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Korrespondenz: Alfred Escher – Heinrich Schweizer

AES B0312 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#452*

Heinrich Schweizer an Alfred Escher, Rüti (ZH), Mittwoch, 31. Januar, 1. Februar 1844

Schlagwörter: Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Krankheiten, Privatdozenturen, Religion, Universitäre Studien

Briefe

Rüti

31 Januar 1844.
1 Febr.

Mein lieber Herr Doctor!

Auf Deine freundlichen Zeilen vom 31 December a. p. komme ich am 31 Januar a. c. mit meiner Be antwortung bei Dir ein, und ohne Zweifel wirst Du finden, das heiße speditiv und brav sein: und damit bin ich dann wohl zufrieden.

Ich will Dir nicht erst noch sagen, wie herzlich es mich freute, von Dir wieder ein Lebens- und Freundeszeichen zu erhalten und bei diesem Anlasse Näheres von Belvoir zu vernehmen, wo ich so oft u. viel im Geiste verweile. Est angulus terræ, qui mihi præ ceteris ridet. – Dabei fällt es mir manchmal gar schwer aufs Herz, so lange Zeit im Ungewissen zu sein, wie es dort stehe und gehe, und Du wirst mich Dir sehr zum Danke verpflichten, wenn Du mir von Zeit zu Zeit einige Nachrichten von Dir u. Deinen Lieben zukommen lassen wolltest, u. ich versichere Dich: keine Briefe werden mir willkommener sein, als die von Belvoir . Darum empfange meinen aufrichtigen Dank für Deine Zeilen vom Silvester 43, in denen Du mir zumal auch erwünschten Bericht gabest von Dir und den Deinen. Möge Dir der liebe Gott die Eltern noch recht lange erhalten, dem lieben «Ganymedes» auch im steigenden Alter die Rüstigkeit u. Heiterkeit der Jugend schenken und der theuern Mutter die Leiden erleichtern u. sie froh u. rüstig schalten lassen von zuoberst bis zuunterst im großen Hause u. liebreich walten unter Kindern und Enkeln. – Frau Stocker dauert mich, daß die Jubeltage für die Kleinen ihr getrübt wurden durch Armins Krankheit, die hoffentlich glücklich vorüber gegangen ist und den herrlichen Buben nur desto gesunder u. blühender gemacht haben wird. Dein Ebenbild möchte ich gerne einmal sehen; mir dünkt, ich hätte da eine ziemlich competente Stimme abzugeben, ob er dir ähnlich sei. Denn sieh, mein Lieber! Du lebst u. schwebst mir immer aufs lebhafteste vor d. Seele, wie Du als 7, 8 und 9jähriger Knabe gewesen; u. besäße ich Hirnschrots Kunst u. Gabe! Du müßtest zum Sprechen u. Lachen ähnlich abconterfeitet sein, daß Du selbst Deine Lust u. Freude daran hättest. Aber so muß ich armer Laie in d. Kunst in mir behalten, was Gegenstand meiner deutlichsten innern An schauung u. steten herzlichen Liebe ist.

Deine Inaugural-Dissertation sticht meinem l. Kleinen vor allen meiner Bücher in d. Augen, u. so oft er diesen sich nähert, faßt er jene behende heraus. Accipio omen! in ihm steckt ohne Zweifel ein Dr juris [U.?] verborgen; von theologischen Büchern nimmt er wenig Notiz, wie ein gewisser anderer Herr Doctor, der fort u. fort – Gott sei bei uns! – in seinem Corpus juris steckt, u. die ganze Christenwelt ins Heidenthum zurück führen will! Hüthe Dich – und siehe hier beginnt der alte Magister wieder mit s. Lectionen u. Predigten – hüthe Dich, mein Freund, daß die Christenwelt wegen Deines heidnischen Eifers Dich nicht excommunicire, und Du ja nicht genöthigt werdest, in die uncultivirten Wälder und Wilden Amerika's Dich zu flüchten; denn siehe, allein ließe ich Dich nicht ziehen; ich müßte mitkommen, um dort für Deine Seele zu sorgen. Aber den Schmerz wirst Du mit Deinem Heidenthum mir nicht bereiten wollen, daß ich Weibchen u. Kindlein verlasse u. Dir nachfolge. Darum honora ecclesiam et time Romanos! d. h. unter diesen die ältesten u. alten; denn vor den neumodigen Romanern Dich zu warnen, bedarf es nicht; radical u. romannisch sein, sind contradictorische Dinge. – Ich bin ganz begierig zu vernehmen, wann Du Deine Probe- Vorlesung in der Aula halten oder wo Du als Substitut einer Kanzelei, wie Dein Freund Dr im Whof. Dein Plätzchen finden werdest. Oder wird wohl eine editio novissima von corpus juris auf Belvoir präparirt? Ich empfehle mich zum voraus zu einem Gratis-Exemplar auctoris carissimi. Denn solche gottlosen Bücher zu kaufen, verbietet uns frommen Geistlichen nicht nur ein gewisser innerer Scrupel od. Pietät, sondern auch das so weit verbreitete Übel, an dem unsre Zeit leidet, der Nihilismus. Zwar mußt Du diesen Begriff nicht im Sinne der Philosophen unsrer Tage u. der hochaufgeklärten journalistischen Presse auf fassen; so weit aufzusteigen vermöchte Dein simpler Rüti-Pfarrer nicht, u. zur Betrachtung solcher unsäglichen Dinge dürfte Dein alter treuer Lehrer Dich nicht verleiten. Nein, wenn bei uns armen Leuten v. Nihilismus d. Rede ist, so mußt Du das ganz im alltäglichen Sinne verstehen, u. dann heißt dieses scheußliche Wort: Nichts in der Tasche od. e. leeren Beutel haben: und damit bekäme ich weder v. Elsaßer-Juden, noch vom Stuttgarter-Cotta ein corpus juris auct. Dr A. Escheri. |

Für die hier zurück kommenden Großraths-Verhandlungen meinen besten Dank! Sie haben mich sehr interessirt, bald amüsirt, bald geärgert. Dessen ungeachtet bitte ich um Wiedersendung der Fortsetzung b. d. nächsten Sitzung unsrer Landesväter. – Hast Du vielleicht die Mysterien v. Paris in einer guten Übersetzung? Ich würde sie gerne durchlesen, wenn ich sie erhalten könnte. Wäre nur der fatale Nihilismus nicht überall der schwere Bleiblock an den Füßen bei Vielem, was ich gerne wollte u. möchte. Auch Rohmers 4 politische Parteien, eben nicht zu studiren, wie sonst Gelehrte sagen, daß sie dessen würdig sein, aber doch sie ein wenig anzusehen, hätte ich große Lust. Die Quintessenz davon od. des langen Buches kurzer Sinn wird wohl schon im Beobachter 1843 der Welt angebothen worden sein. Oder, Herr Doctor?

Die Meinen befinden sich, nachdem fast alle vorübergehend unwohl gewesen, Gott Lob, wieder hergestellt; der Kleine sitzt neben mir auf d. Boden, beschäftigt, einen Bauernhof aufzustellen u. dabei wacker zu hämmern u. zu lärmen. Der wohlehrwürdige Pastor aber befindet sich seit einiger Zeit nicht so wohl, wie ers wünschen möchte, um unge stört seinen Geschäften auch außer d. Hause nachwandern zu können. Seit bald 8 Tagen sind d. Ohren ganz eingemummt; Zieh salbe hinter denselben verursachen Schmerz u. Unruhe, bei Tag u. Nacht. Indessen bessert's wieder. Die Ursache d. Ohrenübels ist einzig die letzte Großrathswahl der hiesigen Zunft; so oft es Pfr. S. von Bubikon hieß, statt von Rüti, war das mir, als versetze mir jemand Ohrfeige auf Ohrfeige, u. das Trommelfell wäre bald zerplatzt! Heu me miserum! – – Bene, qui latuit!

Die herzlichsten Grüße
von Deinem

H. Schweizer
p. t. past. Rüt.

NB. P. S. Die Post befördert nun täglich hieher, was bis Abends 3 Uhr ihr übergeben wird.