u. den in den Mitgliedern waltenden Geist gleich von Anfang an kennen zu lernen, worüber namentlich die Diskußion über die Oeffentlichkeit der Verhandlungen, welche zuletzt den Sieg davon trug, intreßante Aufschlüße gewährte. Auch war es mir besonders angenehm, einmal an der Seite meines lieben Zwicki, der an allen Geschäften sehr thätigen Antheil nahm, in einer Behörde zu sitzen. An unsern Aufenthalt in Appenzell denke ich übrigens mit größtem Vergnügen zurück, besonders weil wir Anlaß hatten, uns so ungestört u. frei über alle wichtigern Fragen der Zeit zu unterhalten, wobei ich fand, daß wir| beide uns in unsern politischen u. religiös-kirchlichen Grundansichten bedeutend genähert haben, u. dann auch weil Aepli einen Tag bei uns war, mit dem ich so gerne die alte Freundschaft unterhalte, was aber bei ihm bloß auf dem Wege persönlicher Zusammenkünfte möglich ist. Die Tage in Appenzell waren in dem trüben u. düstern Herbste, den mir dieses Jahr gebracht hat, ein glänzender Lichtpunkt; leider aber hatte ich auch nach meiner Zurückkunft neue Unannehmlichkeiten zu erfahren. Ich meine damit den Artikel im Beobachter, abgedruckt aus dem «Volksfreunde», den du wohl gelesen haben wirst; dieser ist es auch zunächst, was mich bewegt, dir so bald wieder zu schreiben. Wie aus einer, im Beobachter weggelaßnen Schlußstelle besonders deutlich erhellt, ist derselbe vorzugsweise gegen meine Person gerichtet; die von mir vermuthete Quelle dieser Einsendungen habe ich Dir bereits angegeben; es ist möglich, daß nicht der Bezeichnete selbst sie schreibt, ohne Zweifel aber entstehen sie unter seinem Einfluße. Es wäre nun natürlich von meiner Seite ein verkehrtes Beginnen gewesen, den von den boshaftesten Verdächtigungen strotzenden, jedoch durch seine perfide u. leidenschaftliche Sprache sich selbst charakterisirenden Artikel Punkt für Punkt zu widerlegen, zumal die Glarner-Zeitung in ihrer nächsten Nummer dieses thun wird; dagegen hatte ich große Lust, in einem kurzen Inserate die verläumderische Behauptung, es hätten sich die Angaben des Civilgerichts durch Zeugenverhör als unwahr erwiesen, als gemeine Lüge zu bezeichnen. Was mich davon abhielt, war einerseits der Gedanke, daß ich in dieser Geschichte durch eine verlängerte Zeitungsfehde jedenfalls nicht viel gewinnen könnte, u. anderseits ein, durch die letzten Erfahrungen hervorgerufnes Mißtrauen in unsre Justiz, welche bei einer allfälligen Injurienklage das appellationsgerichtliche Urtheil, welches sich| allerdings auch auf Zeugendepostionen beruft, auf eine mir ungünstige Weise hätten auslegen können. Indeßen wenn ich dich auf meine Ehre versichern, daß die (höchst sonderbarer Weise!) vor Appellationsgericht einvernommnen Zeugen unsern Angaben nicht widersprechen, daß überhaupt gar nichts Faktisches, sondern bloß das rechtliche Moment, d. h. die Auslegung der Sportelngesetze streitig war. Ich melde dir dieses ausdrücklich, weil wir jenen Punkt in unserm Gespräche in Appenzell nicht berührt haben u. damit du darüber meinen Bekannten, welche sich für die Sache intreßiren solten, Aufschluß geben könnest. Merkwürdig war übrigens im Beobachter die Einleitung: er schien mich schonen zu wollen, hat mich nun aber durch die Aufnahme der boshaften Correspondenz erst recht weit von seiner Parthei weggestoßen.

Ueber meine Reise nach Paris habe ich reiflich nachgedacht u., so angenehm u. wichtig mir auch nachher deine Gesellschaft wäre, doch gefunden, daß es jetzt gerade der geeignetste Augenblick für mich sey, mein Vorhaben auszuführen. Da ich später nur ein bedeutenderes Amt wieder übernehmen werde, so wäre es dann zwar nicht unmöglich, wohl aber etwas unschicklich, sich für längere Zeit aus den Geschäften zu entfernen, u. wie sehr man hier in allen Dingen auch den äußern Anstand wahren muß, um nicht sogleich seinen Feinden erwünschten Stoff zu bieten, habe ich in der letzten Geschichte erfahren. Zugleich würden dann mit Bezug auf den Zeitpunkt u. allerlei Nebenumstände gewiß weit mehr Schwierigkeiten entstehen, als gegenwärtig, während gerade für diesen Winter einige Gefahr zu versauern für mich vorhanden wäre, wenn ich mich beinahe ganz auf mein Studirzimmer beschränken müßte. Zudem bin ich gerade noch in dem rechten Alter, um etwas Neues zu lernen; vielleicht wäre dieses später weniger der Fall. Ich bin demnach entschloßen, wenn inzwischen keine Schwierigkeiten eintreten, etwa um die Mitte Dezember's nach Paris zu verreisen. Vorher werde ich nun natürlich nicht mehr nach Zürich kommen.

Empfehle mich deinen verehrten Eltern u. empfange, nebst Grüßen von meiner l. Frau, die herzlichsten von

deinem treuen

J J Blumer-Heer.|

P. S. Dürfte ich dich wohl an eine frühere Bitte erinnern, mir von der Stadtbibliothek Lichnowsky's«Geschichte des Hauses Habsburg» (vorläufig wenigstens den ersten Band) einmal für wenige Wochen zukommen zu lassen? Ich bedarf dieses Werkes für meine rechtsgeschichtl. Arbeit.

Kontexte