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Korrespondenz: Alfred Escher – Arnold Otto Aepli

AES B0322 | KBSG VNL 38 : B : 18

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 11 | Jung, Aufbruch, S. 182 (auszugsweise), 188 (auszugsweise) | Strobel, Jesuiten, S. 658 (auszugsweise)

Alfred Escher an Arnold Otto Aepli, Belvoir (Enge, Zürich), Sonntag, 16. Juni 1844

Schlagwörter: Aufstände und Umsturzversuche VS, Jesuiten, Rechtliches, Religion

Belvoir bei Zürich.
16. Juni. 1844.

Mein Lieber!

Du zeigst mir mit Deinem Schreiben1 v. 3t die Ansetzung der Commissionalverhandlung in der Prozeßsache meines Vaters gegen J. M. Curti2 auf den 25sten an, & bist zugleich so freundlich mir zuzureden für diese Verhandlung nach St Gallen zu kommen & mich, falls ich wirklich dazu mich entschliesse, zu Dir einzuladen. Empfange meinen herzlichen Dank für die Fortdauer Deiner freundschaftlichen Gesinnungen gegen mich, zugleich aber auch die Bitte, darum, weil ich Deiner Einladung nicht entsprechen kann, nicht etwa anzunehmen, daß ich Deine unveränderliche Anhänglichkeit nicht gehörig zu würdigen wisse. Freilich könnte ich im Nothfalle mit einem Tage & zwei Nächten die ganze Sache abmachen. Aber dieß wäre mir denn doch zu wenig. Wenn Du während jenes ganzen Tages, den ich in St. Gallen zubrächte, in Commissionen sitzen müßtest, so hätte ich doch in der That blutwenig von Dir. Dazu kömmt, daß ich wegen Besuches, den wir zu jener Zeit haben werden, auch nur einen Tag ungern entbehrt würde & endlich, daß Müller3 nach den weitläufigen schriftl. Mittheilungen, die ich ihm gemacht, meiner nicht bedarf.

Im Herbste hoffe ich Dich jedenfalls in St. Gallen zu sehen. Doch, dächte ich, wäre es nun bald einmal an der Zeit, daß Du Deine Freunde in Zürich wieder ein| mal besuchen würdest. Ich erinnere mich eines gewissen Herren, der bei seiner Abreise von dort äußerte, er denke durchaus nicht, sich in St Gallen zu vergraben: im Gegentheile sei sein fester Plan, hie & da nach rechts & nach links Ausflüge zu machen & bei diesen soll dann Zürich am wenigsten vergessen werden. Dieser Herr ist, seit er dieß gesagt, nie mehr in Zürich zu erblicken gewesen: Dagegen hat er in Gonten Herz- und im Bündtnerlande Bauchweh geholt! So Du diesen Herrn kennen solltest, so sage ihm, ich garantiere ihm, falls er wenigstens auf Belvoir seinen Wohnsitz aufschlagen wolle, in Zürich gegen diese beiden fatalen Leiden!

Hast Du das Bluntschli'sche4 Buch5 gelesen? Du wirst Dich jetzt davon überzeugt haben, was Du geraume Zeit so halsstarrig in Zweifel ziehen wolltest, daß Zürich der Kopf & die andern Cantone der bloße Leib der Schweiz sind! Ja vielleicht bist Du in Deiner Erkenntniß noch weiter gekommen & «begreifst jetzt ganz», daß Zürich, wo der Wegweiser zum rechten Wege zum Weltstaate, dem Gipfel der Entwickelung des Menschengeschlechtes, steht, wo die weltbewegende Frage des Verhältnisses von Staat & Kirche durch die großartige Erfindung, daß der Staat die Kirche heirathen müsse, gelöst wurde, die Vorkämpferin von ganz Europa, der gesammten Menschheit auf dem Gebiete der Cultur ist. Doch, ich will Dir nicht vor| greifen: ich weiß, das es einem, wenn man lange im Irrthume befangen war & nun plötzlich, durch das siegreiche Licht der Wahrheit erleuchtet, dieses gewahr wird, wahres Bedürfniß ist, seine frühere Verstocktheit selbst zu gestehen. Also beichte mir Deine Sünden: ich bin um so geneigter Dir zu verzeihen, da ich selbst auch ein Sünder war, wie Du leider wohl weißt!

Was soll ich Dir von unserer Politik sagen. Die Ereignisse im Wallis haben gewiß jeden liberalen Schweizer mit diesem Unwillen erfüllt.6 Dieses Gefühl war wohl in den meisten stark genug, um in ihnen das Bedürfniß, das Gefühl in eine That heraustreten zu lassen, zu erwecken. Wollte man also die Liberalen der Cantone wieder einmal zu einer Schweizerischen That vereinen, so war der Augenblick gut gewählt. Aber mit dieser That hätte nirgends begonnen werden sollen, bevor die Sicherheit vorhanden war, daß die hauptsächlichsten liberalen Cantone dazu stimmen. Diese Anforderung der Klugheit hat man in der Jesuitengeschichte außer Acht gelassen. Das Resultat davon ist, daß in materieller Beziehung nichts gewonnen wurde und daß der Glaube an die Kraft der liberalen Sache einen neuen Stoß erlitt. Der größte Feind der liberalen Schweiz liegt in ihrer Schweizerischen & kantonalen Desorganisation! Einen einzigen Gewinn könnte die Jesuitensache noch bieten, den, daß der Canton Zürich einmal eine entschiedene Stellung der ultramontanen Partei gegenüber einnähme, daß er also irgend eine über das heuchlerische Bedauern der Existenz des Jesuitenordens heraus gehende Instruction erließe. Der Gewinn läge hier nicht in dem practischen Resultate der Instruction, sondern in der Manifestation der Gesinnung, aus der sie hervorgegangen.

Freilich haben die übrigen liberalen Cantone es dem Ctn. Zürich schwer gemacht, sich bei diesem Anlaße zu ermannen! – Grüße mir von Herzen Deine Brüder7. Dein

A Escher.8

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Vermutlich Joseph Maria Johann Nepomuk Curti (1781–1856).

3Person nicht ermittelt.

4 Johann Caspar Bluntschli (1808–1881), ordentlicher Professor für römisches, deutsches und schweizerisches Recht an der Universität Zürich, Regierungs- und Grossrat (ZH).

5Gemeint ist Bluntschlis 1844 erschienenes Werk «Psychologische Studien über Staat und Kirche». Vgl. Bluntschli, Psychologische Studien.

6Im Kanton Wallis schwelte schon längere Zeit ein Konflikt zwischen der konservativen Regierung und dem radikal-liberalen Verein der «Jungen Schweiz». Im Mai 1844 kam es zu einem gewaltsamen Zusammenstoss zwischen Regierungstruppen und den aufständischen «Jungen Schweizern». 16 der Radikal-Liberalen verloren ihr Leben, 20 wurden verwundet. Dieses «Blutbad am Trient» und die in der Folge einsetzenden Repressionen gegen die beteiligten «Jungschweizer» wurden von weiten Teilen der radikal-liberalen Eidgenossenschaft verurteilt. Vgl. NZZ, 31. Mai 1844, 1. Juni 1844, 2. Juni 1844, 3. Juni 1844, 4. Juni 1844; Fibicher, Walliser Geschichte, S. 129–134; Dierauer, Eidgenossenschaft, S. 655–660.

7Gemeint sind Alexis Theodor Aepli (1814–1896), Arzt in St. Gallen, und Alfred Johannes Aepli (1817–1913), Pfarrer in Schönengrund.

8Ergänzung am Rand der letzten Seite.