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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0317 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Neuenburg, Freitag, 8. März 1844

Schlagwörter: Parteienstreitigkeiten, Privatdozenturen, Universitäre Studien

Briefe

Mein lieber Alfred!

Die nahe Abreise hindert mich nicht, auf deinen lezten Brief der mich in mehr als einer Hinsicht so nahe angeht, zu antworten. Auch ich bedaure im Grunde keineswegs, dß eine solche ernste Diskussion zwischen uns statt gefunden & ich bin der vollen Ueberzeugung, dß wir damit einem diplomatischen modus vivendi wie du sagst, den Abschied gegeben & unsere gegenseitige Stellung um vieles klarer, netter aufgefaßt haben. Die Verschieden heiten in unsrer geistigen Entwiklung neben stets fortbestehender Verwandtschaft in den Hauptgrundlagen des Charakters waren mir seit Jahren nie entgan gen & wenn ich niemals mit Entschiedenheit den Gegenstand zur Sprache brachte oder vielmehr bringen konnte, so geschah es, weil ich selbst in einer langen Krise, in einem nie rastenden Kampfe mit mir selbst mich befand, einer Krise aus der ich erst jezt zu erwachen beginne, mich freuend, dß ich nicht längere Zeit, ja wie so viele mein ganzes Leben ihr zum Opfer gebracht habe. Wenn ich von Gleichheit der Hauptgrundlagen des Charakters rede, so habe ich dafür in dem zweiten Theile deines Briefes wo du deine Ansichten über die Hochschule & die Stellung der Wissenschaft gegen über den politischen Partheien aussprichst einen vollgültigen Beweis. Nicht nur theile ich sie mit dir & den übrigen Freunden deren mir so liebe, an Erinnerung so reiche Namen du mir aufzählst von ganzer Seele & hoffe ich mit Rath & That wieder einer der eurigen zu werden, sondern auch möchte ich schon jezt euch ans Herz legen mit aller Consequenz in Theorie & Praxis den von euch aufgestellten Grundsatz der Befreiung der Wissenschaften von allen äussern Interessen, zumal denen politischer Partheyen zu verfolgen. Möchte ich, der ich ja Gelegenheit hatte die geistige Entwiklung der meisten unter euch zu verfolgen, mich nicht täuschen| wenn ich hier eine reiche Knospe für das Aufblühen einer neuen karakterfestern, sittlich-kräftigern, allseitig-gründlichern & dadurch um so aufgeklärtern Zukunft erblike. Immer deutlicher steht mir vor Augen daß mit dem alten Reise nichts zu machen ist, dß die Partheyen & ihre Führer wie sie einmal sind nach den bittersten Erfahrungen, im Angesichte dessen was bey Ihnen selbst und ausser ihrem Lande vorgeht nichts lernen & nichts vergessen, & ihre Leidenschaften, wo immer nur ein Plätzchen Raum sich findet, ihre Befriedigung suchen. Aus dem Quell wahrer wissenschaftlichen Bildung kann nur Gutes kommen & jeder braucht nur an ihm zu schöpfen um eines dauernden Erfolges seiner Bestrebungen versichert zu sein. Diese wahre wissenschaftliche Bildung aber, zumal wenn sie praktisch, in's Leben des Volkes eingreifend sein soll, verträgt keine Einseitigkeiten irgend welcher Art & hier zeigt sich eine Klippe an der die Bemühungen so vieler Gutgesinnter scheitern. Wie oft hört man nicht sagen, ja ist es nicht Prinzip ausgezeichneter Männer geworden, dß diese oder jene Handlungsweise völlig gerechtfertigt sei, weil sie mit diesem oder jenem, immer von Menschen herrührenden Gesetze, nicht in direktem Wiederspruch stehe, als ob die Gesetze die eine höhere Hand in das sittliche Gefühl eines ganzen Volkes gegraben keine wären weil sie des papiernen Stempels entbehren. Ferne sei es von mir den Aufruhr, gegen diese oder jene Verfassung, dieses oder jenes Gesez zu beschönigen, ich weiß zu gut welchen Theil Heuchelei & Ehrgeiz daran haben. Allein nur zu wahr & durch die Geschichte aller Jahrhunderte bewährt ist es, dß wahre Harmonie aller Glieder eines Staates nur bestehen kann, wenn unter dem Schutze seiner Gesetze die Gesetze der höchsten Wahrheit ihre Ausführung erhalten. ­Ich freue mich aus deinem Briefe zu ersehen, dß dir die Verschiedenheit der Persönlich keit nicht nur meiner, sondern auch deiner übrigen Freunde nicht mehr so störend entgegen tritt & bei reifem Nachdenken über die Heranbildung der menschlichen Natur aus einfachen zu immer verwikeltern Zuständen wirst du gewiss mit mir | einverstanden sein, dß diese Verschiedenheit mit der weitern Ausbildung des individuellen Charakters nothwendig gesezt & eine reichere Quelle des Genusses in freundschaftlichem Umgange ist, als die blinde, einförmige Hingebung im idealisten Traumleben des beginnenden Jünglingsalters sie bieten kann. - Deine Habilitation an der Hochschule hatte ich zu nicht geringerer Ueberraschung als Freuden bereits aus den Journalen erfahren; ich sage mit Freuden weil ich daraus ersehe, dß du nicht durch andere lokendre Plane dich von diesem ernsten Lebenswege abwendig machen ließest, dadurch dß du eine so unerwartete Bresche so schnell auszufüllen beschlossen. Was meine Plane betrifft, so sind sie noch stets dieselben, doch kann ich vor meiner Anwesenheit in Zürich um so weniger etwas über meine Habilitation vorausbestimmen, als ich hier nicht die nöthigen Mittel besaß mich in extenso auf einen speziellen Zweig vorzubereiten & ich meine Zeit ganz dem Studium einzelner spezieller Meisterwerke über die praktische Medizin wiedmete. Bei der strengen Zurükgezogenheit in der ich auch den Winter zubrachte & indem ich alle aktive Theilnahme an Bällen, Conzerten von mir wies, habe ich meine Kräfte wieder gesammelt so dß ich sagen darf, dß in praktischer wie in theoretischer Hinsicht dieser Aufenthalt von entscheidendem Einfluß auf mein Leben sein wird. An Anerkennung hat es mir nicht gefehlt. Bei Castella's Familie habe ich wieder nach einigem Schmollen während des Sommers einen ganz loyalen [wieder?] Empfang erhalten, die kathol. Pfarrer & mit ihnen alle die partheiischen katholischen Diskussionen waren auf immer verschwunden & das Diner das ich am Neujahrstage allein mit der Familie theilte, war eines der gemüthlichsten das ich feierte. Graf Pourtalès, [G...?] der Vorsitzer der Spitaldirektion & Vorgänger von Chambrier als Praesid. des Staatsrathes empfing mich zweimal mit Castella allein zum Diner im Familienkreise auf sehr kordiale Weise; es freute mich dieser Beweis von Anerkennung & Zutrauen um so mehr als mir zum erstenmale von allen meinen Vorgängern diese Auszeichnung zu Theil wurde. Wie sehr ich mich freue nächstens auch wieder in euren Kreiss zu tretten brauche | ich wohl nicht zu sagen. Habe die Güte Stadelmann zu sagen, ich ersuche ihn mich einige Tage vor seiner Ankunft in Neuschatel zu benachrichtigen. – Meine Niederlassungsverhältnisse denke ich wohl am besten in Zürich selbst nach Auf findung eines geeigneten Wohnsitzes zu regeln. Grüße mir noch einmal bestens die Deinigen & meine alten Studiengenossen.

Dein

C. Sinz.

Neuschatel. 8./3. 44.