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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0307 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

In: Jung, Aufbruch, S. 243 (auszugsweise)

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Neuenburg, Samstag, 23. Dezember 1843

Schlagwörter: Freundschaften, Parteienstreitigkeiten, Reisen und Ausflüge

Briefe

Mein lieber Alfred.

Wenn ich einige Wochen verstreichen ließ, ehe ich dir d. vielleicht früher erwartete Antwort ertheile, so geschah es um unbefangner über das unter uns Vorgefallene urtheilen zu können. Ich bedaure innig was geschehen ist & du bedarfst wohl kaum der Versicherung, dß ich dir unbedingten Glauben auf dein Wort hin schenke. Nach deinen Worten selbst aber wirst du mir auch die Gerechtigkeit wiederfahren lassen, dß du, ohne eigene schlimme Absicht mich in sehr unangenehme Geschichten verwikeln konntest. Tschudy beynahe ein halb Jahr jene Äusserung mit sich herumtrug & die frappante Weise in der er sie wiedergab, sprechen genug dafür, dß er sie kaum als einen Dienst den du ihm damit erwiesen, ansah & die Wirkung also in doppelter Hinsicht eine unglükliche war. Nicht um einen alten Brei aufzuwärmen, komme ich darauf zurük, sondern weil es mir für alle Zukunft von größter Wichtigkeit erscheint den Grundsatz für dich & mich & für alle unsere Freunde festzustellen, die genaue ste Verschwiegenheit & Diskretion hinsichtlich der im freundschaftlichen Verkehr gefallenen Äusserungen, betreffen sie selbst Freunde oder Fremde, zu beobachten. Ohne diesen Grundsatz kann ich mir selbst ein nur gewöhnliches geselliges Verhältniss nicht denken. Wenn du mich frägst, warum ich dir nicht gleich den ganzen Hergang erzählt, so kann ich nur meine frühern Worte wiederholen, dß ich in meinem innersten Gemüthe zu sehr ergriffen war als dß es mir möglich gewesen wäre, dich gerade zu über den Vorgang anzufragen. Wenn ich meine individuelle Stellung der Deinigen gegenüber darstellte, & ich gerade die Differenzen besonders hervorhob, so geschah nur was ich auch ohne dies seit geraumer Zeit thun wollte. Du magst dich ähnlicher Briefe von Deutschland her erinnern & ich schrieb sie wesentlich, um unser gegenseitiges Verhältniss zu bestimmen & möglichen Missstimmungen im gegenseitigen Verkehr vorzubeugen. Jezt da die Individualitäten sich noch schärfer gezeichnet & zumal die meini ge endlich auch eine bestimmtere Richtung genommen hat, wollte ich dasselbe thun. Daß es vielleicht in bitterer Weise & jedenfalls in weniger deutlichen Worten als wünschbar war, geschah war die Folge obiger, mehr als unruhiger Stimmung. Opposition magst du darin erbliken, von Vorwürfen aber kann nicht die Rede sein, ich habe dir keine gemacht. Wenn dein Scherz mich etwa einmal| kränkend berührte, so habe ich doch mit keiner Silbe denselben berührt, obwohl ich nicht leugne dß es mit den übrigen Umständen verkettet, zur Form des Briefes das seinige beytra gen mochte. Vorerst bin & war ich gewiss immer mit dir einverstanden, dß es besser & meiner würdiger sei, wenn ich mehr darnach strebe mich wissenschaftlich immer mehr zu vervollkommnen als ein angenehmer Gesellschafter in Damenzirkeln zu werden. Ich habe diesen Grundsatz immer vor Augen gehabt selbst zur Zeit wo ich am meisten wie ihr meintet, den Weibern nachlief. ich ein Weiberfeind & Misanthrop (nach Moliere) war, wie wenige, wird keiner leugnen. Wie & bei welcher Gelegenheit ich den Vorsatz fasste, mich zu ändern, weißt du & ich segne die Stunden, die mir ihn eingegeben. Die neue Welt in die ich eintrat konnte nicht andres als mich mehr beschäftigen: wie den der von Kindesbeinen auf darin erzogen war & ich läugne nicht, dß meinen ernstern wissenschaftlichen Studien manche Stunde entzogen wurde. Mein Zwek aber war niemals ein anderer als mich aus der Unbeholfenheit im Umgange mit der Welt & zumal mit der zweiten Hälfte unseres Geschlechtes herauszuarbeiten. die Frauen vor allem die Sitten bilden, ist ein alter Satz; nur muß man sich nicht an die excentrischen halten & diejenigen aufsuchen deren einfach edles Wesen die Sprache reiner Wahrheit zu würdigen weiß. Zu einem Schwätzer im Damen cirkel, zu einem Gaffer im Salon fühlte ich niemals weder Lust & noch weniger die Fähigkeiten. Gieng ich mit unter in meinen Äusserungen etwas weiter, so geschah es nur als Erwiederung auf die beständigen Nekereyen, denen ich ausgesezt war. Jezt, da ich ein so stilles Leben führe wie je & mich glüklicher fühle wie bei meiner frühern schroffen Charakter, darf ich sagen, dß meine Bemühung nicht umsonst gewesen & dß zu diesem Resultate mein Aufenthalt in Neuschatel noch sehr viel beygetragen.

Wenn es mir aber vor allem um Äusserung meiner Gegenansicht & nicht um einen Vorwurf zu thun war, so war es, als ich unsere politisch. Ansichten berührte. Vorwurf kann hier nur den treffen, den eine andere Macht als innere Ueber zeugung an eine bestimmte Parthey knüpft. Es war gewiss nur gut gemeint wenn ich dich warnte zu rasch dein Urtheil dir zu bilden, zu bald dich mit Leib & Seele einer Parthey anzuschliessen. Ich sprach nicht von der radikalen Parthey um d. andre zu loben. Beyde liegen mir jezt als die extremsten auf politisch. Gebiet gleich ferne; auch kann ich den Grundsatz durchaus nicht| theilen, dß es nöthig sei der einen oder andern ohne Rükhalt sich anzuschließen. Ich halte diese Spaltung in unserm Lande für ein Unglück, mag man sich auch auf andre größere Brüder berufen, wo indessen ganz andere Verhältnisse herrschend sind. Daß Geistes & Gemüthsanlage, gewiß aber auch in ebenso hohem Masse die persönliche Umgebung von größtem Einflusse auf d. Stellung des einzelnen Individums sind, ist nur zu wahr. aber auch der Mensch seiner zur Freiheit bestimmten Persönlichkeit zu folge selbst im Streite gegen die obigen Einflüße, sich selbständig seine geistige Stellung sichern kann, ds lehrt uns die Geschichte aller Zeiten, das habe ich selbst auf das lebendigste an mir erfahren. Was mir im bloßen alltäglichen politischen Treiben nie zu Theil ward, wozu ich in der Geschichte der Menschheit vergebens den Schlüssel suchte, da ich in ihr nur den Wiederschein meiner eigenen sich bekämpfenden Zweifel erblikte, dazu haben mir meine besondern Studien den Weg gezeigt & die Erforschung der ersten Werke der göttlichen Allmacht hat mir durch die klare Darstellung der ersten Gesetze göttlichen Wirkens auch einen Faden für die verwikelten, späten Zustände der Welt & namentlich unsrer eignen Geschichte an die Hand gegeben, den ich wohl immer vergeblich gesucht hätte. Mag das Studium der Alten praktischen Sinn, scharfe Dialektik weken & in dieser Hinsicht tüchtige Charaktere noch fortwährend erzeu gen; zur Lösung unserer Lebensfragen, zur Versöhnung unserer höchsten geisti gen Interessen kann ich es nicht für genügend halten. Es beruht aber auch diese ganze Anschauungsweise, die den Umschwung unserer Philosophie bezeichnet auf einer psychologischen Thatsache, auf der Identität von Denken & Sein, von Sub & Objekt, von der die ganze unendliche Kluft zwischen dem frühern Rationa lismus & der Schelling-Hegelschen Philosophie entspringt. Der erste zeichnet sich aus durch die scharfe Trennung & Zersetzung aller Gebiete & Vermögen der Materie & des Geistes, die zweite durch ihre Ordnung & Vereinigung im System. Die leztere Richtung ist nothwendige Consequenz der erstern & ihr Verhältniss mit hin nicht direkt feindlich. Dies ist nach meiner Ansicht auch unser Verhältniss & wenn du zu zugäbst, dß du hier jezt noch der frühern, scheidenden Richtung angehörst wirst du auch nicht die Möglichkeit einer spätern Vereinigung im Sinne der zweiten Tendenz in Abrede stellen. Der bedeutenden Männer viele sind vom Rationalismus abgefallen, der abgefallenen keiner, dß ich wüßte, zu ihm zurükgekehrt. – Für dich interessantes von Neuschatel weiß ich dir nicht zu sagen. In den lezten Tagen des schönen Septembers habe ich mehrere Tage in den Bergen unsers Jura zugebracht & Bekante in La Chaux & Locle besucht. Ich sehe bereits ein wie gut ich gethan habe, meinen Aufenthalt zu verlängern,| da die Monate Dezember, Januar & Februar das meiste Interesse & auch die meiste Arbeit gewähren. Neue Bekantschaften hab ich keine gemacht, ausser d. Familie Mercier, die mir ebenfalls sehr freundliche Aufnahme gewährte. Eine Einladung für den Neujahrsabend habe ich bereits bei Pury's angenommen. In körperlicher & gemüthlicher Hinsicht befinde ich mich sehr wohl. – Mit den besten Wünschen für das Wohl der Deinigen in aller Zukunft bringe ich dir meinen warmen Neujahrsgruß als dein treuer

C. Sinz

Neuschatel. 23. Dez. 1843.|

Viele Grüße an Zwiky. Stadelmann erwarte ich Ende Februar.