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Korrespondenz: Alfred Escher – Johannes Honegger

AES B0319 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#274*

In: Jung, Aufbruch, S. 196 (auszugsweise)

Johannes Honegger an Alfred Escher, Chur, Sonntag, 21. April 1844

Schlagwörter: Berufsleben, Freundschaften, Gymnasien, Mittwochgesellschaft, Universität Zürich

Briefe

Chur den 21ten April. 1844.

Mein Bester!

Heute vor einem Jahr hast du mir in der Ro tonde deinen Brief an J. Escher vorgelesen, in dem du mit freudiger Begeisterung deine neu en, durch Dr. Keller's Anwesenheit in Paris , völlig zur Reife gediehenen wissenschaftlichen Pläne auseinandersetztest. Es war eine jener schönen zahlreichen Stunden, wo wir im geistigen u. ge mütlichen Vollgenusse unsers Zusammenseins mit innerer Behaglichkeit schwelgten. An eine jener un getrübten Feierstunden zu erinnern, genügt sicher lich, um in dir das Gesamtbild unsers Zusammenlebens in Paris wiederum aufzufrischen!

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, wie es kam, daß wir uns während meines längern Aufenthalts in u. um Zürich so selten sahen. Sollte die heimatli che Luft die Lebendigkeit unsrer Gefühle geschwächt haben? Sollte der innere Drang, der uns in Paris so fest an einander kettete, nur die Folge einer Iso lirung von andern befriedigende heimatlichen Ele menten gewesen sein, ohne eine innere selbständi ge Berechtigung? Gewiß nicht! Gewiß beruhten unsre gegenseitigen Gefühle auf einem reinen, ursprünglichen Bewußtsein der Zusammengehörig keit, des Sichineinanderfindens unsrer Seelen u. | unsrer Gesinnung. In Paris zählten wir die Minuten, bis die Stunde des Rendez-vous schlug. Wenn wir am späten Abend die halbe Stadt zu diesem Zwecke durch wandern mußten. Die Entfernung hatte ihr Maaß verloren. Und doch – löse mir das Räthsel! – in Zürich machte mir jeder Gang nach dem Belvoir ordentlich bange. Ich wäre so gern stundenlang in einer finstern Kneipe mit dir zusammengesessen; aber, ich weiß nicht, wie es kam, im Belvoir war ich beengt: ich kam mir selbst fremd vor u. hatte die Beweglichkeit u. Elasticität meiner Gefühle zum Theil eingebüßt. Wie soll ich diesen Wider spruch in meinem eigenen Herzen deuten? Be ruht etwa auch die wahre, sich gleichberechtigt füh lende Freundschaft auf einer communistischen Un terlage? Fordert sie die Gleichheit nicht nur der Ge fühle u. der Gesinnung, sondern auch der auf der socialen Stellung des Einzelnen beruhenden An forderungen an das Leben? Dein ganzes Wesen bürgt mir dafür, daß ich keine Mißdeutung des innern Zwiespaltes, den ich dir hiemit vor Augen geführt habe, befürchten darf. Du findest darin vielleicht Aufschluß über eine etwas beengte Zu rückhaltung, die du in jener Zeit an mir wahrge nommen haben magst.

Nach dieser freimütigen Eröffnung sollte man glauben, die beengenden Schranken wären wie derum gefallen, sobald uns eine nur durch Corre | spondenz zu vermittelnde Entfernung uns wieder auf den Fuß der Gleichheit gestellt hatte. Hier – warum sollte ich anstehen, ein reuiges Be kenntniß meiner Sünden abzulegen? – kam nun die menschliche Schwachheit in die Quere, u. ich habe mir in der That eine «Schmalheit» zu Schulden kommen lassen, die ich in keiner Weise zu be schönigen im Stande bin. Besser, ich lasse es ganz! Müßten die Briefe nicht nothwendig geschrieben werden, könnte man die Gedanken u. Gefühle nur gleich auf das Papier hinzaubern, so hättest du gewiß die untrüglichsten Beweise in reichlicher Fülle erhalten, daß ich unwandelbar mit der gleichen Innigkeit an dir hänge u. stets mit neuer Frische die Erinnerung an deine Liebe pflege.

Unterdessen haben deine wissenschaftlichen Be strebungen auch in weitern Kreisen eine wohl verdiente Anerkennung gefunden. Es hat meinem Herzen wohl gethan, als ich dich u. Rüttimann mit entschlossenem Sinne für eine thatkräftige Hebung unsrer so jämmerlich mißhandelten Hochschule in die Schranken treten sah. Solche Schritte bilden gewiß den wirksamsten u. würdigsten Damm gegen die freventlichen Zerstörungstendenzen, die sich von allen Seiten gegen die so schwer geprüfte schönste Schöpfung der Reformperiode erheben. Deine Feder glaubte ich auch in den ω Artikeln der N.Z.Z. zu entdecken. | Es ist jammerschade, daß das junge Zürich vom Mitt woch nicht recht oft einige kräftige Griffe in die Journalistik thut. Die liberale Presse von Zürich ist so unendlich schmal! Wo soll es am Ende damit hinaus? Wenn auch der Oestl. Beob. recht oft ans Ge meine streift, so ist doch in ihm eine Energie, eine consequente Entschiedenheit, die ich unsern liberalen Blättern wünschen möchte. Was will denn eigent lich die N.Z.Z.? Warum provocirt sie erst, um dann mit einer lauwarmen, nichtssagenden Entgegnung sich wieder vom Kampfplatze zurückzuziehen? Will sie nicht eine warme durchgearbeitete Ueberzeu gung auf den Altar des Vaterlandes bringen; fühlt sie nicht die Kraft in sich, dieselbe mit allen Waf fen des Geistes zu verfechten; will sie nur nichts sagende Tagesneuigkeiten von allen Seiten zusam menlesen, – so mache sie sich den Beruf leichter, u. lasse einfach das Frankfurter-Journal um drucken. Und der Republikaner? Ist darin auch nur irgend eine Spur von einem bewußten Ver folgen bestimmter, durchgebildeter politischer Grund sätze? Statt dessen beutet er mit einem klein lichen Plänkeln miserable materielle Ver stöße aus, u. füttert seine Leser mit ganzen Spal ten solches abgedroschenen Futters. Wenn nicht kräftigere u. befähigtere Hände in die liberale Journalistik eingreifen, so geht am Ende alle | Einigung, der ganze Mittelpunkt unsrer politi schen Bestrebungen zu Grunde. Hier wäre eine schöne Aufgabe für einige Glieder der Mittwoch Gesellschaft, in den immer größer werdenden Riß zu treten! Daraus müßte Heil für das liberale Princip entsprießen. Am tüchtigsten scheint mir noch der liberale Schulbote seine Aufgabe zu erfüllen, wenn auch bisweilen etwas zu derbe. Nur möchte ich ihm einen strengern Purismus in Bezug auf die Anhänger der eigenen Partei wünschen. Sie erweist wahrlich der guten Sache einen schlimmen Dienst, wenn sie die Vertheidigung eines Sieber , die Lobpreisung eines Wild u. Krauskopf übernimmt.

In jüngster Zeit habe ich einen literarisch-politi schen Streifzug gegen Fröhlichs «Deutsch-Michel» ge macht. Braendli wird dir ein Exemplar davon zugestellt haben. Es wäre mir um so angeneh mer, deine Ansicht über diese Arbeit zu verneh men, da ich gewissermaßen mein politisches Glaubensbekenntniß darin niedergelegt habe.

A. v. Planta wird Euch referirt haben, daß vor läufig an eine Geneigtheit Graubündens zum Anschlusse an die Z.-Hochschule nicht zu denken ist. Die Art u. Weise, wie die Züricher sich in der Angelegenheit der Straße am Wallensee, deren Erbauung ebenso sehr im Interesse von Z. als von Chur | liegt, benommen haben, ist keineswegs geeignet, die Graubündner zu einem freundlichen Ent gegenkommen zu stimmen. Von den Theologie Studierenden, die in diesen Tagen Chur, ver lassen, gehen die meisten nach Basel, des unbe fleckten Glaubens u. der Wohlfeilheit wegen.

Binnen wenigen Tagen wird nun deine akade mische Laufbahn beginnen. Wünsche von Herzen eine freudige u. erfreuende Wirksamkeit! Von meinem Leben in Chur magst du schon Manches anderwärts erfahren haben. Einer neuen Sprache, des Französischen, bin ich ledig geworden. Meine Klassen machen mir durch gehends große Freude. Es thut einem Schulmei ster unendlich wohl, wenn er den ausgestreuten Saamen fröhlich aufgehen sieht. Meine frühern entgegengesetzten Erfahrungen haben mich die ses Glück in einem um so höhern Grade schätzen gelehrt. Du solltest einmal sehen, mit welcher Freudigkeit, mit welcher königlichen Würde ich in meinem kleinen Reiche schalte u. walte. Frei lich gibt mir mein Amt ordentlich zu schaffen. Au ßer meinen obligatorischen Stunden lese ich noch mit Auserwählten Sophokles , Herodot u. Livius, u. zerbreche mir mit mit zwei Kollegen den Kopf am Thucydides . Ein jedes macht seine Ansprüche. | Wissenschaftliches Leben im strengern Sinne ist freilich an unsrer Schule nicht viel. Schaelli baum ist der einzige, dem dieses Prädikat in vollem Maaße zukommt. Aber der ist dann wirklich auch ein unerschöpflicher Brunnen. In seinem Umgange liegt eine Fülle von Anregung. Ich brauche dir nicht erst zu sagen, daß wir aufs innigste mit einander verbun den u. in beständiger Wechselwirkung sind.

Es hat mich außerordentlich gefreut, gestern in der Zeitung zu lesen, daß H. Schweizer wie der einen Schritt mehr Boden am Gymnasi um gefaßt hat. Daß ihm aber auch hier wieder sein Gönner Prof. Fäsi zum Theil in die Quere kommen mußte, hat mich wiederum geärgert. Er hätte seinem Schützlinge ganz füglich die Klas se ungeschmälert lassen können.

Du wirst doch die «Jahrbücher der Gegenwart» von Schwegler in Tübingen lesen. Ist dir je mals ein schöneres Product der Publicistik vorgekommen als der Aufsatz von Zeller über den christlichen Staat u. die Wissenschaft? Wenn die Redactoren der N.Z.Z. mit dieser Schärfe den ken, mit einem solchen Griffel schreiben könnten, so hätte die letzte Stunde der Beobachterschen Bedeutsamkeit u. seines Einflusses schon längst ge schlagen. |

Ant. v. Salis , unser Pariser-Genosse, grüßt dich schönstens. Er ist, wie du vielleicht weißt, mit sei ner Cousine , der zweitältesten Tochter von Obst. Plan ta-Reichenau versprochen. Sie ist ein gar nettes Jüngferchen. Aber er – ein eingefleischtes Bünd ner-Phlegma, mit dem über das Wetter hinaus nichts zu reden ist. So sind sie, mit Ausnahme von anderthalb, alle, die Churer Junker, im Alter von 20-30 Jahren, eine kraft- u. saftlose Generation, von der auch nicht ein Funke rüstiger u. rühriger Lebenskraft zu hoffen ist. Du wirst es begreiflich finden, daß ich mich von Anfang an nicht zu den Jungen, sondern zu den Alten geschlagen habe. Jene sind so schmale, langweili ge u. dazu so niederträchtig adelsstolze Bengel! Da lobe ich mir die Alten, Leute von tüchtiger Bil dung u. gediegener Lebenserfahrung: einen F. v. Tscharner (Baseler-Commissär), den außeror dentlich humanen u. halbfreisinnigen Obst. Planta Reichenau , den Erz-Aristokraten u. Pietisten Al bertini . Unter den Churer-Radikalen ist nur ein in alleweg gediegenes u. unbescholtenes Haupt, Bgmstr. Sim. Bavier , der Hauptmotor der Wallen see-Straße: mein Specialfreund.

Was macht Braendli ? Ich weiß seit Langem nichts mehr von ihm. Gedenket meiner in Liebe!

Dein unwandelbar treuer

J Honegger.