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Korrespondenz: Alfred Escher – Heinrich Schweizer

AES B0308 | ZBZ

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 6

Alfred Escher an Heinrich Schweizer, Belvoir (Enge, Zürich), Sonntag, 31. Dezember 1843

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Feiern und Anlässe, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Wahlen, Zürichputsch (1839)

Briefe

Mein lieber Herr Pfarrer!

Nicht wahr, es ist schön, wenn man am Sylvester eine Correspondenz anfängt? Ich kann mich höchstens etwa damit entschuldigen, daß dieser Sylvesterbrief keine Antwort ist & daß somit mein Correspondent mir nicht einmal am Sylvester geschrieben!

Ihr Schreiben1 an meinen Vater hat uns ein recht freundliches Gemälde der Pfarrfamilie in Rüti entworfen. Das war eine schöne Erholung nach den Predigtmühen der Weihnachtstage. Die armen Geistlichen müssen zu viel reden & das ist doch der unausstehlichste Zwang, der sich denken läßt! Ob die Zeit auch da Verbesserungen bringen wird? Dann, wenn die frommen Betrüger die Reformer nicht mehr mit Erfolg für Nihilisten ausgeben können!

Sie sehen «immer gottlos», wie die Pharisäer des 19ten Jahrhundertes sagen würden: aber ich versichere Sie, in der That & Wahrheit nicht halb so gottlos!

Ich glaubte immer, es müsse sich in den Zeitungen in das Referat von der | Großrathswahl von Bubikon ein Fehler eingeschlichen haben & statt Herr Pfr. Schweizer in Bubikon Hr. Pfr. Schweizer in Rüti zu lesen sein.2 Item3 Sie waren Pfr in Bubikon & sind Pfr. in Rüti & κυνώπiς4 ist bloß Pfr. in Bubikon & wenn einer in 2 Zunftgemeinden Pfarrer war, so sollte er mehr Gewicht haben, als einer, der bloß in einer Zunftgemeinde Pfarrer ist! Oder wirkten die Erinnerungen an die unsterblichen Verdienste, die sich Ihr Herr College 1839 als Straußenfresser oder wenigstens, was sich für einen κυνώπiς wohl ziemt, als Straußenanbeller, erworben? Sollten Sie etwa so unglücklich sein, für nicht vollkommen canonisch zu gelten?

Beiliegend die Großrathsverhandlungen5, in denen sie schwarz auf weiß die ewige Wahrheit lesen können, daß Zürich die Vorkämpferinn für alle Culturfragen der cultivirten Welt ist & aus denen Ihnen klar werden wird, daß man, wenn man Schulmeister des Zürcher'schen Großrathes ist, auf den Namen eines Europäischen Schulmeisters ohne Unbescheidenheit Anspruch machen kann!6

Jetzt glauben Sie gewiß, ich denke & treibe nichts als Politik! Nein, so tief ist Ihr Schüler7 nicht gefallen: von Husten u. ähnlichem geplagt hat er vielmehr seit 14 Tagen das Studierzimmer nicht verlassen & in diesem nichts als das corpus juris8 & wieder das corpus juris vor sich gehabt. Eine Furcht – ich gestehe es Ihnen – verfolgt mich immer, nämlich die, es möchte | dieses Buch, da es nicht gerade auf «Hebung des gemüthlichen Elementes» berechnet ist, über kurz oder lang einmal im Canton Zürich und dann also nothwendig auch in der ganzen cultivirten Welt verboten werden. Dann müßten wir Abschied nehmen, da ich genöthigt wäre, mich in die uncultivirte Welt zurück zu ziehen. Glauben Sie nicht, diese sei überhaupt auf dem Wege, sich nicht wenig auszudehnen?

Kehren wir jetzt in unser friedliches, ländliches Belvoir ein & besuchen wir seine Bewohner. Papa ist gesund & frisch, wie ein 20jähriger Ganymedes9. Er beschäftigt sich in diesem Augenblicke sehr mit der Lectüre der mystères de Paris10, die ein großes psychologisches & völkergeschichtliches Interesse haben. Radicale Knaben wollen sogar behaupten, sie seien interessanter als die 4 politischen Parteien von Rohmer11 . Den Absatz, den die beiden Bücher finden, zum Maaßstabe genommen, wäre diese knabenhafte Behauptung freilich gegründet. Aber die ganze Welt besteht eben aus Knaben; darum bedarf sie eines Schulmeisters!

Mamma ist – und ich erinnere mich, daß ich, wenn ich Ihnen schreibe, nicht auf Wochen, sondern auf Monate zurück gehen muß! – weniger leidend als in den Monaten nach meiner Rückkehr von Paris. Doch hatte sie gerade in | den letzten Wochen einige fatale Zufälle.

Clementine12 ist, wie Sie wissen, eine gute Mutter & Malerin. In ersterer Beziehung muß sie jetzt besonders thätig sein, da der arme Armin13 einen Ausschlag im Gesichte hat. Daß sein Humor, da ihn dieses Übel gerade auf die Jubeltage der Kinder befallen, nicht der beste ist, ist leicht zu entschuldigen. Egbert14 , mein Ebenbild, wie die Leute sagen, was wir aber um des lieben Kleinen willen nicht wünschen dürfen, ist frisch.

Mein Schwager15 beschäftigt sich, wie immer, mit gewissenhaftem Eifer & großer Bescheidenheit mit seinem Geschäfte & wissenschaftlichen Arbeiten zoologischen Inhaltes.

Die guten Nachrichten, die Sie uns von Ihnen & den Ihrigen geben, haben uns sehr gefreut. Beweisen Sie uns doch bald Ihre Richtigkeit, wenigstens so weit sie Ihre Person betreffen, durch einen Besuch. Ich verspreche Ihnen, Sie weder mit Communismus, noch mit Nihilismus anzustecken.

Empfangen Sie für sich & die l. Ihrigen unser aller herzlichen Gruß.

Im alten & im neuen Jahr & immer

Ihr

A Escher.

Belvoir
31 Dez. 1843.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Am 5. November 1843 wurde Karl Heinrich Schweizer (1802–1875), Pfarrer in Bubikon, in den Grossen Rat gewählt. Vgl. NZZ, 6. November 1843.

3Item (lat.): ebenso; übertragen: wie dem auch sei.

4Kynopis (gr.): hundsäugig.

5Beilage nicht überliefert. – Zu den Verhandlungen siehe unten.

6In der Zürcher Grossratsverhandlung vom 20. Dezember 1843 wurde eine Petition der Radikal-Liberalen behandelt, die sich über Mängel im kantonalen Schulwesen beschwerten und eine Teilerneuerungswahl des Erziehungsrates forderten. Die Konservativen wehrten sich vehement gegen die Forderungen. Nach langer Debatte wurde vom Grossen Rat mit 101 gegen 88 Stimmen beschlossen, die Petition nicht an den Regierungsrat zu überweisen, da diese nicht zur Verbesserung des Schulwesens beitrage, sondern «vielmehr den gedeihlichen und ruhigen Fortgang des Schulwesens» gefährde. NZZ, 21. Dezember 1843. Zur Debatte im allgemeinen vgl. NZZ, 18. Dezember 1843, 19. Dezember 1843, 20. Dezember 1843.

7Heinrich Schweizer war der erste Privatlehrer Alfred Eschers. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 60–76.

8Corpus iuris (lat.): Rechtskörper; übertragen: Gesetzbuch, Gesetzessammlung.

9Ganymedes: in der griechischen Mythologie ein schöner Jüngling, der von Zeus auf den Olymp entführt wurde.

10«Les mystères de Paris» ist ein 1842/43 im «Journal des Débats» erschienener Roman des französischen Autors Eugène Sue (1804–1857). Vgl. Sue, Mystères; Galvan, Mystères.

11Gemeint ist der erste Band des Werks «Friedrich Rohmer's Lehre von den Politischen Parteien» von Friedrich Rohmer (1814–1856) und seinem Bruder Theodor Rohmer (1820–1856). Vgl. Rohmer, Parteien I.

12 Clementine Stockar-Escher (1816–1886), Tochter von Lydia und Heinrich Escher; ab 1837 Ehefrau von Kaspar Stockar.

13 Armin Stockar (1839–1909), Sohn von Clementine Stockar-Escher und Kaspar Stockar.

14 Egbert Stockar (1842–1903), Sohn von Clementine Stockar-Escher und Kaspar Stockar.

15 Kaspar Stockar (1812–1882), Besitzer des Kupferhammers (Werk, in dem Kupfer durch den Hammer oder Walzen bearbeitet wird) am Hegibach in Hirslanden.