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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Tschudi

AES B0320 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#507*

Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, s.l., Samstag, 1. Juni 1844

Schlagwörter: Berufsleben, Freundschaften, Privatdozenturen, Universität Zürich, Universitäten und Hochschulen (diverse)

Briefe

Mein theurer Freund. Recht herzlich freute mich dein lieber Brief vom 16ten März; freilich mußte ich ihn sehr lange erwarten, aber ich habe Geduld gelernt, denn jene schöne Zeit in der ein eifriger Briefwechsel unser freundschaftliches Band inniger knüpfte, scheint ja ganz verschwunden zu sein. Aber du hast dich entschuldigt und dieß genügt. Die Veränderung welche seit unserer Trenung in deiner wißenschaftlichen Thätigkeit eingetretten ist, hat mein lebhaftestes und wärmstes Intereße erregt und ich habe gewiß innig die Stunde gefeiert in der du dein neues Wirken durch eine academische Laufbahn eröffnet hast. Die Gründe, welche dich dazu bewogen haben sind edel und ich hege die festeste Ueberzeugung, daß der Erfolg dich dafür reichlich belohnen werde; aber dennoch steigt hin und wieder ein Zweifel darob in mir auf. Ich sehe einer sorgenschweren bewegten Zukunft für dich entgegen, du bist in den Kampfplatz getretten und mußt gegen zahlreiche, mächtige Gegner ankämpfen, gegen Gegner, die nicht Mann gegen Mann auftretten , die nicht eine offne Stirn dem Feinde darbiethen werden, nein du wirst gegen die gemeinsten Intri guen, gegen Falschheit und Hinterlist, gegen jene Ausgeburten der sogenannten Freiheit, die die unausbleibliche Folge eines krankhaft entarteten Verfassungs systemes sind, streiten müßen. Ich kenne dich zu gut, als daß ich glauben sollte: du werdest dich je als geschlagen zurükziehen wollen, aber ich fürchte, alle deine Anstrengungen werden erfolglos sein, du magst dich anbäumen und nicht weichen, aber es wird umsonst sein! Hüte dich, mein theurer Freund! schreite vorsichtig weiter, du stehst auf Glatteis!

Soviel ich aus öffentlichen Blättern gesehen habe, steht es mit der Univer sität Zürich sehr schlimm. Sie kömmt mir gerade wie ein Frosch vor, dem im Frühjahr die Schenkel abgeschnitten werden, mühsam schleppt er sich auf den vordern Extremitaeten nach dem Waßer hin, lebt da noch einmal auf, um bald seine traurige Existenz zu schließen. Freilich glaubt der Haufe die Schenkel wachsen wieder nach!! Indem Keller seinem Rufe nach Halle folgte, hat er einen glänzenden Beweis seines Verstandes und seiner Umsicht geliefert; er hat sich ein zweites Vaterland gesucht und es gefunden; er hat nur nach reiflicher Ueberlegung einen Schritt gethan, der ihm gewiß von Vielen die bittersten Vorwürfe zugezogen hat; aber er hat nicht allein an die Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch an die Zukunft gedacht und eingesehen, daß da wo alle Bande der Ordnung zerrißen sind und an ihre Stelle eine zügellose Willkühr getretten ist, kein freudiger Erfolg das saure Tagewerk belohnen könne. – Wie ich ver nommen habe, sollen die Schweizer in hier auch den Stein auf Keller geworfen und ihn während seines mehrwöchentlichen Auf enthaltes in Berlin nicht besucht haben! Schon darum hätte ich mögen zu ihm gehen und ihm gratulieren! Durch Müller habe ich gehört, daß Henle & Pfeuffer Nachfolger erhalten haben, von denen der eine (für Anatomie) nicht gerade dazu beitragen werde den Glanz der Univer sität zu heben. – Ehe ich diesen Punkte verlaße, muß ich dir noch etwas mittheilen, was dich intressieren wird. Bobrik ordentlich. Prof. der Philosophie in Zürich hat an Prof. Joh. Müller in hier geschrieben | er möchte sich doch beim Ministerium für ihn verwenden, daß er als Privatdocent nach Königsberg kommen könne!! Müller antworte ihm, er werde sich wohl hüten ihn (Bobrik) durch einen solchen Schritt ins Unglück zu stürzen. – Müller erzählte mir es selbst vor wenigen Tagen. Du wirst natürlich keinen Mißbrauch davon machen, der etwa Müller od. mich compromettieren könnte. Sonderbar bleibt es immerhin daß ein Professor ordinarius von Zürich Privatdozent in Königsberg werden will.

Noch muß ich einer Stelle deines Briefes gedenken, in welcher du sagst du seiest für die Geistesmonarchie; daran habe ich nie ge zweifelt. Daß aber wie du bemerkst, die Geistesmonarchie am besten in einem Freistaate blühen könne, das möchte ich sehr bezweifeln, be sonders wenn in einem solchen die jungen Geistesmonarchen von den Landjägern geprügelt & mit Füßen getretten werden! O Freiheit, o Freistaat! wo die edelsten Gefühle derren der Mensch fähig ist im Drek gewälzt werden, wo ein redliches Bestreben belacht & bespöttelt, eine freie Entwikelung absichtlich gehemmt und unterdrükt wird! Du wirst , mein theurer Freund in mein Odi profanum vulgus am Ende auch noch einstimmen.

Ich habe einen strengen sehr strengen Winter Gott sei dank, nun hinter mir. Ich habe beinahe mehr gearbeitet, als meine Kräfte leisten konnten; denn seit November arbeite ich täglich bei nahe unausgesetzt 17 Stunden & gönne mir kaum so viel Ruhe um etwas meine Augen sich erholen zu laßen. Ich bin aber sehr weit vorgeschritten & blike mit großem Vergnügen auf diese 7 Monate zurük. Freilich werden mir meine Arbeiten unendlich sauer, es wird mir sehr schwer mich in Andere zu denken die das was ich ihnen darbiethe auffaßen sollen, ich bin alzu oft genöthigt, was ich heute geschrieben, morgen wieder ganz umzuarbeiten und bin am Ende weder mit mir noch mit dem was ich geleistet habe zufrieden. Ich habe oft schon muthlos die Feder sinken laßen, da mich die Maße des Materials und die Schwierig keiten die ich mir selbst mache fast erdrüken. Ein alter Spruch von Boileau : Hâtez-vous lentement et sans perdre courage, vingt fois sur le metier remettez votre ouvrage stärkt mich oft wunderbar und giebt mir wieder neue Energie denn ich sehe, daß ich nur durch einen sehr festen unverdroßenen Willen an das Ziel gelangen kann, welches ich mir selbst, freilich etwas entfernt, gestekt habe. Ich fühle fortwährend eine unendliche Sehnsucht, einen fast unbe kämpfbaren Drang, mich von den europäischen Feßeln loszulösen und weit weg zu gehen, am liebsten wieder dahin, wo ich doch die glük lichsten Jahre meines Lebens zugebracht habe. – Ich will gerne Hunger & Durst, Mühseligkeiten und Gefahren ertragen, aber nur ferne von Europa sein! |

Ich habe im Laufe des Winters vier Lieferungen meines Werkes ausgearbeitet die zum Druke bereitliegen; sie umfaßen die Säugethiere. Für die Vögel habe ich sehr ausgedehnte Vorarbeiten gemacht. Die erste Lieferung, die sich nicht durch meine Schuld so lange erwarten läßt, ist hoffentlich nun schon er schienen. Außerdem habe ich in naturhistorischen Zeitschriften Mehrers publiciert, als Vorläufer zu meinem Werke einen Conspectus Mammalium quae in republica peruana reperiuntur etc. Der Conspectus avium wird gegenwärtig gedrukt. In Müller's Archiv habe ich eine kleine Abhandlung über die Urbewohner Peru's gegeben, die sehr viel In treße erregte, besonders da ich meine Ansichten durch die schönsten Belege vertheidigen konnte. In der naturforschenden Gesellschaft & in der Geographischen habe ich mehrmals Vorträge gehalten. – Ich habe alle Ursache mit meiner Stellung hier sehr wohl zufrieden zu sein & erkenne die große Aufmerksamkeit, die mir von allen Seiten zu Theil wird sehr dankend an, aber dennoch ekelt mich Berlin so sehr an, daß ich die Stunden zähle bis ich diese Stadt verlaßen werde, was Mitte August geschehen wird. Von hier aus gehe ich für einen Monat wenigstens nach Hamburg, um in deßen Umgebungen ganz ruhig die Vögel zu bearbeiten & vielleicht gehe ich dann nach Bremen an die naturforschende Versammlung & dann werde ich allmählich nach dem Süden rüken und einen Teil des Winters in München & Wien zubringen um für meine Ornithologie & Herpetologie die nord westlich brasilianischen Sachen von Spix und Natterer zu vergleichen. Ich bitte dich daher sehr mir doch vor August einige Zeilen zu schreiben.

Ich habe hier einen Naturforscher sehr auf dem Striche, wie man zu sagen pflegt; ein Mann, der neben der crassesten Ignoranz & Faulheit, in dem er die Stellung, die für einen wißenschaftlichen Mann, eine der glänzendsten die man sich wünschen könnte, ist, eine seiner israelitischen Herkunft ja immer innewohnende Lächerliche Arroganz verbindet; dieses miserable Subject, welches durch eine gesuchte Nachäffung von Humboldt's Manieren sich Respect zu verschaffen sucht ist der Geheime Medicinalrath Prof. Lichten stein . Damit du nicht etwa glaubst, daß dies nur eine specielle Antipathie von meiner Seite sei, versichere ich dich, daß Männer wie Müller , Ehrenberg , Klug , Erichson etc. nur mit einer gewißen Verachtung von ihm sprechen und es so zu sagen sprüchwörtlich geworden ist, wer sich vor Lichtenst. versteken wolle, müße auf's Zoolog. Museum & wer ihn finden wolle auf die Singacademie gehen; da sucht er nämlich seine erblühte Tochter an den Mann zu bringen! Ich habe mehrmals schon Reibungen mit ihm gehabt, aber er lenkt immer wieder so schnell wie möglich ein, denn er fürchtet sich, man möchte vielleicht etwas über die grenzenlose Unordnung des Museums publicieren, was gewiß nicht unterbleiben wird, wenn er sich nicht sehr anständig beträgt. – Du hast mir in deinem Briefe über mehrere Personen Auskunft ertheilt, aber über eine nicht, die mich doch sehr intressiert, und über welche mir Nach richt zu geben du versprochen hast. Muß ich dem schwachen Gedächtniße zu Hülfe kommen? Denke an Lavey !!! Solltest du im nächsten Herbste nach Appenzell gehen, so grüße mir das freundliche Weisbad. In diesen nordischen Sandwüsten erscheinen jene Thäler wie ein Elyseum. – Daß ich sehr mäßig lebe kann mir als Verdienst ausgelegt werden denn ich opfere meinen Arbeiten alle meine übrigen Neigungen. – Meine herzlichsten Grüße Deinen Eltern, Zwicki und Blumer. An Heer habe ich vor kurzem Buchhändler Gelegenheit geschrieb [...?] Lebe rechtherzlich wohl innig umarmt Dich Dein treuer

v Tschudi

1r Juny 1844.-