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Korrespondenz: Alfred Escher – Arnold Otto Aepli

AES B0313 | KBSG VNL 38 : B : 18

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 9

Alfred Escher an Arnold Otto Aepli, Belvoir (Enge, Zürich), Samstag, 3. Februar 1844

Schlagwörter: Berufsleben, Privatdozenturen, Universitäre Studien

Mein lieber Abt!1

Beiliegend übersende ich Dir die von Dir gewünschte Abschrift des Keller'schen Civilprozesses des Cantons Zürich.2 Ich hoffe Du werdest die beigelegte Note3 des Abschreibers nicht übersetzt finden.

Wenn ich nicht dächte, Du erwartest das Heft mit Ungeduld, so hätte ich seine Übersendung auf eine Zeit verspart, in der ich weniger beschäftigt bin als es in diesem Augenblicke der Fall ist! Denn gar zu gerne hätte ich bei diesem Anlaße ein wenig mit Dir geplaudert.

Keller & manche andere wünschen nämlich, daß ich mich mit Extrapost als Privatdozent habilitire & daß ich, während ich frühestens nächsten Winter zu lesen anfangen wollte, schon künftigen Sommer zu doziren beginne. Wenn ich Dir nun außerdem noch bemerke, daß ich eine Vorlesung4 zu halten beabsichtige, die ich nicht abschreiben kann, so brauche ich Dir wohl nicht noch erst zu versichern, daß ich vollauf| zu thun habe. In diesem Augenblicke im speziellen bin ich aber sehr in Anspruch genommen, da Keller mir eben anzeigt, daß ich heute über 8 Tage meine Probevorlesung halten solle.

Gewiß wird es Dich, einen Freund unserer Hochschule, freuen zu vernehmen, daß H. Fürsprech Rüttimann sich als Privatdozent für Zürch. Particularrecht gleichzeitig mit mir habilitiren wird. Geib5, der sich nicht zum zweiten Male hintansetzen lassen will, erhält Kellers Professur. So sehr ich Geib's Verdienste anerkenne, so kann ich doch nicht umhin einen Übelstand darin zu erblicken, daß einem Dozenten, der bloß Criminalrecht liest, eine von bloß 3 ordentlichen Professuren übertragen werden muß. Es soll nun eine außerordentliche Professur für Römisches Recht ausgeschrieben & an diese Privatdozent Dr. Fein6 aus Heidelberg, ein Mann der namentlich durch sein Lehrgeschick dort Furor machen soll, berufen werden.

Lebe wohl! Hoffentlich bald einmal ein mehreres von

Deinem

A Escher.

Belvoir.
3. Febr. 44.

Kommentareinträge

1«Abt» ist der Spitzname Aeplis, der vermutlich auf seine St. Galler Herkunft zurückzuführen ist. Vgl. Alfred Escher an Arnold Otto Aepli, 29. September 1840.

2Zu Kellers Reform des Zürcher Zivilprozesses vgl. Schurter/Fritzsche, Zivilprozessrecht II, S. 134–164.

3Beilage nicht ermittelt.

4Escher plante für das Sommersemester 1844 eine Vorlesung zum Thema «Vergleichung des Beweisverfahrens im gemeinen deutschen und im französischen Civilprozesse». Vgl. Verzeichnis Vorlesungen UZH 1844, S. 5; Eschers Aufstieg in der Politik (1842–1848), Absatz 20.

5 Gustav Geib (1808–1864), ordentlicher Professor für Strafrecht an der Universität Zürich.

6 Eduard Fein (1813–1858), Privatdozent an der Universität Heidelberg. – Fein wurde im Sommer 1844 als ordentlicher Professor für römisches Recht an die Universität Zürich berufen. Vgl. Gagliardi/Nabholz/Strohl, Universität Zürich, S. 451–452.