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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0324 | FA Tschudi

In: Strobel, Jesuiten, S. 667–668 (auszugsweise)

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag / Montag, 21. / 22. Juli 1844

Schlagwörter: Aufstände und Umsturzversuche VS, Berufsleben, Freundschaften, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Krankheiten, Landrat GL, Privatdozenturen, Rechtliches, Reisen und Ausflüge, Religion, Tagsatzung, Wahlen

Briefe

Glarus den 21./ 22. Juli 1844.

Mein theurer Escher!

In mein glarnerisches Stillleben wieder vollständig eingehaust, will ich es nun nicht länger anstehen lassen, wieder ein Lebenszeichen von mir zu geben u. vor Allem aus dir u. deinen verehrten Eltern für den freundschaftlichen Empfang, den Ihr uns bei unsrer zweimaligen Durchreise durch Zürich zu Theil werden ließet, auf's herzlichste zu danken. Ich kann dich versichern, daß meine l. Frau sich in deiner Familie immer mehr heimisch fühlt u. mit mir die Stunden, welche wir in Belvoir verlebten, zu den angenehmsten unsrer Reise zählt. Mich hat es besonders gefreut, neben den l. Deinigen jedesmal auch mehrere meiner Freunde, in deren Gesellschaft ich mich immer sehr glücklich fühle, bei dir versammelt zu sehen, u. ich bedaure nur, daß am letzten Abende nicht alle deiner Einladung gefolgt sind. Daß ich nicht jeden besuchen konnte, werden hoffentlich diejenigen begreifen, denen du sagst, wie kurze Zeit ich mich in Zürich aufhielt, daß ich meine Frau bei mir hatte u. fast immer eingeladen war.

Und nun, wovon soll ich dir schreiben? Unser letztes Zusammentreffen hat keineswegs den Eindruck in mir zurückgelassen, daß wir über alles Intressante uns mündlich besprochen haben u. daher wenig Stoff zum Schreiben mehr übrig bleibe; die Zeit war zu kurz dazu, u. wir waren beinahe nie allein, was doch unumgänglich nothwendig ist, wenn | man recht offen, einläßlich u. gründlich über alles sprechen soll. Von meiner civilrichterlichen Praxis werde ich dir indessen jedenfalls nicht schreiben, da sie besonders gegenwärtig so uninteressant als möglich ist. Ebenso glaube ich auch, daß dich meine jetzigen litterarischen Beschäftigungen nicht sehr intressiren würden; denn ich arbeite, wie dir wohl bekannt ist, in meiner freien Zeit fast unausgesetzt an meinen Beiträgen zur Beschreibung des Cantons Glarus, um der übernommnen Aufgabe nun sobald als möglich mich zu entledigen. Unangenehm ist mir zwar diese Arbeit gerade nicht, weil ich dabei über Manches, was ich in meinen praktischen Verhältnissen gar wohl brauchen kann, gründlich belehrt werde u. einzelne Theile derselben (z. B. die Geschichte der Verfassung) sich doch auch recht interessant behandeln lassen; jedoch entbehrt sie jedenfalls des Begeisternden u. Anregenden, welches in einem bedeutenden wissenschaftlichen Ziele liegt. Du weißst, daß ich ein solches in meinem beabsichtigten rechtsgeschichtlichen Werke vor mir habe; über dieses mag ich dir aber auch nicht schreiben, so lange ich nicht ernstlich daran arbeiten kann. So bleibt mir denn nur ein Gegenstand als geeigneter Stoff zu einem Briefe übrig; es ist der nämliche, über den es mich auch vorzugsweise drängt, dir einmal zu schreiben: mein gegenwärtiger politischer Standpunkt. Dich wird derselbe am meisten intressiren, denn es scheint mir, dass du dich in der letzten Zeit mehr als je vorher mit Politik beschäftiget hast, u. mir ist es Bedürfniß, sowohl dich darüber in's Klare zu setzen, als auch durch das Niederschreiben meiner Gedanken mir selbst klarer zu werden. In der Regel leben wir hier in Glarus, abgesehen von persönlichen Abneigungen, die sich überall geltend machen, ziemlich einträchtig neben einander; in innern Angelegenheiten lassen sich wohl verschiedne Ansichten, durchaus aber nicht verschiedne Partheien unterscheiden, indem die Gebildeten über dasjenige, was unserm Canton frommt, im Wesentlichen einverstanden sind u. nur das Volk oft dem Bessern hemmend in den Weg tritt. Dagegen treten zwei Partheien allerdings in bedeu| ternden eidgenössischen Fragen hervor; die erste solche, welche im Landrathe, seitdem ich Mitglied desselben bin, verhandelt wurde, war die neueste Walliserfrage, denn die Klosterfrage war bereits vor meinem Eintreten für uns wenigstens erledigt. Dazu kommen nun noch eine sehr bewegte Tagsatzung u. das Basel'sche Schützenfest, welches so lebhaft die Preße u. das Publikum beschäftigt: Gründe genug, um in der Tagespolitik wieder eine etwas festere Stellung einzunehmen, wie man, wie du aus dem Gesagten bei mir begreiflich finden wirst, sich längere Zeit etwas neutral u. vielleicht eben dadurch etwas schwankend verhalten hat. Wollte ich nun einzig auf die Farbe sehen, welche gegenwärtig bei uns Trumpf ist, so müßte ich ein recht unbedingter Radikaler werden; ich müßte alle, auch die extremsten Schritte der Radikalen in andern Kantonen billigen u. unterstützen, dürfte weder an der oft etwas conventartigen Aargauer Politik noch an Basellandschaftlichen Instruktionen u. Volksreden noch an Bernerischem Kantönligeist noch an den unläugbaren Exzessen der «jungen Schweiz» irgend etwas anstößig oder tadelnswerth finden; ja ich müßte, um der politisirenden Menge recht zu gefallen, an Schützen- u. Sängerfesten in «feurigen Reden» u. «donnernden Toasten» meine Ansichten so oft als möglich kund geben. Würde mich dagegen ein gewisser Eigendünkel oder Ehrgeiz plagen, einmal zu versuchen, ob nicht durch meine Hülfe eine Minorität zur Majorität werden könnte – was in unserm Landrathe bei den vielen Unentschiednen sehr leicht möglich wäre –, so hätte ich mich an die sehr geschwächte, bei uns durchaus rechtliche, aber, weil vorzugsweise aus ältern Männern bestehend, muthlose u. oft inkonsequente konservative Parthei anzuschliessen u. allenfalls in Zürich meinem Verhaltsbefehle einzuholen. Keines von beidem könnte ich mit meiner Ueberzeugung, mit meinem Gewissen vereinigen. Ich gehöre grundsätzlich der liberalen Parthei an, ich huldige aufrichtig u. unbedingt den wahren Fortschritten, welche sämtliche regenerirte Kantone seit 1830 gemacht haben, u. wünsche sehnlichst, daß sich – wozu leider! jetzt so wenige Aussichten vorhanden sind – an dieselben bald das wichtigste von allen, eine verbesserte Bundesverfassung anschließen u. mehr Einheit u. Kraft unser | schweizerisches Staatsleben durchdringen möchte. Ich glaube namentlich, daß im gegenwärtigen Augenblicke, wo eine ultramontane Parthei so keck ihr Haupt erhebt u. sich auszubreiten trachtet, es Pflicht der Regierungen sey, ihr mit Entschiedenheit entgegenzutreten, anstatt mit ihr zu liebäugeln u. auf beiden Achseln zu tragen. Aber ich bin zugleich auch der Ansicht, daß man Schritte, welche offenbar die Mehrzahl der katholischen Bevölkerung beleidigen u. aufregen müssen, wenn sie zu Nichts führen, ganz unterlassen, wenn das Staatsinteresse sie durchaus erheischt, wenigstens nur mit möglichster Schonung confessioneller Begriffe u. Verhältnisse ausführen, daß man auch in protestantischen Kantonen in religiösen wie in gesetzgeberischen Fragen das Volksbewußtseyn möglichst berücksichtigen u. jede Verletzung desselben vermeiden, daß man endlich einen allgemeinen schweizerischen Bürgerkrieg, an dessen Rande wir wohl schon mehrmals geschwebt haben u. auf den Manche zu lauern scheinen, nicht provoziren, sondern nach Kräften verhüten sollte, da der Sieg der guten Sache unsicher, dagegen fremde Einmischung beinahe mit Gewißheit vorauszusehen wäre. Diese Ansichten bewegen mich, den liberalen Standpunkt zwar nie zu verlassen, wohl aber manchen radikalen Uebertreibungen, die der Sache des Fortschrittes selbst am meisten schaden müssen, offen entgegenzutreten. So stehe ich freilich oft vereinzelt da u. werde nicht so bald Haupt einer Parthei werden können, wie mir überhaupt der «Verschwörungsgeist» gänzlich mangelt; aber nur durch diese Selbstständigkeit, welche sich einzig durch ruhige Ueberlegung leiten u. weder durch die Rücksicht auf Volksgunst noch durch freundschaftliche Beziehungen bestechen läßt, kann ich meinem Gewissen genügen. Dies ist mein politisches Glaubensbekenntniß; ich bin überzeugt, daß du es in manchen Stücken billigen wirst, weiß aber auch, daß wir nicht in allen Fragen, welche die bewegte Zeit täglich aufwirft, zusammenstimmen werden, da du von Natur entschiedner, durchgreifender gestimmt bist als ich. Es ist aber eben gut, daß man sich im voraus die allgemeine Richtung, welche man einschlägt, nicht verhehle; dann können auch Differenzen in einzelnen | Punkten nicht befremden u. der Freundschaft keinen Eintrag thun. Du wirst auch, wenn du zwischen deinem Standpunkte u. dem meinigen einigen Unterschied finden solltest, die Verschiedenheit der kantonalen Verhältnisse, in denen wir leben, berücksichtigen; ich habe die meinigen absichtlich etwas näher hervorgehoben u. könnte dir, wenn ich vollends auf die Persönlichkeiten zu sprechen käme, zu meiner Rechtfertigung noch Manches anführen.

Während ich Vorstehendes schrieb, erhielt ich deinen vorgestrigen Brief, einen neuen Beweis deines unbegränzten Zutrauens gegen mich, den ich nicht genug zu schätzen weiß! Einen Rath kann ich dir indessen, wie ich dir schon mündlich in einem ähnlichen Falle sagte, unmöglich ertheilen, da ich wohl dich genau, aber Euern gegenwärtigen Großen Rath nicht hinlänglich kenne, um beurtheilen zu können, ob du darin mit Erfolg wirken könntest. Es liegt unläugbar viel Wahres in deinen Ablehnungsgründen; doch ist mir die Voraussetzung, auf welche sie sich vorzugsweise stützen, daß du nämlich schon bei deinem Eintritte in den Gr. R. als Partheihaupt auftreten solltest, einigermaßen aufgefallen. Ich glaube, billiger Weise könnte man einstweilen von dir nicht mehr verlangen, als daß du eine tüchtige Stütze der liberalen Parthei im Gr. R. werdest; mit der Zeit würde es sich dann, u. gewiß bald, von selbst ergeben, daß du Haupt derselben würdest. Es giebt aber Eigenschaften des Parheihauptes u. überhaupt des Staatsmannes, welche man nicht im Studirzimmer, sondern eben vorzugsweise nur durch die Theilnahme an öffentlichen Verhandlungen sich aneignet; diese macht auch am besten auf die Lücken aufmerksam, welche man noch in seinen praktischen Kenntnissen auszufüllen hat. Solche Gründe mögen auch Keller bewogen haben, dir die eventuelle Annahme einer Großrathswahl anzurathen; ein Rath, den du jedenfalls sehr zu berücksichtigen hast. Gegen die Annahme scheint mir vorzugsweise der Grund | zu sprechen, daß du dadurch zu einer Zeit, wo du, um als Dozent u. überhaupt als Gelehrter eine ehrenvolle Stellung einnzunehmen, in wissenschaftlicher Beziehung noch ziemlich viel zu arbeiten hast, deine Kräfte vielleicht allzusehr zersplittern würdest. Du siehst aus diesen widersprechenden Gedanken, welche ich dir mittheile, daß ich zu einem bestimmten Rathe nicht befähigt bin; ich glaube auch, du werdest am besten thun, deiner eignen innern Stimme zu folgen, da Jeder sich u. seine Verhältnisse selbst am besten kennen muß. Nur das möchte ich dir rathen, im Falle einer Ablehnung nicht ein förmlich motivirtes Schreiben an die Wähler abgehen zu lassen, da das Publikum deine Gründe nicht verstehen würde, die Gegner aber ohne Zweifel eine Art von Ziererei darin erblicken würden. Wenn du ablehnen willst, so muß es dir daran gelegen seyn, daß die Sache so wenig als möglich Aufesehen errege, u. diesen Zweck erreichst du wohl am besten, wenn du dich auf mögliche längere Abwesenheiten berufst. Auch hierüber könnte dir indessen ein ältrer Freund einen bessern Rath als ich ertheilen.

Es freut mich, daß du, gerade wie ich, unser letztes Zusammentreffen für ungenügend für den freundschaftlichen Gedankenaustausch gefunden hast. Wir müssen uns jedenfalls nächsten Herbst, u. zwar wo möglich für etwas längre Zeit, noch einmal sehen. Das Nähere wird die Zeit mit sich bringen. Setze mich jedenfalls von deinen Plänen hinsichtlich einer kürzern oder längern Entfernung von Hause, sobald du selbst darüber mit dir im Reinen bist, in Kenntniß. – Herzlich bedaure ich das fortdauernde bedenkliche Uebelbefinden deiner l. Mamma, u. leid thut es mir aus deinem Briefe zu erfahren, daß auch dein l. Papa sich wieder unwohl befinde. Schreibe mir recht viel über die Gesundheitsumstände deiner beiden, mir so theuern Eltern. Meine Frau u. ich lassen sich ihnen, unter herzlichen Wünschen für ihre baldige Genesung, | wie auch deiner Frau Schwester bestens empfehlen. Grüße mir alle meine Freunde in Zürich, gesehen u. nicht gesehen. Herzliche Grüsse an dich von meiner l. Frau und von

deinem

J J Blumer.

P. S. Gegenwärtig befinden sich im Stachelbergerbad Dr. Rahn-Escher u. Dr. Zehnder mit einander. Die werden sich gegenseitig schöne Gesichter machen! – Streif ist wohl u. läßt dich grüßen. Ebenso Zwicki, der in der nächsten Woche noch in ein Bad gehen wird. – Sage doch Sinz, er möchte, wenn er nach Chur geht, den Umweg über Glarus machen. Verzeihe diesem Briefe, bei dem ich mehrmals unterbrochen worden bin, daß er an mehrern Stellen nicht sehr fließend u. zusammenhängend geschrieben ist.