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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0311 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 8

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 14. Januar 1844

Schlagwörter: Berufsleben, Privatdozenturen, Rechtliches, Universitäre Studien, Universität Zürich, Universitäten und Hochschulen (diverse)

Briefe

Glarus den 14. Januar 1844.

Mein theurer Freund!

Du wünschest von mir eine baldige Antwort, u. sollst sie hiemit erhalten, wenn sie auch vielleicht etwas kurz ausfallen wird. Dein letzter Brief1 hat für die darin besprochne Frage mein lebhaftestes Interesse erregt, u. nicht minder fühle ich mich abermals zum Danke verpflichtet für die Offenheit, mit der Du Dich über Deine Pläne u. Aussichten, sowie über die verschiedenartigen Momente, welche Deinen Entschluß bestimmen können, gegen mich ausgesprochen hast. Einen eigentlichen Rath kann ich Dir nun freilich nicht geben, da in solchen Dingen die eigenste individuelle Neigung entscheiden muß; aber meine Ansicht über die Sache will ich Dir nicht vorenthalten. Es ist ein schöner Gedanke, der auch mich, sogleich nachdem ich Keller's Abgang von Eurer Hochschule vernommen, ergriff, daß Du nun vorzugsweise berufen seyest, die dadurch entstandne Lücke einigermaßen auszufüllen, u. sehr ehrenvoll ist für Dich das Zutrauen Keller's, der Dich selbst gewissermaßen zu seinem Nachfolger zu bestimmen wünscht. Ich bin auch überzeugt, daß Du den Wünschen dieses Mannes, dessen Ansichten von jeher so großes Gewicht für Dich hatten, unbedingt Folge geben würdest, wenn nicht Deine innere Neigung u. Deine bisherige geistige Errungenschaft entschiednen Widerspruch dagegen erheben würden. Diesen entgegenzutreten u. eine andere Bahn einzuschlagen, als auf welche Dein Geist selbst Dich hinlenkt, könnte auch ich Dir nicht rathen, da bei allen geistigen Arbeiten u. Unternehmungen der Erfolg, wie mir scheint, vorzugsweise von der Stärke des innern Antriebes abhängt. Es wäre freilich sehr zu wünschen, daß ein neuer tüchtiger Dozent die bis dahin von Keller gelesnen Collegien, namentlich Institutionen u. Pandekten2, welche doch beinahe die wichtigsten im akademischen Unterrichte sind, vortragen würde, u. ich hoffe auch immer noch, daß Du vielleicht später, wenn in| zwischen nicht sonst ein bedeutender Rechtslehrer an Keller's Stelle berufen wird, dieselben übernehmen werdest; aber daß Du gerade die Kraft der Jugend auf die Ausarbeitung von Collegien verwenden sollest, zu denen Du keine rechte Lust hast, darf Dir nicht zugemuthet werden. Denn ich glaube kaum, daß, wenn Du in den beiden nächsten Semestern Institutionen u. Pandekten lesen solltest, Dir noch hinreichende Zeit zur Fortsetzung Deiner civilprozessualischen Studien übrig bliebe, in denen Du doch am ehesten etwas Selbstständiges u. Werthvolles leisten zu können hoffst. Zugleich bin ich der Ansicht, jene Lücke könne auch schon dadurch einigermaßen ausgefüllt werden, daß überhaupt wieder ein tüchtiger Dozent in der juristischen Fakultät auftrete, gleichviel welches Fach er lehre. Aber das glaube ich mit Keller, daß dieses bald geschehen muß; denn damit der nachtheilige moralische Eindruck, den sein Abgang für die Hochschule hervorbringt, nicht gar zu nachhaltig werde u. mit Hinsicht auf die juristische Fakultät nicht gänzlich entmuthige, ist es nothwendig, daß er so schnell als möglich durch einen andern günstigen Eindruck, wo nicht aufgehoben, doch geschwächt werde. Aus diesem Grunde würde ich Dir auch empfehlen, Dein Colleg über vergleichenden Civilprozeß schon auf nächsten Sommer anzukündigen, indem ich voraussetze, daß es Dir nicht völlig unmöglich wäre, die Vorarbeiten dazu bis zum Beginne des Semesters zu vollenden.3 Käme es dann nicht zu Stande, so hättest Du wenigstens Deine Pflicht gethan; würde es nur von wenigen Zuhörern besucht, so brauchtest Du Dir um so weniger Skrupel über die noch nicht erreichte Vollendung der Vorlesung zu machen. Auf viele Zuhörer wirst Du so bald nicht rechnen dürfen, da wohl ohne Zweifel der Besuch der juristischen Fakultät nach Keller's Abgange sich wesentlich vermindern wird. Ueberhaupt braucht es wohl ziemlich viel Muth dazu, um unter den gegenwärtigen Umständen an der Zürcher Hochschule als Dozent aufzutreten; aber gerade die Wahrnehmung, daß noch solcher Muth vorhanden ist, kann derselben wieder aufhelfen.

Ueber die Größe des Verlustes, den Ihr an Keller erleidet, will ich auch keine weitern Exklamationen beifügen, da Du wohl weißst, wie sehr ich ihn, besonders in wissenschaftlicher Beziehung, immer achtete. Zürich zu verlassen, hatte er jedenfalls hinlängliche Veranlassung; dagegen ist mir noch nicht recht erklärlich, warum er gerade eine Professur in Halle annahm, einer Universität, die, wenn sie auch im Uebrigen einen höhern Rang einnehmen mag, doch gerade in der juristischen Fakultät sehr schwach besetzt ist. Die | N.Z.Z. redete zwar von einer «Brücke nach Berlin»4; allein hätte er nicht, auch ohne dieses Purgatorium5 zu passiren, dorthin gelangen können? – An der Hochschule wird K. auch für seine Vorlesungen über zürcherisches Partikularrecht, die doch in praktischer Beziehung so unentbehrlich sind, nicht leicht zu ersetzen seyn.

Unser Freund Pfr. Zwicki, dessen Gesundheitsumstände sich einigermaßen gebessert haben, sieht sich gegenwärtig in einen sehr unangenehmen Erbschaftsstreit mit den Geschwistern 6 seiner sel. Frau7 verwickelt. Nach unserm Rechte steht nämlich dem überlebenden Ehegatten im Falle kinderloser Ehe die Wahl zu, entweder sein eignes, eingebrachtes Vermögen zurückzunehmen u. dadurch auf das Erbrecht zu verzichten, oder von dem gemeinschaftlichen Vermögen beider Ehegenossen die Hälfte zu beziehen. Hierüber hat er sich binnen zwei Monaten bei der Gerichtskanzlei zu erklären; unterläßt er es, so steht dann die gleiche Wahl den Erben des verstorbnen Ehegatten zu. Nun hat unser guter Pfarrer es wirklich unterlassen, jene – freilich sehr weltliche – Erklärung zu seinen Gunsten, d. h. für die Hälfte abzugeben, u. hierauf haben die Geschwister seiner sel. Frau erklärt, daß sie nun ihr ganzes hinterlaßnes Vermögen beziehen wollen, wozu sie allerdings, wenn nichts weiteres vorgefallen wäre, das vollste Recht hätten. Indessen kömmt für Zwicki der glückliche Umstand hinzu, daß ihre Habgier schon 3 Wochen nach dem Tode seiner Frau sie antrieb, sich mit ihm in deren hinterlaßnes Vermögen, mit Zuzug des seinigen, natürlich unbedeutenden, zu theilen, worüber ein von beiden Partheien unterzeichnetes Theilungsinstrument vorhanden ist. Dieses Faktum würde wohl schon seiner Natur nach für die Miterben eine Verzichtleistung auf allfällige, ihnen zustehende weitere Rechte involviren; überdies spricht sich auch unser Gesetz mit ziemlicher Bestimmtheit dahin aus, daß die «Eherechtserfahrung», d. h. jene angedeutete Wahl u. Erklärung derselben nur so lange zuläßig, als die Theilung der Erbschaft noch nicht vollzogen worden sey. So glaube ich, daß der Entscheid des Prozesses, wenn es zu diesem kömmt, für Zwicki günstig seyn müsse; aber höchst unangenehm ist es für ihn immerhin, solche Erfahrungen zu machen, welche seine Schwäger in moralischer Hinsicht nicht eben in das beste Licht setzen.8

Sehr leid thut es mir aus Deinem Briefe zu erfahren, daß Deine l. Mamma sich immer sehr leidend befindet; ich wünsche von ganzem Herzen, daß es bald besser kommen möge. Meiner l. Mutter9 geht es gegenwärtig im Ganzen ordentlich. Empfehle mich den Deinigen u. grüße mir auch meinen neuen Freund Arminli10 (ich vergaß in m. letzten Briefe11 ihn zu erwähnen), u. empfange die herzlichsten Grüße von allen l. Meinigen u. besonders

Deinem treuen

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Pandekten: eine auf den byzantinischen Kaiser Justinian zurückgehende Sammlung von Rechtsansichten und Aussprüchen berühmter Rechtsgelehrter.

3Zur Tätigkeit Eschers als Privatdozent vgl. Schmid, Escher, S. 178–180; Eschers Aufstieg in der Politik (1842–1848), Zürich: Voller Tatendrang.

4 «Denn wie anziehend auch die Professur in Halle als Brücke zu einer Professur in Berlin für den großen Rechtslehrer und Mann der Wissenschaft sein mag; so kann und darf sie für den Charakter nicht der einzige Bestimmungsgrund sein, das Vaterland zu verlassen.» NZZ, 5. Januar 1844.

5Purgatorium (lat.): Fegefeuer.

6Gemeint sind Susanna Blumer (1805–1875), Peter Blumer (1809–1882), Fridolin Blumer (1811–1880) und Agatha Schindler-Blumer (1813–1882).

7 Anna Margarethe Zwicky-Blumer (1820–1843), verstorbene Ehefrau von Kaspar Lebrecht Zwicky.

8Zum Ausgang der Angelegenheit schreibt Blumer später: «Zwicki's Schwäger scheinen nun doch von ihren Ansprüchen auf sein Vermögen abstehen zu wollen.» Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 8. März 1844.

9 Anna Katharina Blumer-Heer (1791–1873), Tochter der Susanna Heer-Zwicky und des Ratsherrn Joachim Heer-Zwicky.

10 Armin Stockar (1839–1909), Sohn von Clementine Stockar-Escher und Kaspar Stockar.

11 Vgl. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 3. Januar 1844.