Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Arnold Otto Aepli

AES B0315 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#87*

Arnold Otto Aepli an Alfred Escher, St. Gallen, Mittwoch, 28. Februar 1844

Schlagwörter: Parteienstreitigkeiten, Privatdozenturen, Rechtliches, Religion, Universität Zürich

St Gallen den 28. Febr. 1844.

Lieber Freund.

Vor allem meinen herzlichen Dank für die gefällige Besorgung meines Auftrages. Den Betrag erhälst du mitfolgend, nach der Berechnung von Bueler. Ich hoffe du werdest ihn richtig finden. Mit Vergnügen vernahm ich aus den Zeitungen, daß du deine Probevorlesung als Privatdozent bereits u. glücklich gehalten hast. Die Universität wird zwar den Verlurst ihrer ältern und bereits durch literarischen Ruf bekannten Lehrer nicht so leicht verschmerzen können, aber immerhin hat sie noch eine Zukunft vor sich, wenn sich die tüchtigsten und durch Verhält niße vorzugsweise dazu befähigten Schüler ihr zu widmen beginnen. Daß Keller einem Rufe nach Halle gefolgt ist, konnte ich ziemlich wohl begreifen: vermuthlich strebt er nach Berlin zu kommen, u. früher oder später wird es ihm ge wiß glücken. - Ich hoffe deine Ferien werden dich auch wieder etwa in unsere Gegenden führen, du werdest dabei aber deine Maßregeln beßer ergreifen u. nicht, wie ein Meteor, dich leuchten laßen und wieder verschwinden, sondern dich wenigstens so lange verweilen, daß man dich gehörig betrachten kann.

Wie ich kürzlich von Müller gehört habe, habet ihr euch in Rapperschwil gesehen. Es freute mich von ihm zu vernehmen, daß er die Sache mit andern Augen betrachtete, als Weder, u. ich darf hoffen, du werdest mit ihm zufrieden sein. | Hier leben wir alleweil wie es die Jahrszeit mit sich bringt und schlagen die langen Abende gedankenlos auf Bällen u. bei Nachteßen todt. Ein wahres Sybariten-Leben, das kaum durch die bereits eingetretenen Fasten unter brochen zu werden scheint! Nebenbei hinkt die Justiz ihren unsichern Gang, also daß man nicht weiß ob sie am Poda gra oder an Hüneraugen leidet, oder ob das Wakeln ihres Gedankenschweren Hauptes sie aus dem Gleichgewicht bringt. Item, sie geht, d. h. sie steht nicht stille, sie brütet die Eier aus, welche prozeßlustige Bürger legen, und sind die Küchlein auch nicht immer wohlgestalten, haben sie doch Fleisch u. Beine, in der Regel wenigstens, u. lernen, was das Beste ist, bald fliegen, so daß sie einem aus dem Gesichte kommen.

Ich möchte wohl wieder einmal nach Zürich kommen, und sehen was die alten Häuser für philisteriöse Gesichter schneiden. Hiezu haben sie da unten von jeher große Anlagen gezeigt. Jezt noch etwas liberal-conservativer Mist zugelegt und diesen mit etwas Berliner Firniß übertünkt werden muß die Saat, die schon früh so viel versprach, herrlich aufgegangen sein. Das Vergnügen in gegenwärtiger Zeit zu leben, in der man mit Bewußtsein und nach Belieben ein Stück Weltgeschichte fabriziren kann, ist in der That groß. Verbietet zwar ein ungünstiges Schicksal das Mitwirken, bleibt einem das Zu sehen und das Bewundern.

Wie ich gehört habe, um auf etwas Anderes zu kommen, ist die Bearbeitung des Zürcherischen Civilgesetzbuches von Bluntschli schon ziemlich weit vorgerückt. Ich habe mit großem Inter eße die Artikel über die Vorsätze u. Betrachtungen der | Redaktion im Beobachter gelesen. Es läßt sich gewiß etwas sehr Tüchtiges erwarten. Hat wohl Herr Bluntschli die Vor arbeiten von Keller (u. solche sind doch vorhanden) auch benutzt? Der Canton St Gallen, der schon früh eine große gesetzgeberische Thätigkeit entwickelt hat (schon nach Ablauf des ersten Lustrums seines Bestehens hatte er ein vollständiges Erbgesetz, deßen Vorzüge heute noch geschätzt werden, einen kriminellen und einen korrektionellen Codex mit besondern Prozeßgesetzen) ist in Beziehung auf ein Civilgesetzbuch sehr unglücklich ge wesen. Zweimal wurden ihm vollständig ausgearbeitete Vorschläge geboten, und beide Male scheiterten sie an der Beschränktheit und dem Eigensinn unserer confeßionellen Behörden. Der immerwährende Kampf des Staates mit den überwuchernden katholischen Elementen, raubt jenem stets viele Kräfte u. viele Zeit u. ist, wie ich glaube, Veran laßung, daß sich in manche neuern Gesetze, wie in die Praxis, ein gewißer Despotismus eingeschlichen hat, eine unmotivirte Härte, die einem gebildeten Staate fremd bleiben sollte. So erklä ren z. B. die evangelischen Ehesatzungen, den Grundsätzen der reformirten Kirche total entgegen, u. um so auffallender, als die paritätischen Ehen durch die Verfaßung ausdrück lich garantiert sind, die evangelischen Ehegerichte überall nur da competent, wo der Mann der reformirten Con feßion angehört, so daß die anerkannten Scheidungs gründe der reformirten Ehefrau eines Katholiken, selbst wenn sie von der reformirten Kirche getraut worden wäre, gar nicht zu Statten kommen.

Ich will dich jedoch mit meinem Geschreibsel nicht länger langweilen, du wirst, jetzt namentlich, deine Zeit beßer anzuwenden wißen. Ich grüße dich, und ersuche dich auch dem Benjamin Brändlin einen herzlichen Gruß zukommen zu laßen. Ich glaube er hat immer noch Musik bei mir liegen u. hoffe aber er werde sie selbst, über kurz od. lang einmal abholen.

Dein

Aepli.