Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0310 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Mittwoch, 3. Januar 1844

Schlagwörter: Berufsleben, Freundschaften, Kommissionen (kantonale), Krankheiten, Landrat GL, Mittwochgesellschaft, Rechtliches, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Glarus den 3. Januar 1844.

Mein theurer Freund!

Ich wollte dir gestern schreiben; da erinnerte ich mich aber deines Vorhabens, diese Tage in Zug zuzubringen, u. dachte, du würdest meinen Brief heute doch nicht lesen, weßhalb ich die Feder wieder weglegte. Nun ist es aber doch wohl Zeit, dir zu melden, daß ich nach unserm Abschiede in Belvoir sehr wohl (in Gesellschaft des Philologen Zwicki) nach Hause gekommen bin u. daselbst Alles in bester Ordnung angetroffen habe, u. dir u. deinen Eltern für den gastfreundlichen u. herzlichen Empfang, der mir auch diesmal wieder in Euerm Hause zu Theil wurde, u. für die vielen Gefälligkeiten, die Ihr mir während meines letzten Aufenthaltes in Zürich erwiesen habt, meinen wärmsten Dank zu sagen. Mein innigster Wunsch ist es nur, daß ich im Stande seyn möchte, dir alle diese Freundschaft zu erwiedern, was ich freilich so leicht nicht voraussehen kann. Mit Bedauern vernahm ich von Streif, daß du nach meiner Abreise ganz ernstlich von der Grippe befallen wurdest, dagegen freute es mich zu hören, daß es deiner l. Mamma nachher etwas beßer ging. Ich würde eine schwere Last auf meinem Gewißen haben, wenn ich denken müßte, daß gerade meine Anwesenheit u. das dadurch veranlaßte geräuschvollere Leben in Euerm Hause ihre damaligen Leiden befördert hätten; schreibe mir daher doch ja recht viel über ihre Gesundheitsumstände. deiner Frau Schwester bitte ich dich zu sagen, daß ich die von ihr bestellte u. wahrscheinlich unter ihrer Aufsicht verfertigte Pelz-Pélerine erhalten habe u. daß meine Frau große Freude daran hat; wir beide laßen ihr für die Mühe, welche sie sich damit gab, u. für die freundschaftliche Gefälligkeit, welche sie dadurch gegen uns an den Tag legte, bestens danken.

Als ich nach Hause kam, warteten meiner mancherlei praktische Geschäfte, beson| ders amtliche für die beiden Landrathskommißionen, von denen ich dir erzählt habe. Heute war gerade der Landrath versammelt, um über die von uns vorberathnen beiden Begnadigungsgesuche zu entscheiden; ich war Berichterstatter, u. es gelang mir nebst einigen wackern Collegen, den Grundsatz zu retten oder vielmehr neu aufzustellen, daß die Begnadigung, besonders bei bloßer Zuchthausstrafe, nur dann einzutreten habe, wenn eine wirklich nachweisbare Härte des Gesetzes oder der gerichtlichen Praxis zu mildern sey, nicht aber wegen einer angeblichen, oft sehr trügerischen Beßerung des Verbrechers. Es war wirklich Zeit, daß dem argen Unfuge, welcher sich bei uns eingeschlichen hatte, einmal ein Riegel geschoben wurde: unser Gesetz giebt nämlich jedem zu «vieljähriger» (was sehr laxer Weise einmal sogar auf 2 Jahre ausgedehnt wurde) Zuchthausstrafe Verurtheilten die Befugniß, nach Ablauf von zwei Drittheilen seiner Strafzeit um Begnadigung einzukommen, so ferne er Zeugniße für sein gutes Verhalten in der Strafanstalt vorzuweisen vermag, diese sind nun natürlich, wenn Einer nicht zu den allerverstocktesten Bösewichten gehört u. daneben ein bischen Verstand hat, ziemlich leicht zu erhalten; gewöhnlich also geht schon vor jenem Termine ein solches Gesuch ein, u. der Landrath, von unglaublicher Weichherzigkeit erfüllt, glaubte bis dahin immer entsprechen zu sollen. So konnte bald jeder, zu Zuchthausstrafe verurtheilte Verbrecher, wenn er sein Urtheil vernahm, einen Drittheil davon als Rabatt abziehen, wodurch natürlich solche Strafsentenzen förmlich eludirt wurden. Heute hat nun der Landrath, da er in einem einzelnen Falle wahrnahm, daß die erkannte Strafe nach gesunden Rechtsbegriffen dem verübten Verbrechen vollkommen angemessen sey, ja daß bei Ausmeßung derselben bereits alle, auf die Persönlichkeit des Verbrechers sich beziehenden Billigkeitsrücksichten in Anschlag gebracht worden seyen, dem Antrage der Commißion beipflichtend, mit großer Mehrheit sich gegen das bisherige System entschieden. – Mit der Entwerfung eines Schuldentriebgesetzes haben wir uns bereits in zwei Sitzungen beschäftigt, wo man sich über die allgemeinen Grundlagen verständigt hat, jedoch eine nochmalige einläßlichere Berathung sich vorbehielt. Einen großen Einfluß übte dabei das St. Gallische Gesetz aus, | welches mit unserm bestehenden Rechte manches Verwandte hat u. sich auf unsre Verhältniße ziemlich leicht übertragen läßt, u. das im Ganzen als gut erkannt wurde. Bei näherer Prüfung fand ich indeßen darin freilich auch viel Unklares u. Verworrenes; einige dieser Mängel können durch Redaktionsverbesserungen geheilt werden, andre nur dadurch, daß man die Grundlage aufgiebt. Bei einzelnen Bestimmungen, namentlich denen über den Rechtsvorschlag, werde ich Euer Gesetz als das durch Klarheit u. Consequenz vorzüglichere dringend zur Berücksichtigung empfehlen.

Da ich für meine wißenschaftlichen Arbeiten seit meinem Besuche bei dir (ausgenommen etwa eine lange Epistel an J. Escher über die unter uns besprochenen erbrechtlichen Fragen) beinahe nichts gethan habe, so mag ich dir auch jetzt nicht davon schreiben, u. verspare diesen Punkt auf einen nächsten Brief. Dagegen wird es mich sehr freuen, wenn du mir über deine civilprozeßualischen Studien recht ausführlich schreibst; ich werde dir auf dieses Feld, welches mich von jeher sehr intreßirte, mit Vergnügen folgen u. dir jede daherige Anregung, mich tiefer in einzelne Materien einzulaßen, verdanken. Daß du mir auch von Euerm Vereine recht viel meldest, brauche ich dir wohl nicht erst zu empfehlen, da du selbst wahrgenommen haben wirst, wie sehr mich derselbe freute, obschon der Zufall mich nicht gerade in eine ansprechende Sitzung geführt hat. Ich fühlte mich um so mehr von dieser Gesellschaft angezogen, als ich mich überzeugte, daß sie für jetzt wenigstens noch durchaus kein eigentlich politischer Verein, sondern eher nur eine, den veränderten Verhältnißen angepaßte Fortsetzung des Zofinger Vereins ist – natürlich nicht der Form, sondern dem Gehalte nach. Schreibe mir auch von Euerm Ausfluge nach Zug, soviel sich davon zur Mittheilung an einen «christlich-germanischen Ehemann» eignet. In meinem Briefe wird die Rubrik «geselliges Leben» immer sehr mager ausfallen, weil ich wenig Erfreuliches berichten kann u. mir durch die Beschäftigung mit Unerquicklichem meine sonst heitere Laune nicht verderben will.

Empfehle mich nebst meiner l. Frau deinen verehrten Eltern u. deiner Frau Schwester, und sey herzlich gegrüßt von
deinem treuen

J J Blumer.

Viele Grüße an alle meine Freunde in Zürich.