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Korrespondenz: Alfred Escher – Johannes Honegger

AES B0323 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#274*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 12 | Jung, Aufbruch, S. 196–198 (auszugsweise)

Johannes Honegger an Alfred Escher, Chur, Dienstag, 9. Juli 1844

Schlagwörter: Berufsleben, Freundschaften, Mittwochgesellschaft, Universitäre Studien

Chur den 9ten Juli. 1844.

Mein Lieber!

Ich hatte in den letzten Wochen bisweilen recht düstere Stunden. Vielleicht mochte es daher kommen, daß beim Herannahen der Jahresferien ich zu bemerken glaubte, daß meine Kräfte nach u. nach ausgehen, daß ich einer Erholung bedürfe u. einer Kräftigung unter einem andern Himmel, unter einer andern Umgebung, sei es unter einer seit lange mir lieb gewordenen, sei es unter einer völlig neuen. Du thätest Unrecht, wenn du aus diesem Bekenntniß auf eine Unzufriedenheit mit meiner Lage schließen wolltest: sie sagt mir, je mehr ich mich in meinen Wirkungskreis, in meine Umgebung, in die einsame Stille meines Studirstübchen hineinarbeite, immer in höherem Grade zu. Aber der Gedanke, auf einige Zeit den Schulstaub abschütteln, sich mit einem wahren Behagen in der freien u. frohen Luft baden zu können, weckt in dem Herzen eines Schulmeisters gar wonnigliche Gefühle. Doch diese Betrachtungen waren es nur zum mindesten Theile, die meine sonst immer heitere Stimmung einigermaßen verdüsterten. Es war vielmehr das niederschlagende Gefühl einer Einsamkeit von Außen her, eines Verlassenseins| von Freunden, ohne deren lebendiges Mitgefühl, ohne deren aufmunternden u. belebenden Zuruf die Sonne aus meinem Leben weichen würde: es war mir gar erschrecklich lange kein Sterbens-Wörtchen von der Hand eines geliebten Freundes zugekommen. Ich bin nun einmal so. Seit ich in das akademische Leben eingetreten bin, wandelte ich mit immerfrohem u. heiterm Blicke an der Hand treuer u. geliebter Freunde; jede Periode meines akademischen u. nachakademischen Lebens könnte ich mit dem Namen eines Freunds bezeichnen: das Wenige, was ich geworden bin, verdanke ich ihnen. Ich hatte mir in den schönen Stunden jener poetischen Zeiten gedacht, alle damaligen Freuden u. Genüsse der Freundschaft seien nur ein Vorspiel: erst im Drange des wirklich practischen Lebens müssen u. werden jene schönen Blüthen sich zur vollen u. reifen Frucht gestalten. Diese Hoffnung, diesen Glauben habe ich behalten; an ihn werde ich mich in Stunden der Noth anklammern, u. sollte auch eine Täuschung nach der andern mein Herz bluten machen: er wird mit mir ins Grab steigen. Das sind glücklicher Weise für jetzt Alles nur Suppositionen: ich habe die Noth noch nicht kennen gelernt, jene bittern Täuschungen auf dem Gebiete der Freundschaft noch nicht erfahren. Aber item1, das ist u. bleibt mein Glaube!

Als ich jene düstere Stimmung im Stillen mit mir herumtrug, erhielt ich, nicht einen Brief, ein Brief2 | Paquet von dir. Beim Anblicke der bekannten Züge der Aufschrift, durchzuckte mich ein Gefühl der Freude u. des Schmerzens. Mir bangte vor den Donnerkeilen des olympischen Zeus: hatte ich ja doch der herben u. herbsten Vorwürfe wegen meiner frühern – Schmalheit die Hülle u. Fülle verdient. Aber statt Groll, Bitterkeit, Vorwürfen fand ich nur – Liebe! Beschämt u. zerknirscht athmete ich tief auf; diese Liebe überwältigte mein ganzes Wesen u. es blieb mir nur ein Gefühl, das Gefühl einer heitern u. ungetrübten Freude.

Es war eine Periode meines Lebens – dein Name ist die Ueberschrift derselben –, wo ich eine gar große Freude an Verschwörungen hatte. Diese Verschwörungssucht verfolgt mich gegenwärtig gewaltiger u. unaufhaltsamer als je. Ich hege jetzt noch die vollendete Ueberzeugung, daß in allen Dingen voraus aber auf dem Gebiete der Politik, nur auf diesem Wege etwas Erkleckliches erzielt werden könne. Als wir an jenem Maisonntage auf der Impériale einer Diligence von Paris nach Versailles fuhren, war die zukünftige Gestaltung unsrer politischen Thätigkeit das Thema unsrer Besprechung. Du geruhtest damals, den Spröden zu spielen, wie es mir schien, nicht ohne Absicht. Du wolltest aus meinem Munde die Beweisführung hören, daß du aus zerschiednen Gründen| dazu berufen seist, eine politische Rolle zu spielen. Ich glaube, damals das Meinige gethan zu haben, u. ich hegte die stille Hoffnung, daß mein wohlgemeinter Saame nicht auf ein unfruchtbares Erdreich gefallen sei. Würde ich es jetzt noch für nothwendig halten, eine angelegentliche Zusprache wieder aufzunehmen, so würde ich mir keine Mühe, keine Anstrengung reuen lassen, bis du als ein völlig Ueberwundener die Waffen strecken würdest. Du mußt dem Rufe des Vaterlandes folgen; du schuldest es ihm schon als Bürger, u., irre ich mich nicht sehr, so wiederhallt dir aus deinem ganzen Wesen u. aus deiner bürgerlichen Stellung derselbe unabweisbare Zuruf. Wenn, wie Aristoteles3 meint, der Mensch schon an u. für sich ein Ζώον πολιτικόν4 ist, so muß ich dich ohne redens ein Ζώον πολιτικώτατον5 nennen. Hätte ich keinen andern Beweis dafür, so würde dein letzter Brief aufs entschiedenste dafür genügen.

Ich habe dir u. Braendli6, den zu großartigen Verschwörungen geeignetesten Gliedern der Mittwochgesellschaft7, schon oft im Stillen, u. auch laut, den Vorwurf gemacht, daß Ihr Euch der darniederliegenden freien Presse nicht erbarmt. Es kam mir immer vor, als sei dieses das geeigneteste Feld, um Euch auf Eure künftige politische Laufbahn würdig vorzubereiten. Ich kann mir | die Einwürfe, die Ihr dagegen erheben könntet, ungefähr denken; aber ich zweifle sehr daran, daß sie in allweg stichhaltig sein möchten. Ist es denn besser, daß in der Zwischenzeit, bis Ihr Euch selbst für reif u. politisch mündig zu erklären geruhet, dem kärglichen fruchtbaren Boden, den die Taktlosigkeit unsrer liberalen Publicisten noch nicht versengt u. gänzlich verwüstet hat, noch vollends alle kerngesunden Nahrungssäfte entzogen werden? Oder seid Ihr gemeint, ganz ruhig u. unthätig in Eurer wissenschaftlichen Feste zu verharren, bis die Stimme des Volkes voll ertöne u. Euch zu Leitern u. Wahrern seines Glückes berufe? Hat nicht eben dieses Volk ein Recht, zu erwarten u. zu verlangen, daß Ihr die Reinheit u. Festigkeit Euers Willens, den Nerv Eurer Thatkraft vorerst aufirgend eine Weise, u. zwar am ehesten auf dem Felde der Publicistik bethätigt? Aber es gibt auch Mittel, einen künftigen Vaterlandsbegleiter malgré lui zum Publicisten zu stempeln.

Ich verspürte etwa auch schon den Kitzel, donnernde Philippiken8 in Zürcherische Blätter einzusenden. Aber in welche? Ich hätte gegen jedes meinen Theil zu sagen. Dann fiel es mir ein, in den «Freien Rhätier» von Zeit zu Zeit polemisirende Artikel zu schreiben u. darin beide Zürcherische | Parteien nach Verdienst zu geißeln. Ich dachte mir, daß früher oder später von solchen Artikeln in Zürich Notiz genommen werden müßte, daß sie somit allmälig irgendwelchen Einfluß sich erringen könnten. So ließe sich vielleicht auf eine Umgestaltung der liberalen Partei in Zürich hinarbeiten: in verwandter, wenn auch viel umfassenderer Weise hat einst die Appenzeller Zeitung auf den Ctn. Zürich gewirkt. Einen solchen Anlauf nahm ich in n. 41 des «Freien Rhätiers» in einem Artikel9, in dem du die Grundgedanken deines letzten Briefes10 erkennen wirst. Verschiedene Gründe hielten mich eine Zeitlang ab, in dem gleichen Sinne die politischen Erscheinungen im Ctn Zürich zu beleuchten. Vorige Woche wollte ich mich eben wieder aufs hohe Roß setzen, als ich deinen Brief11 erhielt.

Die Entwicklung deiner politischen Ansichten hat mich in einem Maaße entzückt, wie ich dir es nicht zu schildern vermag. Du brachtest mir zwar nichts Neues, Nichts, das mir nicht schon früher in irgend einer Gestalt durch den Kopf gegangen war. Aber du gabst meinen verworrenen, vagen Ideen einen Leib, du ordnetest sie in ein ungetrübtes, organisches Ganzes; es fielen mir wie Schuppen von den Augen; das manche Alte, früher schon Gedachte wurde durch| die unumstößliche Systematisirung zu einem völlig Neuen. Ich unterschreibe jede Silbe, jeden Buchstaben der von dir entwickelten Ansichten. Aus war es nun mit meinen publicistischen Plänen. Aber da ich mir nun einmal in den Kopf gesetzt hatte, daß geschrieben u. gedruckt werden müsse, so begann ich, den politisirenden Theil deines Briefes – abdrucken zu lassen. Da hätten wir nun – horribile dictu!12 – den Publicisten malgré lui!13

In n. 54 u. 55 des «Freien Rhätiers»14 findest du den ersten, destructiven Theil deines Briefes. Hier habe ich für einmal Halt gemacht, um vorerst von dir die Genehmigung zum Drucke des zweiten, constructiven Theiles einzuholen. Für den Druck des ersten Theiles finde ich keine Entschuldigung nöthig. Es sind Ansichten, zu denen ich in ihrem ganzen Umfange stehe, die ich selbst vorzutragen beabsichtigte aber so gründlich u. eingreifend abzufassen kaum im Stande gewesen wäre. Diesen Theil nehme ich also gänzlich auf meine Schultern.

Mit dem zweiten, constructiven Theile ist es etwas anders. Es ließe sich die Möglichkeit denken, daß du, etwa in einer Broschüre, die Reorganisation der liberalen Partei zu beantragen u. zu beleuchten beabsichtigtest. In diesem Falle wäre eine prämature Veröffentlichung von meiner Seite eine| gewaltige Indiscretion. Hast du aber deine Ansichten nur niedergeschrieben, «um deinem Herzen Luft zu machen»; ist es dir daran gelegen, daß sie irgendwie ihrer Verwirklichung näher gebracht werden, auch wenn deine Autorschaft dabei nicht ans Licht träte, so fahre ich fort, auch den zweiten Theil abdrucken zu lassen. Deine Reorganisation der Partei ist so treffend, so schlagend, so einleuchtend, daß ich nur mit innerm Schmerze auf die Freude Verzicht leisten würde, sie einem größern Publikum vorzulegen. Es müßte irgendwie in Zürich zünden. Wenn du mir also nicht ganz entscheidende Gründe der erstern Art entgegenhältst, so lasse ich weiter drucken, auch auf die Gefahr hin, einen Schelling15'Paulus'schen16 Preß- u. Nachdrucksproceß17 mit dir mir auf den Hals zu laden. Schreibe mir spätestens Samstag ein Paar Zeilen hierüber, wo möglich deine Einwilligung. Erhalte ich am Montag Morgen kein Billetchen von dir, so betrachte ich dein Stillschweigen als Assens18, u. die Fortsetzung des Artikels folgt in der Numer vom Dienstag.19 Thu es mir u. der guten Sache zu Liebe u. spiele mir nicht den – Spröden.

Ich muß schließen. Künftige Woche noch Einiges über den übrigen Inhalt deines lieben Briefes. Unterdessen gehabe dich wohl u. bleibe ferner treu u. gut

Deinem

J Honegger.

Kommentareinträge

1Item (lat.): ebenso; übertragen: wie dem auch sei.

2Briefe nicht ermittelt.

3 Aristoteles (384–322 v. Chr.), griechischer Philosoph.

4Zoon politikon (gr.): politisches Lebewesen.

5Zoon politikotaton (gr.): ein in höchstem Mass politisches Lebewesen.

6 Benjamin Brändli (1817–1855), Kanzleisekretär des Bezirksgerichts Zürich.

7Zur Mittwochgesellschaft vgl. Jung, Aufbruch, S. 195–199; Eschers Aufstieg in der Politik (1842–1848), Zürich: Voller Tatendrang.

8Philippika: leidenschaftliche Rede.

9 Vgl. Der freie Rhätier, 21. Mai 1844.

10Brief nicht ermittelt.

11Brief nicht ermittelt.

12Horribile dictu (lat.): Es ist schrecklich, dies sagen zu müssen.

13Von Honegger erschienen mehrere Artikel im «Freien Rhätier», die auf Briefen Eschers beruhten. Darin werden die Zersplitterung und Desorganisation der Radikal-Liberalen kritisiert und Vorschläge zu deren besseren Vernetzung vorgebracht. Vgl. Der freie Rhätier, 21. Mai 1844, 5. Juli 1844, 9. Juli 1844, 16. Juli 1844, 19. Juli 1844.

14 Vgl. Der freie Rhätier, 5. Juli 1844, 9. Juli 1844.

15 Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling (1775–1854), ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität München.

16 Heinrich Eberhard Gottlob Paulus (1761–1851), Theologieprofessor im Ruhestand.

17 Paulus publizierte 1843 eine Kritik zur Philosophie Schellings, die auf einer Vorlesungsmitschrift basierte. Schelling verklagte Paulus aufgrund des unerlaubten Abdrucks, verlor jedoch den Prozess. Vgl. Paulus, Philosophie; Hollerbach, Rechtsgedanke, S. 46–61.

18Assens: Zustimmung.

19 Vgl. Der freie Rhätier, 16. Juli 1844, 19. Juli 1844.